seine Tochter sagten ihm freundlich gute Nacht . Er stieg hinan in seine Kammer , er entließ den Knecht , der ihn sonst entkleidete , und warf sich angekleidet auf das Bette ; er lauschte auf jeden Glockenschlag , den die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Walde herübertrug ; oft schlossen sich seine Augen , oft schwebte er schon auf jener unsicheren Grenze , zwischen Wachen und Schlafen , wo sich die Seele nur mit ermatteten Kräften gegen die Bande des Schlummers sträubt , aber immer wieder rang er sich los , wenn seine Gedanken klar genug waren , um ihm seinen Zweck ins Gedächtnis zurückzuführen . Zehn Uhr war längst vorüber ; die Burg war still und tot , Georg raffte sich auf , zog die schweren Sporen und Stiefel ab , hüllte sich in seinen Mantel und öffnete behutsam die Türe seiner Kammer . Er hielt den Atem an , um sich nicht durch Schnauben zu verraten , die Angeln seiner Türe garrten , er hielt an , er lauschte , ob niemand diese verräterischen Töne gehört habe ? Es blieb alles still ; der Mond fiel in mattem Schein auf den Vorplatz , Georg pries sich glücklich , daß ihn dieses trügerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde . Er schlich weiter an die Wendeltreppe , noch einmal hielt er an , um zu lauschen , ob alles stille sei ; er hörte nichts als das Sausen des Windes und das Rauschen der Eichen über der Brücke . Er stieg behutsam hinab . In der Stille der Nacht tönt alles lauter , und Dinge erwecken die Aufmerksamkeit , die man am Tage nicht beachtet hätte . Wenn Georgs Fuß auf ein Sandkörnchen trat , so rauschte es auf der gewölbten Wendeltreppe , daß er erschrak und glaubte , man müsse es im ganzen Hause gehört haben . Er kam an dem ersten Stock vorüber ; er lauschte , er hörte niemand , aber auf dem Herd in der Küche flatterte ein lustiges Feuer . Jetzt war er unten . Zu dem Weg von seiner Kammer bis zum Tor , den er sonst in einem Augenblick zurücklegte , hatte er eine Viertelstunde verwandt . Er stellte sich in die Nische und zog den Torflügel noch näher zu sich her , so daß er völlig von ihm bedeckt war . Eine Spalte in der Türe war groß genug , daß er durch sie alles beobachten konnte . Noch war alles still im Schloß . Nur flüchtige Tritte glaubte er über sich zu vernehmen , es war wohl Marie , die geschäftig hin und her ging . Nach einer tödlich langen Viertelstunde schlug es im Dorfe eilf Uhr . Dies war die Zeit des nächtlichen Besuches , Georg schärfte sein Ohr , um zu vernehmen wann er komme . Nach wenigen Minuten hörte er oben den Hund anschlagen , zugleich rief über dem Graben eine tiefe Stimme : » Lichtenstein ! « » Wer da ? « fragte man aus der Burg . » Der Mann ist da ! « antwortete jene Stimme , die Georg von seinem Besuch in der Höhle so wohlbekannt war . Ein alter Mann , der Burgwart , kam aus einer Kasematte , die in den Grundfelsen gehauen war . Er öffnete mit einem wunderlich geformten Schlüssel das Schloß der Zugbrücke . Indem er noch damit beschäftigt war , stürzte in großen Sprüngen der Hund die Treppe herab ; er winselte , er wedelte mit dem Schwanz , er hüpfte an dem Burgwart hinauf , als wolle er ihm behülflich sein , die Brücke für seinen Herrn herabzulassen . Und jetzt kam auch Marie , sie trug ein Windlicht , und leuchtete damit dem Alten , der mit seinem Aufschließen nicht zurechtzukommen schien . » Spute dich , Balthasar ! « flüsterte sie , » er wartet schon eine gute Weile , und draußen ist ' s kalt , und es weht ein garstiger Wind . « » Jetzt nur noch die Kette los , gnädiges Fräulein « , antwortete er , » dann sollt Ihr gleich sehen , wie schön meine Brücke fällt . Ich habe auch , wie Ihr befohlen habt , die Fugen mit Öl geschmiert , daß sie nicht mehr garren , und die Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf aufwecken . « Die Ketten rauschten in die Höhe , die Brücke senkte sich langsam nach außen , und legte sich über den Abgrund ; der Mann aus der Höhle , in seinen groben Mantel eingehüllt , schritt herüber . Georg hatte sich das Bild dieses Mannes tief ins Herz geprägt , und doch überraschten ihn aufs neue seine auffallend kühnen Züge , sein gebietendes Auge , seine freie Stirne , das Kräftige , Gewaltige in seinen Bewegungen . Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie , und noch lange Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe . Die schlanke Gestalt der Geliebten , das dunkle Haar , dessen Flechten aufgegangen waren und nun um den zierlichen Hals herabströmten , die blendende Stirne , das sinnige , blaue Auge , dem die langen , dunklen Wimpern und die schöngeschwungenen Bogen der Brau ' n einen eigentümlichen Reiz gaben , der kleine rote Mund , die zarte Farbe ihrer Wangen , dies alles , überstrahlt von dem Lichte , das sie in der Hand hielt , bewirkte , daß Georg glaubte , die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben , als in diesem Augenblick , wo der Kontrast gegen die scharfen , kräftigen Formen des Mannes , der neben ihr stand , ihr zartes , liebliches Wesen noch mehr hervorhob . Der nächtliche Gast half mit beinahe übermenschlicher Kraft dem alten Pförtner die Brücke wieder aufziehen . Dann zog sich der Alte zurück und Georg vernahm folgendes Gespräch : » Ist Nachricht da von Tübingen ? ist Marx Stumpf zurück ? Ich lese Unglück in Euren Mienen ! « » Nein , Herr , er ist noch