zu lassen , so will ich hiezu gern die Hand bieten und ihn im Auge behalten . Ich habe gehört , daß er nicht ohne Talent sei , besonders in schriftlichen Arbeiten . Würde er sich gut halten , so könnte er sich mit der Zeit ebensogut zu einem tüchtigen Verwaltungsmanne emporarbeiten als mancher andere wackere Mann , welcher ebenso von unten angefangen und als armer Schreiberjunge in unsere Kanzleien getreten ist . Diese Bemerkung mache ich übrigens nicht , um irgend große Hoffnungen zu erregen , sondern nur um Ihnen zu zeigen , daß der Knabe auch auf diesem Wege nicht unbedingt an ein dunkles und dürftiges Los gebunden ist . « Diese Rede , indem sie meiner Mutter eine ganz neue Aussicht eröffnete , warf sie gänzlich in Ungewißheit zurück , ob sie nicht ernstlich mich zur Änderung meines Sinnes bestimmen solle . Denn hier war , noch mehr als beim Fabrikanten , die Bürgschaft eines angesehenen und seiner Worte sichern Mannes zur Hand , welcher einen großen Teil unserer Verhältnisse ebenso klar durchschaute als mit beherrschte und wohl imstande war , diejenigen über dem Wasser zu halten , die sich seinem Rate anvertrauten . Sie schloß hier ihren beschwerlichen Gang und beschrieb mir in einem großen Briefe sämtlichen Erfolg desselben , jedoch die Vorschläge des Fabrikanten und des Staatsmannes besonders hervorhebend , und ermahnte mich , meinen bestimmten Entschluß noch hinauszuschieben und eher darauf zu denken , auf welche Weise ich am füglichsten im Lande bleiben , mich redlich nähren , ihr selbst ein Trost und eine Stütze des Alters und doch meinen natürlichen Anlagen gerecht werden könne ; denn daß sie je dazu helfen würde , mich gewaltsam zu einem mir widerstrebenden Lebensberufe zu bestimmen , davon sei keine Rede , da sie hierüber die Grundsätze des Vaters genugsam kenne und es ihre einzige Aufgabe wäre , annähernd so zu verfahren , wie er getan haben würde . Dieser Brief war überschrieben » Mein lieber Sohn ! « , und das Wort Sohn , das ich zum ersten Male hörte von ihr , rührte mich und schmeichelte mir aufs eindringlichste , daß ich für den übrigen Inhalt sehr empfänglich und dadurch an mir selbst irre und in Zweifel gesetzt wurde . Ich fühlte mich ganz allein und wehrlos mit meinen grünen Bäumen gegenüber dem ernsten kalten Weltleben und seinen Lenkern . Aber während ich schon begann , mich mit dem Gedanken , auf immer vom geliebten Walde zu scheiden , vertraut zu machen ( ich wußte von keinem Dilettantismus und daß man auch als Weltmann seine Mußestunden dergleichen Neigungen widmen könne ) , gab ich mich nur um so inniger der Natur hin und schweifte den ganzen Tag in den Bergen , und die drohende Trennung ließ mich manches angehende Verständnis sicherer ergreifen , als es sonst geschehen wäre . Ich hatte schon sämtliche Studien des Junker Felix nachgezeichnet und dadurch einige Ausdrucksweise gewonnen , so daß meine Blätter wenigstens ordentlich weiß und schwarz wurden von Stift und Tusche . Oft , am Morgen oder am Abend , stand ich auf der Höhe über dem tiefen See , wo unten der Schulmeister mit seinem Töchterchen wohnte , oder ich hielt mich auch einen ganzen Tag an einer Stelle des Abhanges auf , unter einer Buche oder Eiche , und sah das Haus abwechselnd im Sonnenscheine oder im Schatten liegen ; aber je länger ich zauderte , desto weniger konnte ich es über mich gewinnen hinabzugehen , da mir das Mädchen fortwährend im Sinne lag und ich deshalb glaubte , man würde mir auf der Stelle ansehen , daß ich seinetwegen käme . Meine Gedanken hatten von der feinen Erscheinung Annas plötzlich so vollständigen Besitz ergriffen , daß ich alle Unbefangenheit ihr gegenüber im gleichen Augenblicke verloren und in beschränkter Unerfahrenheit von ihrer Seite sogleich das gleiche voraussetzte . Indem ich jedoch mich nach dem Wiedersehen sehnte , war mir die Zwischenzeit und meine Unentschlossenheit gar nicht peinlich und unerträglich , vielmehr gefiel ich mir in diesem gedanken- und erwartungsvollen Zustande und sah einem zweiten Begegnen eher mit Unruhe entgegen . Wenn meine Basen von ihr sprachen , tat ich , als hörte ich es nicht , indessen ich doch nicht von der Stelle wich , solange das Gespräch dauerte , und wenn sie mich fragten , ob es denn nicht ein allerliebstes Kind sei , erwiderte ich ganz trocken » Ja , gewiß ! « In diesen Tagen fand ich kaum Zeit , bei meiner Großmutter den täglichen kurzen Aufenthalt zu nehmen , und vernachlässigte die anderen Verwandten so ziemlich , wenn ich nicht gerade bestimmt eingeladen war zur Teilnahme an einem Ausnahmegericht oder sonstigem Schmause , wie solche durch den Wechsel der Feldfrüchte oder durch Schlachten und Backen hervorgerufen werden . Auf diesen Wegen war ich häufig am Hause der schönen Judith vorübergekommen und , da ich eben deswegen , weil sie ein schönes Weib war , auch einige Befangenheit fühlte und Anstand nahm einzutreten , von ihr gebieterisch hereingerufen und festgehalten worden . Nach der Weise der aufopfernden und nimmermüden alten Frauen und auch aus unentbehrlicher Gewohnheit befand sich ihre Mutter beinahe immer auf dem warmen Felde , während die kräftige Tochter das leichtere Teil erwählte und im kühlen Haus und Garten gemächlich und halb müßig waltete . Deswegen war diese bei gutem Wetter fast immer allein zu Hause und sah es gern , wenn jemand , den sie leiden mochte , bei ihr vorkehrte und mit ihr plauderte . Als sie meine Malerkünste entdeckt hatte , trug sie mir sogleich auf , ihr ein Blumensträußchen zu malen , welches sie mit Zufriedenheit in ihr Gesangbuch legte . Sie besaß ein kleines Stammbüchelchen von der Stadt her , das nur zwei oder drei Inschriften und eine Menge leerer Blätter mit Goldschnitt enthielt ; von diesen gab sie mir bei jedem Besuche einige , daß ich eine Blume oder ein Kränzchen darauf male ( Farben und Pinsel hatte ich schon bei ihr deponiert , und