ein , welche immer , wie durch Instinkt geleitet , merken , wo es etwas zu handeln geben möchte , Seiltänzer und Taschenspieler meldeten sich , um bei dem ritterlichen Spiele ihre Künste zu zeigen , ein zudringlicher Mensch , der eine kleine Menagerie umherführte , hatte nur mit Mühe abgewiesen werden können . Der Zulauf so vieler fremder Gesichter verursachte einige Hausdiebstähle , welche , obgleich sie unbedeutend waren , der Herzogin die trübsten Stunden machten . Indessen wußte sie sich gegen den weiblichen Besuch , der ihr jetzt fast täglich aus der Nachbarschaft zuteil ward , auf das beste zusammenzunehmen . Diese Damen , welche entweder ihre eigne Sache , oder die ihrer Töchter führten , hätten gern erfahren , wer zur Königin der Minne und Schönheit bestimmt worden sei ? und jede schöpfte aus den freundlichen Mienen und gefälligen Worten der liebenswürdigen Festgeberin beim Abschiede die schönsten Hoffnungen . Während nun der Domherr mit Freigebigkeit jedes Hindernis bezwang , die teuersten Rechnungen genehmigte und doppelten Taglohn anwies , warf die Herzogin immer ängstlichere Blicke auf ihre Nadelgelder , mit welchen sie sehr haushälterisch umzugehn gewohnt war , und die unmöglich für diesen Aufwand zureichen konnten . Kaum bemerkte der Herzog , welcher sonst für alles jetzt taub und blind zu sein schien , an seiner Gemahlin eine Verlegenheit , als er , die Ursache ahnend , dem Arzte eine bedeutende Summe einhändigen ließ , mit der Weisung , dafür Sorge zu tragen , daß sämtliche Rechnungen bis zur Hälfte gekürzt , seiner Gemahlin vorgelegt würden . Der Domherr las in den Abendstunden , wann seine Geschäfte zu Ende waren , viel in Memoiren einer gewissen Gattung , von denen der Vater des Herzogs eine starke Sammlung in der Bibliothek hatte aufstellen lassen . Seine Vermutungen , welcher erlauchten Familie Sprößling ihm anvertraut werden solle , schweiften wild umher . Er suchte bei den Orléans , bei italienischen und russischen Geschlechtern . Endlich fand er es so reizend , ein Kind aus dem bekanntlich nie ganz erloschnen Stamme der Komnenen zu seiner Gattin zu erziehn , daß der Gedanke sich in ihm festsetzte , Flämmchen müsse daher rühren . Denn den Namen hatte ihm der Arzt vertraut , der sonst unerbittlich blieb , und erst nach dem Turnier ihn zu dem Mädchen führen wollte . Dieser schrieb indessen in seinem Denkbuche allerhand Bemerkungen nieder , von denen wir einige hier mitteilen . * » Was ist ein Menschenleben ? Ein Nichts . Jedes Ereignis , welches in der Geschichte Front macht , fährt gleichgültig über deren tausend hin , die alle in unsern Augen ebenso kostbar und wichtig erscheinen müssen , als das einzelne , womit wir uns im Zustande des sogenannten Friedens ängstlich zu schaffen machen . Unter allen Wahrheiten ist die wahrste , daß kein Mensch unentbehrlich ist . Der Arzt stellt sich an , als sei er vom Gegenteil überzeugt . « * » Man wird es müde , Blut und Fleisch , Nerven und Eingeweide zu untersuchen . Was wir von diesen Dingen wissen können , wissen wir so ziemlich , und ich für meine Person teile wenigstens den Eifer meiner Kollegen nicht , zu dem aufgeschichteten Haufen der Tatsächelchen noch das und jenes Sandkörnchen zu fügen . Die einzige interessante Substanz bleibt für mich noch die menschliche Seele . « * » Da gälte es nun , Experimente anzustellen , zu analysieren , zu verbinden . Wie man Blut und andre Flüssigkeiten des Körpers auf den geeigneten Mitteln prüft , so müßte man ein gleiches Verfahren mit den Geistern anstellen , um zu sehen , in welche Bestandteile sie sich zersetzen lassen , was an ihnen wandelbar und was dagegen unbezwinglich erscheint . Freilich verbietet die Moral den Gebrauch der Agenzien und Reagenzien , welche in dieser Sphäre allein wirksam sein möchten . Allein , wie uns niemand darüber Vorwürfe macht , wenn wir , um zu einem wichtigen wissenschaftlichen Aufschlusse zu gelangen , den Schmerz der Tiere nicht achten , so gibt es ja auch wohl unter den Menschen Exemplare , mit denen man allenfalls sich erlauben dürfte , Versuche zu machen . « * » Und dann habe ich bei den Dingen , die mir jetzt durch den Kopf gehn , doch immer eine gute Absicht : Abweichungen im Psychischen wieder auf die Linie der Natur zurückzuführen . Wer kann mich also tadeln ? « * » Was ich von dem Mädchen höre , lege ich mir als Arzt leicht aus . Dennoch bleibt darin etwas Mystisches . Tanz ? Wer hat seine Bedeutung schon ergründet ? Religiöse Tänze . Tanz der Schamanen . « * » Wenn ich den alten Wilhelmi um eine Lappalie verbannt und trauernd sehe , wenn ich den Lärmen um nichts hier im Schlosse höre , wenn ich daran denke , wie der Herzog , ohne Kinder , spart , um nur das Fideikommiß zu vergrößern , welches einmal Gott weiß wem ? zustatten kommt , wenn ich den Krämer von der einen und den Pfaffen von der andern Seite lauern sehe , so ist es mir , als müsse über kurz oder lang etwas Fremdes , Unerwartetes hereinbrechen , wovon jetzt keiner einen Begriff hat . « * » Was hat uns denn nur zusammengeblasen und was hält uns noch beieinander ? « * » Es ist mit den Häusern , den Familien , den Freundschaften zu Ende , man sieht es klar . « * » Wenn ich nur der verruchten Liebe quitt werden könnte ! Daß eine weiße Haut , eine kleine Hand , eine Iris von der und der Farbe , ein seidnes Kleid und ein gesticktes Taschentuch einen vernünftigen Menschen aus der Fassung bringen ! Und es ist keine Sinnlichkeit dabei ; das ist das schlimmste . « Fünftes Kapitel Der Arzt , welcher von Zeit zu Zeit einsame Spazierritte nach Flämmchens Verstecke machte , um sich über ihren Zustand aufzuklären , hatte es dem beharrlichen Andringen des Domherrn endlich doch