ihren linken Arm gestützt , und leidet wohl mehr als ich . Und warum soll ich es nicht tragen wie sie ? Diese Schmerzen sind mir heilsam , sind mir , ich kann beinah sagen , wünschenswert ; denn nur mächtiger , deutlicher , lebhafter schwebt mir das Bild ihrer Geduld , von allen ihren übrigen Vorzügen begleitet , vor der Seele , nur im Leiden empfinden wir recht vollkommen alle die großen Eigenschaften , die nötig sind , um es zu ertragen . « Als Mittler den Freund in diesem Grade resigniert fand , hielt er mit seinem Anbringen nicht zurück , das er jedoch stufenweise , wie der Gedanke bei den Frauen entsprungen , wie er nach und nach zum Vorsatz gereift war , historisch vortrug . Eduard äußerte sich kaum dagegen . Aus dem wenigen , was er sagte , schien hervorzugehen , daß er jenen alles überlasse ; sein gegenwärtiger Schmerz schien ihn gegen alles gleichgültig gemacht zu haben . Kaum war er allein , so stand er auf und ging in dem Zimmer hin und wider . Er fühlte seinen Schmerz nicht mehr , er war ganz außer sich beschäftigt . Schon unter Mittlers Erzählung hatte die Einbildungskraft des Liebenden sich lebhaft ergangen . Er sah Ottilien allein oder so gut als allein auf wohlbekanntem Wege , in einem gewohnten Wirtshause , dessen Zimmer er so oft betreten ; er dachte , er überlegte , oder vielmehr er dachte , er überlegte nicht ; er wünschte , er wollte nur . Er mußte sie sehn , sie sprechen . Wozu , warum , was daraus entstehen sollte , davon konnte die Rede nicht sein . Er widerstand nicht , er mußte . Der Kammerdiener ward ins Vertrauen gezogen und erforschte sogleich Tag und Stunde , wann Ottilie reisen würde . Der Morgen brach an ; Eduard säumte nicht , unbegleitet sich zu Pferde dahin zu begeben , wo Ottilie übernachten sollte . Er kam nur allzuzeitig dort an ; die überraschte Wirtin empfing ihn mit Freuden ; sie war ihm ein großes Familienglück schuldig geworden . Er hatte ihrem Sohn , der als Soldat sich sehr brav gehalten , ein Ehrenzeichen verschafft , indem er dessen Tat , wobei er allein gegenwärtig gewesen , heraushob , mit Eifer bis vor den Feldherrn brachte und die Hindernisse einiger Mißwollenden überwand . Sie wußte nicht , was sie ihm alles zuliebe tun sollte . Sie räumte schnell in ihrer Putzstube , die freilich auch zugleich Garderobe und Vorratskammer war , möglichst zusammen ; allein er kündigte ihr die Ankunft eines Frauenzimmers an , die hier hereinziehen sollte , und ließ für sich eine Kammer hinten auf dem Gange notdürftig einrichten . Der Wirtin erschien die Sache geheimnisvoll , und es war ihr angenehm , ihrem Gönner , der sich dabei sehr interessiert und tätig zeigte , etwas Gefälliges zu erweisen . Und er , mit welcher Empfindung brachte er die lange , lange Zeit bis zum Abend hin ! Er betrachtete das Zimmer ringsumher , in dem er sie sehen sollte ; es schien ihm in seiner ganzen häuslichen Seltsamkeit ein himmlischer Aufenthalt . Was dachte er sich nicht alles aus , ob er Ottilien überraschen , ob er sie vorbereiten sollte ! Endlich gewann die letztere Meinung Oberhand ; er setzte sich hin und schrieb . Dies Blatt sollte sie empfangen . Eduard an Ottilien » Indem du diesen Brief liesest , Geliebteste , bin ich in deiner Nähe . Du mußt nicht erschrecken , dich nicht entsetzen ; du hast von mir nichts zu befürchten . Ich werde mich nicht zu dir drängen . Du siehst mich nicht eher , als du es erlaubst . Bedenke vorher deine Lage , die meinige . Wie sehr danke ich dir , daß du keinen entscheidenden Schritt zu tun vorhast ; aber bedeutend genug ist er . Tu ihn nicht ! Hier , auf einer Art von Scheideweg , überlege nochmals : Kannst du mein sein , willst du mein sein ? O du erzeigst uns allen eine große Wohltat und mir eine überschwengliche . Laß mich dich wiedersehen , dich mit Freuden wiedersehen . Laß mich die schöne Frage mündlich tun und beantworte sie mir mit deinem schönen Selbst . An meine Brust , Ottilie ! hieher , wo du manchmal geruht hast und wo du immer hingehörst ! « Indem er schrieb , ergriff ihn das Gefühl , sein Höchstersehntes nahe sich , es werde nun gleich gegenwärtig sein . Zu dieser Türe wird sie hereintreten , diesen Brief wird sie lesen , wirklich wird sie wie sonst vor mir dastehen , deren Erscheinung ich mir so oft herbeisehnte . Wird sie noch dieselbe sein ? Hat sich ihre Gestalt , haben sich ihre Gesinnungen verändert ? Er hielt die Feder noch in der Hand , er wollte schreiben , wie er dachte ; aber der Wagen rollte in den Hof . Mit flüchtiger Feder setzte er noch hinzu : » Ich höre dich kommen . Auf einen Augenblick leb wohl ! « Er faltete den Brief , überschrieb ihn ; zum Siegeln war es zu spät . Er sprang in die Kammer , durch die er nachher auf den Gang zu gelangen wußte , und augenblicks fiel ihm ein , daß er die Uhr mit dem Petschaft noch auf dem Tisch gelassen . Sie sollte diese nicht zuerst sehen ; er sprang zurück und holte sie glücklich weg . Vom Vorsaal her vernahm er schon die Wirtin , die auf das Zimmer losging , um es dem Gast anzuweisen . Er eilte gegen die Kammertür , aber sie war zugefahren . Den Schlüssel hatte er beim Hineinspringen heruntergeworfen , der lag inwendig ; das Schloß war zugeschnappt , und er stund gebannt . Heftig drängte er an der Türe ; sie gab nicht nach . O wie hätte er gewünscht , als ein Geist durch die Spalten zu schlüpfen ! Vergebens ! Er verbarg sein