ein paar fromme Verse , die er in frühester Jugend manchmal im Munde seiner verstorbenen Mutter gehört zu haben sich sogleich erinnert . Wie es nun zu geschehen pflegt , daß oft der geringste Gegenstand , daß die leichteste Erschütterung dazugehört , um eine ganze Masse von Gefühlen , die im Grunde des Gemüts gefesselt lagen , plötzlich gewaltsam zu entbinden , so war Noltens Innerstes auf einmal aufgebrochen und schmolz und strömte in einer unbeschreiblich süßen Flut von Schmerz dahin . Er saß , die Arme auf den Tisch gelegt , den Kopf darauf herabgelassen . Es war , als wühlten Messer in seiner Brust mit tausendfachem Wohl und Weh . Er weinte heftiger und wußte nicht , wem diese Tränen galten . Die Vergangenheit steht vor ihm , Agnes schwebt heran , ein Schauer ihres Wesens berührt ihn , er fühlt , daß das Unmögliche möglich , daß Altes neu werden könne . Dies sind die Augenblicke , wo der Mensch willig darauf verzichtet , sich selber zu begreifen , sich mit den bekannten Gesetzen seines bisherigen Seins und Empfindens übereinstimmend zu vergleichen ; man überläßt sich getrost dem göttlichen Elemente , das uns trägt , und ist gewiß , man werde wohlbehalten an ein bestimmtes Ziel gelangen . Nolten hatte keine Ruhe mehr an diesem Ort , er nahm schnell Abschied und ritt gedankenvoll im Schritt nach Hause . Wie er den Rest des Tages hingebracht , was alles in ihm sich hin und wieder bewegte , was er dachte , fürchtete , hoffte , wie er sich im ganzen empfunden , dies zu bezeichnen wäre ihm vielleicht so unmöglich gewesen als uns , zumal er die ganze Zeit von sich selbst wie abgeschnitten war durch einen unausweichlichen Besuch , den er zwar endlich an einen öffentlichen Ort , wo man viele Gesellschaft traf , glücklich abzuleiten wußte , ohne sich jedoch ganz entziehen zu dürfen . Entschieden war er nun freilich so weit , daß er Agnesen aufsuchen müsse und wolle . Noch hatte er die schriftliche Darstellung der Tatsachen , welche so sehr zur Rechtfertigung des teuren Kindes dienten , gar nicht angesehn ; ein stiller Glaube , der das Wunderbarste voraussetzte und keinen Zweifel mehr zuließ , war diese letzten Stunden in ihm erzeugt worden , er wußte selbst nicht wie . Doch als er in der Nacht die merkwürdigen Berichte des Försters las , als ihm Larkens ' Tagebuch so manchen erklärenden Wink hiezu gab , wie sehr mußte er staunen ! wie graute ihm , jener schrecklichen Elisabeth überall zu begegnen ! mit welcher Rührung , welchem Schmerz durchlief er die Krankheitsgeschichte des ärmsten der Mädchen , dem die Liebe zu ihm den bittern Leidenskelch mischte ! Und ihre Briefe nun selbst , in denen das schöne Gemüt sich wie verjüngt darstellte ! - Der ganz unfaßliche Gedanke , dies einzige Geschöpf , wann und sobald es ihm beliebe , als Eigentum an seinen Busen schließen zu können , durchschütterte wechselnd alle Nerven Theobalds . Auf einmal überschattete ein unbekanntes Etwas die Seligkeit seines Herzens . Diese zärtlichen Worte Agnesens , wem anders galten sie , als ihm ? und doch will ihm auf Augenblicke dünken , er sei es nicht : ein Luftbild habe sich zwischen ihn und die Schreiberin gedrungen , habe den Geist dieser Worte voraus sich zugeeignet , ihm nur die toten Buchstaben zurücklassend . Ja , wie es nicht selten im Traume begegnet , daß uns eine Person bekannt und nicht bekannt , zugleich entfernt und nahe scheint , so sah er die Gestalt des lieben Mädchens gleichsam immer einige Schritte vor sich , aber leider nur vom Rücken ; der Anblick ihrer Augen , die ihm das treueste Zeugnis geben sollten , war ihm versagt ; von allen Seiten sucht er sie zu umgehn , umsonst , sie weicht ihm aus : ihres eigentlichen Selbsts kann er nicht habhaft werden . Zu diesen Gefühlen von ängstlicher Halbheit , wovon ihn , wie er wohl voraussah , nur die unmittelbare Nähe Agnesens lossprechen konnte , gesellten sich noch Sorgen andrer Art. Das unbegreifliche Verhängnis , daß die rätselhafte Person der Zigeunerin aufs neue die Bahn seines Lebens , und auf so absichtlich gefahrdrohende Weise durchkreuzen mußte , der Gedanke , wie nahe er selbst ihr , ohn es zu wissen , neuerdings wieder gekommen ( denn des Schauspielers Tagebuch entdeckte ihm ihre zweimalige Anwesenheit ) , dies alles gab ihm mancherlei zu sinnen und weckte die Besorgnis , es möchte die Verrückte über kurz oder lang ihm in den Weg treten , oder hinter seinem Rücken , vielleicht in diesem Augenblick , zu Neuburg wiederholte Verwirrung anstiften . Ein weiterer Gegenstand seiner Unruhe war Larkens , er wußte die treffliche Absicht des Freundes wenn er gleich die einzelnen Schritte nicht billigen konnte , ja zum Teil sie bitter zu schelten geneigt war , doch von der rechten Seite zu nehmen und dankbar zu schätzen ; er erkannte auch darin eine kluge Vorsicht desselben , wenn er durch seine eigene Entfernung alles weitere Unterhandeln über die Pflicht , über Neigung oder Abneigung Noltens in dieser zweifelhaften Sache völlig zwischen sich und ihm abschneiden und den Maler , indem er ihn ganz auf sich selber stellte , zwingen wollte , das Gute , Notwendige frisch zu ergreifen - Aber was sollte man überhaupt von der eiligen Flucht des Schauspielers denken ? welchem Schicksal ging der unfaßliche Mann entgegen ? Beinahe seiner sämtlichen häuslichen Habe hat er sich entäußert , ein großer Teil war ohne Zweifel ins Geld gesetzt , ein anderer , der hier zurückblieb , entweder zu Geschenken bestimmt , oder sollte er durch Nolten verwertet und zu Befriedigung der Gläubiger verwendet werden . Mangel für Larkens selber war nicht zu fürchten . Aber wenn aus allem hervorging , daß eine tiefe Erschöpfung , ein verjährter Schmerz ihn in die Weite trieb , wenn sogar einige Stellen seines Briefs auf eine freiwillig gewaltsame Erfüllung seines Schicksals gedeutet werden