» So bleib ' auch ich .... im grünen Zimmer ! « sagte er mit einem kleinen Seufzer , den ich nicht Lust hatte zu beachten . » Darf ich die Kinder sehen ? « setzte er hinzu . Ich ließ sie rufen . Er überschüttete sie mit Liebkosungen , namentlich Benvenuta . Das mißfiel mir . Sollte diese Verleugnung seines väterlichen Gefühls eine Schmeichelei für mich sein , so war sie schlecht gewählt , denn das göttlich schöne Kind Astralis lag mir ebenso am Herzen wie Benvenuta Genau so wie in der ersten Zeit unsrer Bekanntschaft fand ich jezt Otbert : - verschroben von Eitelkeit . Und dieser Mann hat dich fangen können indem er deiner eigenen Eitelkeit schmeichelte ! sprach ich zu mir selbst ; welch eine unerhörte , erbärmliche Schwäche . Otbert blieb ; allein er trug nichts zur Annehmlichkeit unsers Lebens bei . Er war einen andern Schauplatz und andere Anregungen gewohnt als er in Engelau finden konnte ; er verlangte sie von uns , wir konnten sie ihm nicht geben : das versetzte uns sämtlich in Unbehagen ; Jeder von uns empfand einen Mangel . Unsre Lectüren geriethen in Stocken , denn er wollte vorlesen und fand keine Bücher nach seinem Geschmack . Unsre Musik verstummte , denn er erklärte er sei zu sehr Laie um an diesem überernsten Styl Vergnügen zu finden . Mezzonis Barcarolen ließ er gelten - aber nicht lange , denn er ertrug es auf die Dauer nicht Zuschauer und Bewunderer zu sein . Zuweilen las er einige seiner Gedichte vor ; das war am angenehmsten ! sein schmiegsames Organ , sein Feuer im Vortrag , hoben die Schönheit der Verse noch mehr hervor . Nahm er Bewunderung und Interesse bei uns wahr , so versetzte ihn das in die liebenswürdigste Laune ; er begann zu erzählen wo und wie er das Gedicht gemacht ; er kam auf tausend Dinge die freilich nicht zur Sache gehörten , aber sehr unterhaltend waren . Er kannte Paris wie ich Engelau . Mit allen Sommitäten der Politik , der Gesellschaft , der Literatur , des Theaters , der Fremden - mit Allem und Jedem was in irgend einer Beziehung Ruf und Namen hatte - verstand er sich in Berührung zu bringen ; - ob in die intime , funkensprühende mit der er ein wenig prunkte , sei dahin gestellt . Aber er konnte einen Tag mit den religiösen Ceremonien der Jünger des Père Enfantin beginnen , ihn durch die Ateliers der Künstler , die Kammern und ein diplomatisches Diner führen , und ihn in den rococo Sälen des Faubourg St. Germain oder in dem Dachstübchen eines socialistischen Weltverbesserers beschließen . Das unterhielt uns natürlich sehr , und auch ihn - so lange er davon erzählte und mit seiner Person und durch seinen Vortrag dabei glänzte . Aber ein Magazin von Wissen , Studium und Erkenntniß , das ihn in der Stille genährt - oder einen Heerd an dem er in der Stille sich gewärmt - hatte er sich nicht daraus gebildet . Von Schätzen umgeben lechzte er , wie ich , nach einem unbekannten noch höheren , noch erschöpfenderen Gut : und das war eben der Punkt in welchem ich mich noch jezt ihm verwandt fühlte - ganz wie sonst . Jedoch nur in dem Punkt selbst ! sein verlangen und streben , sein ringen und thun waren schnurstracks den meinen entgegen . Ich achtete seinen Charakter nicht , aber seine Seele flößte mir Theilnahme ein - und diese war mit im Spiel gewesen , nicht blos die Eitelkeit ! als ich mich von ihm fesseln ließ . Diese Entdeckung gewährte mir einen großen Trost . Es ist dem Menschen unendlich angenehm wider Erwarten in sich selbst bessere Motive seiner Handlungen zu finden ! Er ist niemals so versöhnlich als wenn es gilt mit sich selbst sich zu versöhnen . Astrau war aber nicht immer und nie lange in muntrer Laune : das Damen-Auditorium war ihm nicht glänzend genug . Der armen Mathilde gab er zuweilen beißende Antworten . » Welch ein Vorrath von Erinnerungen für ' s Leben ! « rief sie bei einer seiner Erzählungen . » Da haben Sie gleich Ihre Speisekammer im Sinn in die Sie täglich gehen und sich regelmäßig ein Stück Brot , ein Stück Fleisch und ein Stück Kuchen holen würden ; und an Sonn- und Festtagen gäb ' es ein Glas Wein dazu : nicht wahr , Fräulein Mathilde ? « fragte Astrau spöttisch . Sie erröthete und wurde verlegen ; vergaß es aber bald wieder in ihrer Harmlosigkeit . Benvenutas Gouvernante ging es übler ! sie war eine vortrefliche Person - jedoch sehr häßlich und sehr vielwissend - Beides ein Greuel für Astrau ; umsomehr da sie von ihrer Häßlichkeit keine Ahnung hatte und auf das Wissen einen großen Werth legte , wie alle Menschen bei denen es größer ist als der Verstand . Bei Otbert war es grade umgekehrt , und daher der Disputationen kein Ende zwischen ihnen , obgleich sie ihm gegenüber beständig im Nachtheil und er schonungslos war . Mit wahrer Todesverachtung kämpfte sie für Geist und Gaben , Herrlichkeit und Würde , Befähigung und Berechtigung ihres Geschlechts , welches Astrau angriff weil er sie nicht leiden konnte und mir dabei einige Nadelstiche zu versetzen hofte . Gott weiß wie er erfahren hatte daß Madame Schütz - ( so hieß sie und sie war Wittwe ) - Gedichte mache und zwar recht hübsche . Er bat ihm einige mitzutheilen und obzwar ich ihr dringend davon abrieth , widerstand sie nicht der Lockung . Eines Abends gab er ihr das Heft höchst verbindlich zurück und sagte mit der größten Freundlichkeit : er habe nur zwei kleine Fehler an diesen sämtlichen Gedichten entdeckt ; der erste , daß sie überhaupt gemacht - der zweite , daß sie Gedichte genannt worden wären . Die arme Schütz war aus der Fassung . Ehe sie Zeit hatte etwas Ungeschicktes vorzubringen sagte ich geschwind und auch höchst freundlich