Wo wohnst du ? Wie lebst du ? « Hans berichtete , daß er Hauslehrer im Hause des Geheimen Rats Götz sei , und der Freund sah hoch auf . » Dort ? Da ? ! Diable ! Hans , weißt du , daß du ein beneidenswerter Gesell bist ? Wahrhaftig , ich bin überzeugt , daß der Mensch sein Glück gar nicht kennt . Unter demselben Dache mit der schönen Kleophea zu leben ! Hans , Hans , manch einer würde viel darum geben , wenn er sich an deiner Stelle befände ! « Mit einem tiefen Seufzer bemerkte der Hauslehrer , daß er nicht einsehen könne , worin hier das große Glück bestehe , und immer heiterer wurde der Freund . » Per Bacco ! Ein köstlicher Kerl bist du immer gewesen , Hans , und du bist es noch . O wenn du wüßtest , wie dankbar ich dir dafür bin , daß du grade in diesem Hause deine Erziehungsexperimente machst ! Ich darf dich doch besuchen ? « » Gewiß , gewiß - ich freue mich so sehr darauf ! Erinnerst du dich wohl noch der Abende , die wir in deines Vaters Hinterstübchen und später auf der Universität zubrachten ? Du hast mir oft den Angstschweiß auf die Stirn getrieben ; aber es waren doch schöne Zeiten . « » O ja « , seufzte Moses , » sehr schöne Zeiten . Aber die Gegenwart ist auch etwas wert . Ich werde gewiß bald an deine Tür klopfen , Hans ! « Nun schob aber plötzlich der Präzeptor seinen Stuhl zurück und sah den Freund an : » Moses , du hast schon eine Bekannte in dem Hause des Herrn Geheimen Rats , und diese Kunde hat mir lange schwer auf der Seele gelegen . O weshalb hast du niemals an mich geschrieben ? Es war sehr , sehr unrecht von dir . Ich habe dich deshalb auch nicht zur Verteidigung aufrufen können - gottlob , daß ich es jetzt kann . Weshalb ist der Leutnant Rudolf so erzürnt auf dich , und was hast du seiner Nichte , dem Fräulein Franziska , welche jetzt in dem Hause ihrer Verwandten wohnt , getan ? « » Leutnant Götz ? Fräulein Franziska Götz ? « fragte Moses ganz verwundert . » Jawohl , jawohl ! Im Posthorn zu Windheim haben sie deinen Namen genannt , und sehr böse hat der Herr Leutnant über dich gesprochen . Viel hätte ich darum gegeben , wenn ich damals deine Adresse gewußt hätte . O es war sehr unrecht von dir , daß du mir niemals schriebst . « Nun erzählte Hans , wie ernst der Leutnant Götz behauptete , den Doktor Freudenstein in Paris zu kennen : und Moses zog die dunkeln Brauen zusammen und warf sehr finstere Blicke auf den armen Hans . Aber er war Herr über sein Mienenspiel , glatt ward seine Stirne , und nach einigen Augenblicken lächelte er wie gewöhnlich . Ruhig ließ er Hans ausreden und sagte dann : » Also das ist es ? Sieh , Hans , dir gegenüber muß ich mich verteidigen , so gut ich es kann . Einem andern würde ich wohl nicht das Recht zugestehen , solche Fragen an mich zu stellen . Ich bin sehr jung in die Welt hinausgeworfen worden , und weil ich immer nur auf die eigene Kraft angewiesen war , so war ' s kein Wunder , wenn ich zuletzt einen sehr übertriebenen Begriff von derselben bekam . So mußte ich denn natürlich mein Lehrgeld bezahlen wie jedes andere unglückselige Menschenkind . Trotzdem daß ich als Doktor der Philosophie nach Paris ging , gab ' s noch vielerlei zu lernen . Aber die echte Philosophie lernt sich nicht auf den Schulbänken ; wer davon das Seinige kapieren will , tut wohl , sich auf einen Eckstein zu setzen , das Maul aufzusperren und zu warten , bis die Weisheit zu Wagen , zu Pferd oder zu Fuß vorbeikommt . So hab ich in Paris wie anderwärts gesessen , und allerlei Volk habe ich kennengelernt . Viel Lehrer habe ich gehabt und , wie gesagt , viel Lehrgeld bezahlt , ein gut Teil von dem letztern an den Papa der jungen Dame , welche du vorhin erwähntest . Der Mann war ein Trunkenbold und ein - Stück von einer Kanaille , ein Charakter , der jedem lebhaften , jugendlichen Geiste gefährlich werden mußte . Er hatte viel erlebt und wußte gut davon zu erzählen , wenn er nicht betrunken war ; er ernährte sich dadurch , daß er Fechtstunden gab und ein eigentümliches Talent besaß , in den Cafés der Boulevards oder den Schenken der Barriere junge Leute an sich zu ziehen ; und da er die Fechtstunden in seiner Wohnung hielt , so kam jeder sowohl mit der Tochter wie dem Vater in Berührung . Die edlern Naturen unter uns bedauerten das arme , kummervolle Kind ; die Taugenichtse gebärdeten sich nach ihrer Art gegen sie . In seinen nüchternen Momenten war der Chevalier - so nannte man den Mann - ein grimmiger Wächter der Ehre seines fünften Stockwerks und seines Kindes ; aber er war selten nüchtern , und die arme Franziska war dann völlig auf sich selbst angewiesen . Da hat sie mir leid getan , und ich habe mich ihr genähert ; ohne ihr Wissen habe ich sie oft vor dem Hunger und vielleicht auch manchem andern Unheil geschützt . Ohne mich würde der Teufel ihren Vater noch viel früher geholt haben , als es geschah . Der alte Freibeuter starb im Delirium tremens , und das Kind war ganz verlassen ; auch da habe ich mich des unglücklichen Mädchens angenommen , bis der Herr Oheim aus Deutschland kam , um es heimzuholen . Ich war ein Jude , Hans Unwirrsch , und ich habe meinen Lohn dafür genommen . Das Fräulein meinte , ich habe meine Grenzen überschritten ; - als ich mich wehrte , wurde ich beleidigt