es entspann sich eine Unterhaltung , die mir gefiel , denn er war ein sehr angenehmer Mann , von lebhaftem Verstande und von ruhigen Manieren , weltvertraut und weltverachtend , aber nicht blasirt , nicht abgestumpft , sondern nur durch das Beste gleichgültig gegen das Geringe . Wir waren acht Tage zusammen in Venedig . Er hatte ein Kind bei sich , einen prächtigen , sechsjährigen Knaben mit funkelnden Augen , voll Lust und Muthwillen , unbändig wild , verwegen - ganz wie ich Knaben liebe . Sie werden früh genug zahm werden ! Daraus , daß Beide in Trauer waren , und an der inbrünstigen Zärtlichkeit , die Beide für einander hatten , erkannte man Vater und Sohn . Keine Spur von Aehnlichkeit war zwischen ihnen ! Sonst , wenn auch die Züge sich nicht gleichen , sind es Mienen , Ausdruck , Bewegungen ; hier - nichts ! Ich fragte auch ganz überrascht , als ich den Kleinen zuerst sah : » Ist es Ihr Sohn ? « » Sie wundern sich , daß ich ein so schönes Kind habe , nicht wahr ? « sagte er , und sein Blick wickelte den Knaben gleichsam in Liebe ein . » Ja , es ist mein Sohn , nur sieht er aus wie seine Mutter , durch und durch wie sie .... und so ist er auch . « Er schwieg plötzlich . Wir frühstückten im Café Florian , und der Knabe sprang auf dem Markusplatz umher , streute den Tauben , die sich dort in Schaaren aufhalten , Brotkrumen hin , unterhielt sich mit den Gondolieren italienisch , mit den Wasserträgerinnen deutsch , und amüsirte sich über alle Maßen , so daß man förmlich neidisch werden konnte . Zuweilen trat der Vater , wenn er lange nicht seiner ansichtig geworden war , vor die Arkaden und rief mit seiner tönenden Stimme : » Bonaventura ! « - dann kam der Kleine gelaufen , athemlos , glühend , warf sich in die Arme des Vaters und sah ihm in die Augen auf eine unbeschreiblich graziöse Weise , neckend und lieblich , wie ein Amor - oder wie eine Frau . Mein Aufenthalt in Venedig ging zu Ende . Am Vorabend der Abreise bat ich den Fremden um seinen Namen . » Graf Mengen , « sagte er . » Mario Mengen ? « rief ich erfreut . » Mario Mengen . « » Glücklicher ! « rief ich ; dann fiel mir ein , wie unpassend dieser Ausruf sei ; aber ich konnte doch nichts Anderes sagen als : » Armer Glücklicher ! « » Sie kannten also Faustine ? « fragte er . » So wie Sie Leopold Robert « antwortete ich . Ich war nach Dresden gekommen , damals , vor Jahren , gleich nach jener tragischen Catastrophe mit Clemens , hatte viel darüber gehört , und bald darauf auch von ihrer Heirath mit Mengen . Hernach ward sie in der Kunstwelt so gefeiert , daß wol Niemand ist , der nicht von ihr gehört hätte . Dies sagte ich ihm . Er fragte , ob ich mich genug für sie interessire , um ihrem Leben folgen zu mögen ohne Ungeduld , und ohne vorschnellen Unwillen - dann wolle er von ihr erzählen . Mein Herz schlug vor Freude , denn ich liebte sie , graziös und genial wie sie war . Solche Personen werden so viel getadelt und - ich will ' s nicht streiten - verdienen auch so viel Tadel , daß der Gedanke , ich würde liebend und bewundernd von ihr reden hören , mich erquickte . Wir gingen die Riva der Slavonier entlang nach dem öffentlichen Garten . Da ist ' s am einsamsten in ganz Venedig ; denn die Italiener gehen lieber in den Straßen spazieren als unter grünen Bäumen . Der Garten ist auf einer Landspitze angelegt : große Rasenplätze und breite Alleen von weißen Akazien , die , eben in voller Blüte , mit ihrem feinen Arom die Abendluft durchströmten . Wir setzten uns so , daß wir vor uns in die Lagunen hinaus sahen , rechts auf die Stadt , die zauberhaft zwischen Himmel und Wasser im Golde der sinkenden Sonne schwebte , und links , in weiter Ferne , auf die schneeweiße Alpenkette . O ! Venedig ist gar so schön ! - - Ich hatte in der Hand einen Strauß von dunkelrothen Nelken - meine Lieblingsblume . Mario sah sie unverwandt an ; endlich sagte er : » Ich werde zwar nicht ohnmächtig wie die Prinzessin Lamballe , wenn sie Veilchen sah , und nicht tiefsinnig , wie Ritter Parcival , als er drei Blutstropfen im Schnee sah - doch erinnert mich die dunkelrothe Nelke jedesmal an Faustine . Diese Blume kommt selten zur Vollendung , entzückt uns selten in ihrer reinen Form als glühende Liebesfackel , oder als Köcher voll zartgefiederter Liebespfeile . Ist der Kelch sehr gefüllt , so platzt er , die Blätter fallen traurig heraus , zerflattern , verwelken ; ist er dürftig gefüllt , so platzt er zwar nicht , aber die Blume bleibt auch dürftig . Fast eben so selten wie eine Nelke bringt der Mensch sich zur Herrlichkeit : er verwildert oder ermattet . An Faustine war das Wunder geschehen , sie hatte die Glut , die Fülle , die Pracht ihres Wesens unzersplittert beisammen . Sie wollte nicht immer Eins und dasselbe - wenigstens wollte sie es nicht in unveränderter Gestalt - aber was sie jedesmal wollte , das wollte sie ganz . Sie war ein leidenschaftlicher Charakter , und daher nur schwankend , ehe ein energischer Entschluß in ihr Wurzel gefaßt . Um ein großartiger Charakter zu sein , fehlte ihr nichts - als Strenge gegen sich selbst . » Nach dem Tode des unglückseligen Clemens bracht ' ich sie sogleich zu meinen Eltern , und nach drei Wochen , als sie meine Frau ward , war sie auch schon deren geliebtestes Kind , denn diese pompöse Frau