sich der Schäfer seinen Sitz von Rasen gemacht . Ich sah des Abends von hier aus , die Sonne hinter das freundliche Dorf niedersinken , und wenn die Purpurstrahlen an dem gelben Metallknopf des Kirchthurms widerleuchten , die Heerden über die Wiesen ziehn , der Hirt ein frommes Lied auf seiner Schalmei bläst , die Abenddünste einen leichten Flor über die Gipfel der Bäume weben und alles so still wird , die Erde in Schlummer sinkt , dann - O dann - ! Gute Nacht , Sophie ! gute Nacht ! Hugo an Heinrich Zwei Deiner Briefe liegen vor mir . Ich habe den ersten noch nicht gelesen , und würde keinen beantworten , fiele mir nicht ein , mein Schweigen könne Dir wunderliche Gedanken machen , und Dir den Einfall geben , hierher zu kommen und mich aufzusuchen . Thue das nicht , Heinrich ! Bilde Dir auch nichts Besonderes von mir ein . Ich scheue nun noch mehr als sonst das laute Denken . Darum rede ich lieber nichts , und mag auch nicht viel hören . Ich versichere Dich , das Wort ist sehr roh . Hauche ihm die tiefste Seele ein , und es giebt Dir von dieser nichts , als die verpuppte Larve . Das beschwingte Leben entflieht mit dem Oeffnen der Lippe . Wie dürr , wie entkleidet von allem Duft innerer Wärme steht so ein ausgesprochenes Gefühl da . Und wie starrt die Welt es an ! wie unkenntlich wird es selbst Dir , dessen Innerm es sich in Entzücken oder Schmerz entwandt ! Darum , Heinrich , höre auf , das Senkblei prüfender Fragen in meine Brust fallen zu lassen . Du hast ja längst Grund darin gefunden . Was willst Du denn sonst noch wissen ? Die alte , todtgesprochene Geschichte von Emma und Eduards Unglück , von meiner Schuld , und dem tragischen Heroismus der schönen Sünderin , die mußt Du ja wohl auswendig können . Das Historische solcher Haupt- und Staatsactionen singen Dir mit Nächstem die Jungen auf der Straße vor . Erlaß mir das Sprechen darüber . Ja , ja mein Freund , das wäre auch vorbei ! Die Menschen können das Natürliche und Wahre nicht natürlich und wahr nehmen . Sie zerren so lange daran , bis sie wirklich das Greuelbild daraus machen , was sie sich darunter denken . Es ist ein niedriges Gelüst in den Meisten ! ein Vernichtungstrieb , der selbst den Schwächling kitzelt , seinen Fuß zu heben und in den Staub zu treten , was ihm über den Kopf wächst ! Das ist der gemeine Gang der Dinge ! Es scheint uns nur ungewöhnlich , wenn wir darunter leiden . Gäbe es keine Tyrannei , so hätte sich der Gedanke wohl niemals frei gemacht . Ich habe viel mit mir zu thun gehabt , ehe ich den Zorn überwand , der sich meiner zu bemeistern drohte . Mich hatte der Auftritt empört . Alles sehe ich entweiht . Das Heiligste und Geheimste . Mir widersteht jede Verletzung zarterer Rücksicht . Ich fuhr zurück vor der Verwilderung des Schmerzes , und sah mit Unwillen das Edelste von der dammlosen Fluth der Gemeinheit fortgerissen . Die rohen Hände waren gehoben , um das Geheimniß zu enthüllen . Ich hörte die schneidenden Töne des Schreckens , und Alles , selbst die Geliebte ward mir fremd . Nachher mußte ich mich tadeln , so einseitig empfunden zu haben . Aber wahr blieb es doch , ich hatte die Blüthe zerstäuben sehen , und konnte die kahlen Staubfäden nicht wieder mit ihrer duftigen Krone umschließen . Heinrich , ich bin aus meinem Himmel gefallen , und das ist von allem das Schlimmste . Ich mochte deshalb immer noch nicht an Elisen schreiben . Mich dünkt , der natürliche Vermittler unserer Gefühle , der Schlüssel zu jener Zeichensprache des Herzens sei nicht mehr in ihren Händen . Ich fürchte , ihr nicht ganz verständlich zu sein . Es ist etwas in mir verletzt , das ich weder verbergen noch auch angeben kann . Siehst Du , wir wurden einen Augenblick , jeder in die eigne , besondere Welt zurückgeworfen . Der Augenblick ließ eine Lücke . Ich bin verlegen , bei dieser zu verweilen , oder sie zu überspringen . Die Zeit mag sie füllen ! Die Zeit mag überhaupt hier walten . Ich lasse sie machen ! - - - - Wir sind geboren , unsere eigene Narren zu sein . Da nehme ich dies Blatt nach mehreren Tagen wieder zur Hand , und muß mich gleich in den ersten Zeilen auf einer gewissen coquettirenden Misantropie ertappen , die gar nicht zu meiner jetzigen Stimmung paßt . Lieber Heinrich ! wenn ich mich anders recht verstehe , suchte ich längst eine Veranlassung , Dir mit guter Manier Nachricht von mir zu geben . Ich scheute dieses , wie ich auch Deine Ankunft scheue , und doch Beides wünsche . Was aber vor Allem lächerlich herauskommt , ist meine Verachtung gegen das gesprochene Wort , indeß ich mehrere , als gescheut ist , darüber mache . Du siehst , daß ich noch nicht zur Ruhe in mir gekommen bin , und von einem Aeußersten zum andern übergehe . Diese Widersprüche machen mich zuweilen muthlos . Ich war auch zeither nicht wohl . Der Streifschuß am Arm machte mir doch mehr zu schaffen , als ich Anfangs dachte . Ich habe gelitten , und , des Kränkelns ungewohnt , gerieth ich in einen gereizten , ärgerlichen Zustand , aus dem ich noch nicht heraus kann . Vorzüglich verdroß mich die ungeschickte und einfältige Art , eine ernsthafte , auf die stille , innere Ueberzeugung des Menschen , beruhende Handlung , wie einen brutalen Anfall behandelt zu sehen . Das Sühnofer der Ehre , wie diese auch immer verstanden werden mag , muß ehrenvoll gefordert und gebracht werden . Es ist denn auch nicht mit einem Bischen Pulverdampf und ein Paar Blutstropfen abgethan . Die Leidenschaft genügt sich schnell .