Ein Leben voller Entbehrung und Enttäuschung , ja ein Leben voller Schmach und Entwürdigung kann an diese trügerische Hoffnung verloren gehen . Lucinde betrat noch die Bühne nicht und blieb dem Verkehr der übrigen Theaterwelt schon um deswillen fern , weil Madame Serlo sich bei allen Entbehrungen für zu erhaben dünkte über die niedere collegialische Sphäre , der sie jetzt immer mehr und mehr angehören mußte . Um so enger war Lucindens Verbindung mit den Serlos selbst . Manche Gelegenheit , manche Huldigung bot sich , diesen Bann zu brechen . Sie konnte nichts mehr muthig ergreifen . Sie schleppte sich mit den kummervollen Zuständen dieser Familie so hin und Serlo bedurfte ihrer . Sie hätte nie von sich selbst geglaubt , daß sie einer solchen Anhänglichkeit fähig war . Zwischen ihr und Madame Serlo mußte zuletzt offene Feindschaft ausbrechen . Der Kronsyndikus antwortete auf keinen Brief ; die Kleinodien und werthvollen Kleider waren verkauft ; jetzt mußte schon Lucinde das Brot der Armuth theilen . Sie nahm es in Anspruch mit dem Versprechen , alles gut zu machen , wenn sie einst als Schauspielerin auftreten würde ; einstweilen unterrichtete sie die Kinder , sie besorgte die Wirthschaft , sie pflegte Serlo . Gerade aber in diesem letztern immer nöthiger werdenden Amte begegneten sich beide Frauen , die Alternde , die die Jugend log , und die Jugendliche , die mit neunzehn Jahren schon die Stirn wie eine Matrone runzeln konnte , mit Haß und Eifersucht . Lucinde hatte vom Arzt gehört , daß Serlo ' s hinfällige Gesundheit noch länger gefristet werden könnte bei sorgsamer Pflege . Madame Serlo war selbst davon überzeugt , besaß aber jene schroffe Weisheit der ewig Gesunden , die in jeder Klage eines Kranken Uebertreibung sieht . Sie selbst war kaum jemals krank gewesen , sie erklärte das Kranksein für eine » dumme Angewöhnung « . War sie selbst wie ein Fisch im Wasser , so sollte alles um sie her ihr Element theilen . Hatte sie sich gebadet , mit Staubregen überrieseln lassen , kam sie trotz ihrer Vierzig frisch und strahlend zum Frühstück , so sollte die ganze Welt nur ihrem Beispiel folgen und es würden alle Husten , Kopfwehe , Katarrhe , besonders aber die eingewurzelten , aus denen doch wol Serlo ' s ganzer Zustand allein herzuleiten wäre , für immer verschwinden . Serlo lächelte dazu und Lucinde sagte : Wenn aber gerade die eingewurzelte Einbildung schon den ganzen Menschen regiert und ihm nur noch manchmal wohl wird in der Gewißheit , daß man diese seine Schwäche schont ? Das eben darf man nicht ! erwiderte Madame Serlo . Man darf keine Irrthümer bestärken , darf keinen übeln Gewohnheiten Vorschub leisten ! Wenn sich Serlo nur herausreißen könnte , nur wollte , es würde ihm und uns allen geholfen sein ! Dies kalte Wort vom » Herausreißen « , vom Emporraffen war das grausam ewig wiederholte , das in Serlo ' s Ohr schon seit sechs Jahren mit bohrendem Schmerz wühlte . Er liebte glücklicherweise das Leben selbst und versuchte es , ihm Wohlbefinden und Kraft abzugewinnen , abzutrotzen . Brach er nach einer solchen Anstrengung , in der er sogar spielte und sich zu Feuer und Begeisterung zu entflammen suchte , wieder zusammen , untersuchten Aerzte das Geräusch seiner Lungen und entfernten sich mit ernsten Mahnungen an die Gattin , an die » Erzieherin « der Kinder , wie Lucinde genannt wurde , so traten Augenblicke einer völligen Muthlosigkeit ein und Serlo ergriff dann oft , wenn er mit Lucinden allein war , ihre Hand und sagte fast weinend : Wenn ich nur nicht noch in meiner letzten Stunde hören muß , daß ich mir zu viel nachgäbe ! Das Wort : Reiß ' dich heraus ! wird mein Grablied werden ! Lucinde versicherte : Ich werde bei Ihnen bleiben ! Was sie an diesen bemitleidenswerthen Mann fesselte , war sein Unglück und seine Bitterkeit . Sie befand sich in einer Stimmung , die der seinen nicht unähnlich war . Ihr ganzes Leben war ja gleichsam in einen plötzlichen Stillstand gerathen , in einen jähen Sturz , wie in eine Versandung . Wo war sie hingerathen ? Aus solcher Höhe des Glücks ! Auch die ersten Reize desjenigen Eindrucks , den man an ihr den elfenartigen genannt , waren geschwunden ; sie war jungfräulich geblieben , aber nicht mehr so gefällig , so naiv , so lacertenhaft wie einst . Sie legte keinen Werth mehr auf ihr Aeußeres , sie schmückte sich nicht mehr ; die Abneigung gegen die Wassertheorie der mit Fischblut , wie sie sagte , belebten Madame Serlo ließ sie die Vorschriften der Ordnung sogar mehr vernachlässigen als billig . Ihre Gestalt bekam etwas Lässiges . Wochenlang verließ sie das Haus nicht oder sah nur zu dm Kindern nieder , wenn sie diese beim Spazierengehen führte . Sie war muthlos geworden und so vergrämelt wie ein Mädchen , das jeden Augenblick den Stundenschlag erwartet , an welchem es dreißig Jahre zählt . Zwanzig zählte sie schon ; denn zwei Jahre führte sie das herumziehende Leben , das sogar Reiz für sie bekam in den täglichen kleinen Abwechselungen der Bühnenchronik , in der lebhaften und feurigen Anwaltschaft für das äußere Interesse der Familie , der sie sich angeschlossen hatte , endlich innerlich in der Parteinahme für Serlo gegen seine Frau . Es gab Scenen der Erbitterung . Ost genug wurde das Wort gesprochen , daß entweder die » Gattin « oder Lucinde gehen müßte . Serlo , der auf liebevolle Hingebung keine Ansprüche mehr gemacht hatte , der glücklich war , daß noch einmal ein Blick , der Handdruck eines teilnehmenden Wesens ihn lohnen konnte für sein Dulden , Serlo vermittelte diesen Zwiespalt , so gut es immer ging . Um den Frieden wiederherzustellen , hatte er gewisse Hülfsmittel , die nicht fehlschlugen . Er rühmte , was die Kinder in der Musik für Fortschritte machten ; Lucinde unterrichtete sie . Er ließ Lucinden Scenen aus den