irgend eines Menschen Natur sich durcharbeiten will , aber nicht genug eigne Kraft dazu besitzt . Hier trete ich gern mild helfend in ' s Mittel und suche durch Wort oder That die Schleußen der Natur zu öffnen , um in freiem Strome das Leben sich austummeln zu lassen . Denn Leidenschaft gehört zum wahrhaftigen Leben , und ein irdisches Dasein kann nur dann dem Himmel Bürger erziehen , wenn es sich in Genuß und That selbst zu begreifen sucht . Der Erdenmensch sollte im Stillen zu der Einsicht kommen , daß er in einem gewissen Sinne mächtiger sein könnte als Gott , weil er aufhören darf , in diesem Dasein zu leben , sobald es ihm gefällt , Gott aber gebunden wird an Seine Existenz durch den errungenen Sieg der Unsterblichkeit . In dieser schaffenden Schranke aufgefaßt , könnte man , als Skeptiker , Gott wol den Diener seiner eigenen Unsterblichkeit nennen . Eben darum aber , weil Gott als ein Unsterblicher fertig ist , braucht man ihn nicht zu fürchten . Nur das Werdende bringt Gefahr , ist aufgelegt zu Revolutionen und muß daher unterstützt werden im Entfalten , nicht im Vollenden . Nach diesem Grundsatze , der bloß ein Ergebniß meiner naturhistorischen Studien war , indem ich diese nicht als todte Sache , sondern als ein großes Leben behandelte , dessen Seelenregungen ich belauschen wollte am Tact ihres Pulses , am Tritt und Klang ihres ewigen Schaffens , suchte ich auch das Leben Anderer psychisch zu durchfühlen . Ich trieb angewandte Psychologie , wie man angewandte Mathematik lehrt . Die Menschheit war das große Rechenexempel , an dem ich den Witz der Schöpfung oft zu Tode zu hetzen Lust verspürte , und der Mensch selbst diente mir zum Magister Matheseos . Nun fanden sich grade in Gleichmuth und Friedrich zwei Individuen zusammen , die in ihrer natürlichen Opposition meine Experimentirlust reizten . Beide wurden getragen von schwärmerischer Leidenschaftlichkeit . Sie beherbergten viel europäische Poesie in sich , die aber in Keinem zu rechter Reife gedeihen konnte . Das erbarmte mich . Tyrannisch in die Brust eines Andern zu greifen und ihm zu sagen : das steckt in Dir , Mensch ! diese Verfahrungsart liebe ich nicht . Semiotik war von jeher mit Eifer von mir betrieben worden , und psychische Semiotik blieb nun gar meine specielle Liebhaberei . Ich spürte bald , woran es beiden gebrach . Sie hatten sich mit der Vorsehung schon in der Wiege überworfen . Das mußte ausgeglichen und wieder ins Gleichgewicht gebracht werden . Ich that , was mir - als Arzt - oblag , und Beide gestanden mir , daß sie sich wohl befänden bei den diätetischen Verhaltungsregeln , die ich ihnen anrieth , und die , bei Moses und den Propheten ! nicht gar sehr streng waren . Gleichmuth kam früher zum Ziele , als Friedrich , und da ich voraussetzen kann , daß sie ziemlich genau bekannt sind mit Gleichmuth ' s Lebensbekehrung , so halte ich mich hier blos an Friedrich und sein Schicksal . « Sara ' s Eintritt unterbrach hier Mardochai ' s Erzählung und gab mir Raum , die Gefühle wieder in wohlgezogene Ordnung zu stellen . Denn Du wirst es natürlich finden , daß jede unverdorbene Faser meines tiefsten Menschen in aufrührerische Bewegung gerieth bei der Erzählung dieses göttlich-dämonischen Juden . Es gehörte diese Schlauheit , diese Ruhe , diese fein nüancirte Ueberredungskunst dazu , um einen zwar leidenschaftlichen , aber geistig so hell sehenden Menschen , wie Gleichmuth ist , so consequent zu bethören . Mardochai ist wahrlich ein Gott in der Rache , und gibt es Belohnungen , Kronen für solche Thaten , so muß sie alle dieses Juden Scheitel einst schmücken . Als Sara den Tisch gedeckt und sich wieder entfernt hatte , fuhr unser Gastfreund fort : » Friedrich betrieb , wie schon gesagt , die Musik , und zwar mit Talent und Glück . Musikalische Naturen sind immer in einem gewissen Sinne von schwärmerischer Gemüthsart , und wird dies nicht immer sichtbar , so liegt es blos an der Nichterweckung der Schwärmerei . Sie schläft in jedem Musiker , und es sollte mir , wollte ich meine Experimentirübungen fortsetzen , nicht gar schwer fallen , Diesen und Jenen zu einen vollendeten Schwärmer zu erziehen . Ein Musiker ist selten ungläubig , meist abergläubig , zuweilen auch Beides . Nichts leichter nun für einen psychisch gewandten Arzt , als den Unglauben durch langsames Aufrollen des Aberglaubens zu erdrücken . Friedrich glaubte an nichts , als an die Göttlichkeit der Musik , doch konnte er meinen tieferen Blick nicht täuschen . Ich bemerkte , daß die Göttlichkeit seiner eigenen Musik in der Mystik religiöser Ahnungen ruhe . Dies war mir genug ; ich wartete nur auf die günstige Stunde , um ihm dies selbst fühlen zu lassen . Sie kam , als unerwartet ein katholischer Jüngling aus unserm Kreise schied , um Mönch zu werden . Friedrich erstaunte , war tief ergriffen und schrieb auf der Stelle eine Messe , in der eine unendliche Mystik die wehmüthige Ahnung seiner eigenen Seele an meinen klaren Verstand verrieth . Als er mir diese Töne vorspielte auf seiner Violine , mit jener Begeisterung künstlerischen Aufgehens in der eigenen Schöpfung , klopfte ich dem Virtuosen auf die Schulter und sagte : Friedrich , das ist Dein Fach ! Du mußt ein christlicher Componist werden . Schreibe , wenn ich Dir rathen darf , Messen , Cantaten - schreibe musikalische Seelenmessen ; doch laß immerhin ein wenig frivoles Weltgetümmel hineinschreien in Deine Melodien . Das wird Dich erst recht belehren , wie Du so ganz zur Kirchenmusik geboren bist . Friedrich ' s Auge glänzte in Begeisterung , er sah lange Zeit prüfend in das meinige , sank dann an meine Brust und rief aus : Du hast immer Recht , Mardochai , man muß Dir gehorchen , ohne es zu wollen . So waltet Gott über seiner Schöpfung , und bedürfte er eines Stellvertreters ,