verstanden zu werden ; diese stete Sehnsucht des strebenden Herzens , die uns so leicht zu erfüllen scheint , den langvertrauten Gegenständen gegenüber , und uns jedes erfahrene Mißverständniß vergessen läßt , uns nur an das erinnernd , was wir dort empfingen ; so viel in dieser ersten Jugendzeit , daß es jeden neuen Gewinn zu sichern scheint ! Und jetzt umschlossen ihn schon die engen , geräuschvollen Straßen von Paris - und je näher er der Fauxbourg St. Germain kam , je mehr ward seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen durch die schwerfälligen Karossen , welche , mit Dienern und Pagen behangen , einem Ziele entgegen strebten . Sein leichterer Reisewagen und sein immer ungeduldigeres Antreiben bahnten sich endlich einen Weg , der ihm bei einer schnellen Wendung das Hotel Soubise vor die Augen führte , welches seine Eltern bewohnten , und das zu seiner nicht geringen Ueberraschung das Ziel der um ihn rasselnden Karossen war , die schon in breiten Gassen davor aufgereiht standen . » So muß mein Vater leben ! « rief Leonin . - Und eben rollte sein Wagen unter das Portal des Schlosses . Bekannte Gesichter , ein lauter Jubelruf empfingen den jungen Erben , der mit einem Sprung über die Tritte hinweg unter den treuen Dienern stand , die jetzt Hände , Rockschöße und Füße mit Küssen bedeckten . » Mein Vater ! mein Vater ! « stammelte Leonin , fast erstickt von Gefühlen . » Er lebt , gnädiger Herr ! er lebt ! Gott hat ihn erhalten ! « drang es aus aller Munde . » Kaum war der Bote fort , als die Genesung eintrat . « » Und wo , wo , meine Mutter ? « - Er wies Jeden mit seinen Armen zurück und flog , Alles vergessend , überrennend , an den prachtvoll geschmückten Gästen , welche die Treppen bedeckten , vorüber , in die glänzenden Zimmerreihen , in denen er die Mutter suchen mußte . Die Marschallin von Crecy verbarg unter der feinen Miene gesellschaftlicher Höflichkeit , die sie ihr vollständiges Eigenthum nennen konnte , das unruhig bewegte Herz einer Person , welche unaufhörlich irgend eine Absicht , irgend einen Plan verfolgt , und von Allem , was sich um sie her bewegt , hauptsächlich verlangt , daß es sich nach ihrer Ansicht , ihrer Bestimmung gestalte . Es war oft bloß die Ausübung dieser Herrschaft , die ihren Entwürfen Reiz verlieh , da sie sich selten über die Geringfügigkeit derselben täuschte , und eine bittere Verachtung gegen Menschen und Verhältnisse fühlte , die sich beherrschen ließen . - Man konnte sie so durch ihre eigenen Neigungen bestraft nennen ; denn , indem sie ihren ganzen Scharfsinn aufbot , jeden Widerstand um sich her zu entkräften , machte es ihr doch gerade die übelste , finsterste Laune , daß sie Niemanden fand , der ihr gewachsen war , obwol er nur Gegenstand ihres ungemessenen Zornes , ihrer rastlosen Verfolgung gewesen wäre . Es dürfte nicht schwer werden , hiernach die augenblickliche Stellung gegen ihren Sohn zu folgern . Sie war außer sich , daß er Widerstand wagte ; aber sie ward dadurch belebt und zu einer Thätigkeit erhoben , die alle ihre Kräfte anregte . - Und daß sie gerade in ihrem Sohne den Gegenstand finden mußte , der das Wagniß versuchte , ihren Willen zu lenken , machte sie stolz auf ihn und flößte ihr den Grad von Achtung ein , der ihn ihr zum würdigen Gegner machte , der Mühe werth , ihn zu besiegen ; - denn besiegen , einen andern Gedanken hatte sie freilich nicht ! Das tödtliche Erkranken des alten Marschalls , wodurch die schnelle Einberufung des Sohnes vollständig motivirt ward , war ihr kaum willkommen . Dies Ereigniß unterstand sich , ohne ihren bestimmten Willen ins Werk zu richten , was sie sicher war , doch zu erreichen . Sie fühlte sich fast dadurch beleidigt und regte keine Hand , es zu unterstützen ; sah sich aber doch genöthigt , die Hebel , die sie für spätere Zeiten in Bereitschaft hielt , jetzt um so viel vorzurücken . Nothwendig bedurfte sie einer Collision der Verhältnisse . Das Eintreten ihres Sohnes durfte nicht das Hauptereigniß sein ; es hätte ihn ihr zu nahe , zu imponirend entgegen gestellt , und das Mittel fand sich sogleich . Mademoiselle Louise , ihre einzige Tochter , erhielt in dem Kloster der Benediktinerinnen einen Besuch von ihr , und die Marschallin zeigte sich hier so vollkommen zufrieden mit der sechzehnjährigen Tochter , daß sie der Aebtissin ihre Absicht aussprach , die Erziehung der jungen Kostgängerin vollendet zu erklären , und Mademoiselle Louise begleitete ihre Mutter nach Paris zurück . Mit eben so sicherer Hand ward hier die Präsentation des jungen Fräuleins bei der königlichen Familie bewirkt ; und jetzt war Mademoiselle Louise ein Mittelpunkt , um den sich der gesellige Glanz des Hauses Crecy-Chabanne sammeln konnte - Grund genug , das Interesse und die Gedanken der Marschallin in den Zerstreuungen von ihrem Sohne abgezogen erscheinen zu lassen . Sie hatte genau seine Ankunft berechnet . Denn , daß sich die Gesinnungen des Sohnes nicht verläugnen würden , dessen war sie gewiß ; und wenn sie auch nicht ahnte , durch welche Ueberredung er so schnell herbei geführt wurde , so war sie doch außer Zweifel , er müsse kommen , und ein Fest müsse ihn empfangen . Darauf waren alle folgenden Tage angewiesen ; und das Befinden des Marschalls legte ihr kein Gebot des Anstandes mehr in den Weg . So empfing sie heute die vornehme Welt von Paris , um die Glückwünsche anzunehmen , die ihr über die Präsentation ihrer Tochter bei Hofe zukamen . Das Palais Soubise , welches so als Eigenthum der Marschallin genannt ward , glänzte in der vollen Pracht aller aristokratischen Vorrechte , welche diese so wohl zu erhalten und hervor zu heben wußte ; ein Talent , das sie zu der ausgezeichnetsten Person des Hofes und Adels erhob und ihren