- und das kränkte sie . Sie wollte nun nicht eher aufstehen , bis er ihr selbst die neuen goldnen Strumpfbänder gereicht hätte , nachdem ihre silbernen Strumpfbänder beim letzten Tanze feierlich zerrissen und jedem Gast ein Stücklein zum Andenken geschenkt worden war . Mit diesem Gedanken beschäftigt , sah sie nach dem Boden des Zimmers , weil die Fenster ihr zu hell entgegen leuchteten , und bemerkte das Schattenbild einer Leiter , auf welcher zwei Beine standen . Mit vorgehaltener Hand suchte sie zu entdecken , woher dieses seltsame Schattenspiel sich durch die Fenster sehen lasse , und fand bald , daß eine Leiter ans Fenster gelehnt sei , auf welcher die Beine eines Menschen ständen . Erst glaubte sie , es sei ein Scherz Bertholds oder eines mutwilligen Bekannten , und schämte sich , aber die feste Ruhe dieser Beine zeigte bald , der Gebeinte müsse seine Neugierde an der Mauer über und neben dem Fenster befriedigen , und sie hielt ihn für einen Arbeitet , der irgend etwas an dem Hause zu verrichten habe . Sie wollte eben mit Vorsicht aufstehen , fest versichert , der Mann könne nichts von ihr durch die blinkenden Scheiben wahrgenommen haben , da öffnete sich der obere Fensterflügel , und sie erinnerte sich mit Schrecken , daß Berthold diesen der Hitze wegen am Abend geöffnet hatte . Es bückte sich ein Antlitz nieder , das zu den Beinen gehören mochte , sie sah es aber nicht , denn sie war unter die Decke gefahren . Was war zu tun ? Unter der Decke war es zu heiß und nicht allzu lange auszuhalten ; ihr Vorzimmer , wo Kleider lagen , war etwa zehn Schrittchen entfernt , die Zeit mußte benutzt werden , wenn der Mann nicht hineinblickte . Aber konnte er nicht in der Zwischenzeit sich wieder niederbeugen , ehe das Vorzimmer erreicht war ? Endlich war der Entschluß gefaßt : in der Decke eingehüllt , hatte sie ohne umzublicken das Vorzimmer erreicht , wo sie in Eile die bequemen Morgenkleider anlegte . Nun kehrte ihr gewöhnlicher Mut zurück , sie schämte sich der kleinlichen Besorgnis und wurde neugierig , die Ursache dieses Schreckens näher kennen zu lernen . » Gewiß ist es Meister Sixt « , dachte sie , » die Mutter Hildegard gelobte , die heilige Mutter am Giebel neu aufmalen zu lassen , wie hat mich der gute , alte Mann so erschrecken können ? « Sie trat nun dreist ans Fenster , um dem Meister , den sie gern in allen Sprachen welschen hörte , einen guten Morgen zu wünschen , trat aber mit neuer Verwunderung zurück , als sie die Beine ins Auge faßte . So riesenhafte Beine mit breiten Waden , knorrigen Knöcheln und wohl gepolsterten Zehen , welche durch die zerrissenen Schuhe blickten , konnten dem dürren , kleinen Sixt nicht passen , auch war die Bekleidung für den geschniegelten , alten Niederländer allzu nachlässig . Die langen , roten Tuchhosen waren nicht aus Mode , sondern von der Hand der Zeit aufgeschlitzt , doch hatte der Eigentümer die List gebraucht , die unvermeidlichen Lücken , die sein Bein füllte , mit roter Farbe zu überstreichen , wodurch aber die Mücken keinesweges getäuscht wurden , denn sie nötigten oftmals die mit dem Pinsel bewaffnete , rechte Hand , die wohl zweimal so dick , als gewöhnliche Hände war , gegen sie niederzuschlagen , als müsse sie das Gemälde auffrischen . Anna meinte , es sei ein fremder Meister , der hier seine Kunst an ihrem Hause zeigen wollte , und sie hielt sich für verpflichtet , ihm zum mühsamen Werke in der Sonnenhitze einen guten Morgen zu bieten . » Guten Morgen Meister ! « sagte sie . - » Ich bin nicht der Meister « , antwortete ihr eine mächtige , tiefe Stimme , » ich bin aber sein Junge . « - » Wenn Ihr auch noch nicht Meister seid « , antwortete Anna , » so steht Ihr doch auf Eurem Platz fest und geht auf einem großen Fuße einher , in jedem Eurer Beine hat ein Meister Sixt Platz und wenn Eure Kunst Euer Maß hält , so könnt Ihr einer der größten Meister werden . « - » Es würde schon etwas aus mir werden « , entgegnete er mit einem lustigen Grundton , daß die Balken mitbrummten , » aber der Meister gibt mir mehr Schläge als Essen , wenn ich ein Körnchen in der Farbe nicht fein abgerieben habe , dabei kommt niemand zu Kräften , besonders wenn einem die Sonne wie hier beständig auf den Buckel brennt . « - » Wie macht er das , Euch Schläge zu geben « , fragte Anna , » ich dächte , er langte kaum zu Eurer Halskrause herauf , wenn er sich auch auf die Zehen stellte . « - » Der Meister ist ein listiger Mann « , sagte er und blickte durch das Fenster wie vorher , als Anna noch im Bette lag , indem er aus dem Farbentopf , der an der Leiter hing , den Pinsel füllte . Sie sah ein fröhliches Gesicht , das wie der Vollmond im Aufgange den Fensterflügel fast füllte , von großen , blauen Augen durchstrahlt , mit einem dichten Bart von Milchhaaren umglänzt , erschien er , wie ein Engelskopf unter dem Vergrößerungsglase sich darstellen möchte . - » Wie ist denn der Meister so gar listig ? « fragte Anna und beschaute das junge Blut mit Freude , wie es in dem erhitzten Halse pulsierte . - » Der Meister ist ein listiger Mann « , sagte er , » das sieht ihm keiner an . Wenn er nur jetzt käme , da schnippte ich ihn mit meinem Finger in die Ecke , aber da wartet er ganz ruhig , wenn ich etwas ausgefressen habe , was er für sich zurückgelegt hatte , bis zum andern Morgen und wenn ich im besten Morgenschlaf liege und für keinen