hob bedeutsam den Deckel in die Höhe . Da lagen auf dunklem Samtpolster Schmuckgegenstände von altertümlicher Fassung , Armbänder , Nadeln , eine Schnur gehenkelter Goldstücke und mehrere Reihen echter Perlen . Das Papier war herabgefallen ; Reinhard hob es auf und erbot sich , den Inhalt vorzulesen : er war , selbst für die damalige Zeit - vor ungefähr zwei Jahrhunderten - sehr unorthographisch und ungelenk geschrieben - der Verfasser hatte sicher das Schießgewehr besser zu führen verstanden , als die Feder - trotzdem wehte ein poetischer Hauch durch die Zeilen . Sie lauteten : » Wer Du auch seiest , der Du diesen Raum betrittst , bei allem , was Dir heilig , bei allem , was Du liebst und was je Dein Herz gerührt , störe ihre Ruhe nicht ! ... Sie liegt da , schlummernd wie ein Kind . Das süße Antlitz unter den dunkeln Locken , es lächelt wieder , seit der Tod es berührt ... Noch einmal , wer Du auch seiest , ob hochgeboren oder ein Bettler , ob Du ein Anrecht an die Tote hast oder nicht , lasse mein Auge das letzte sein , das auf ihr geruht ! Ich konnte sie nicht unter die schwere , dunkle Erde legen - hier spielen goldene Lichter um sie her , und draußen auf dem Baume läßt sich der Vogel nieder ; auf seinen Flügeln ruht noch der Waldodem , und aus seiner Kehle strömen die Lieder , die ihre Wiegenlieder waren ... Es sanken auch goldene Lichter in das Walddickicht herab , und die Vögel sangen droben auf den Zweigen , als das schlanke Reh das Gebüsch teilte und erschreckt die scheuen Augen auf den jungen Jäger richtete , der unter dem Busche ruhte . Da fuhr es jäh und heiß durch sein Herz , er warf das Gewehr weit von sich und folgte rastlos der Mädchengestalt , die vor ihm floh . Sie , das Kind des Waldes , eine Tochter jener Horden , die ein Fluch über die Erde treibt , die nirgends heimischen Boden unter den irrenden Füßen , nicht eine Scholle vaterländischer Erde haben , auf die sie das sterbende Haupt legen können , sie hatte das Herz des wilden Junkers bezwungen ... Um ihre Liebe bettelnd , streifte er Tag und Nacht um das Lager ihres Stammes , folgte ihren Schritten wie ein Hund und umschloß rasend vor Leidenschaft ihre Kniee , bis sie gerührt einwilligte , die Ihrigen zu verlassen und ihm heimlich zu folgen ... Er trug sie in der Stille der Nacht hinauf auf sein Schloß - wehe - und wurde ihr Mörder ! ... Er achtete nicht ihr Flehen , als sie plötzlich die unbezwingliche Sehnsucht nach der Waldfreiheit erfaßte ; wie der gefangene Vogel umherflattert und angstvoll sein zartes Köpfchen gegen die Stäbe des Käfigs stößt , so irrte sie verzweiflungsvoll zwischen den Mauern , die einst ihre berauschende Stimme , ihr wunderbares Saitenspiel gehört hatten und nun von ihren schmerzlichen Klagen und Seufzern widerhallten . Er sah ihre Wangen bleich werden , sah , wie ihr Auge im Haß sich von ihm abwandte ; sein Herz erlitt tausendfach den Tod , wenn sie ihn von sich stieß und vor seiner Berührung schauderte ; er geriet in Verzweiflung , aber er schob doppelte Riegel vor und bewachte in Todesangst die festverschlossenen Thüren ; denn er wußte , sie war für ihn verloren , wenn einmal ihr flüchtiger Fuß den Waldboden wieder berührte ... Da kam endlich eine Zeit , da wurde sie ruhiger ; zwar glitt sie an ihm vorüber , als sei er ein Schatten , ein Nichts , sie hob keine Wimper , wenn er in ihre Nähe trat und bittend und schmeichelnd sie anredete ; seit lange hatte sie kein Wort zu ihm gesprochen und auch jetzt kam kein Laut über ihre Lippen , aber sie rüttelte nicht mehr wild an den Fenstern , die zarte Brust wund schlagend und in gellenden Tönen nach denen rufend , die draußen in goldener Freiheit durch den Wald zogen ; sie jagte nicht mehr wie gehetzt durch Zimmer und Säle oder hinauf auf die Mauer , um den schönen Leib im trüben Grabenwasser zu betten . Unter der Eiche , neben dem Erker , saß sie geduldig mit dem lilienweißen Gesichte und sah still vor sich hin ; sie wußte , daß sie Mutter werden sollte . Und wenn die Nacht hereinbrach , nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinauf ; sie litt es , aber sie wandte das Gesicht von ihm , daß sein Atem sie nicht berühre , und kein Strahl seines heißen Auges auf sie falle . Da klopfte eines Tages der Pfarrer von Lindhof an das Schloßthor . Das Volk fabelte , sein Beichtkind , der Jost , halte Verkehr mit dem Teufel , und da kam er , um die arme Seele zu retten . Er fand Einlaß und sah das Wesen , um dessen willen der lustige Jäger das lustige Leben im Walde und den Himmel vergessen hatte . Ihre Schönheit und Reinheit rührten ihn ; er sprach zu ihr mit milder Stimme , und ihr in Schmerz erstarrtes Herz öffnete sich seinem Zuspruche . Um ihres Kindes willen ließ sie sich taufen und ließ es geschehen , daß jenes unselige Bündnis durch Priesterwort geheiligt wurde ... Als ihre schwere Stunde vorüber war , da legte sie mühsam ihre Lippen auf die Stirn des Kindes und mit diesem Kusse entfloh ihre Seele ; sie war frei , frei ! noch auf der entseelten Hülle strahlt der Abglanz dieses Triumphes ! ... Der Unselige sah ihre Wunderaugen brechen ; er wand sich in den Schmerzen der Reue und Verzweiflung zu ihren Füßen und flehte vergebens um einen einzigen , letzten Liebesstrahl . Der Knabe wurde getauft auf den Namen seines Vaters - auf meinen Namen ... Ich sah schaudernd in seine Augen - er hat die meinen - er und ich haben sie gemordet