seyn möchte . Ich stehe dir nicht dafür , daß nicht auch einem Dionysius so etwas - Tyrannisches begegnen könnte . 52. An Hippias . Die Urtheile der Syrakusaner über die heroische Art , wie Sokrates die letzte Probe , worauf seine Tugend gesetzt wurde , bestanden hat , sind des Charakters , den du ihnen gibst , vollkommen würdig , edler Hippias . Es ist wirklich lustig , wenn solche Sybariten einen Mann wie Sokrates seine Pflichen lehren wollen . - » Es war seine Pflicht ( sagen diese Virtuosen ) , Pflicht gegen Weib , Kinder und Freunde , sich selbst zu erhalten , und vornehmlich Pflicht gegen sein Vaterland , den Athenern die Nachreue über ein ungerechtes Urtheil zu ersparen . Denn , da er unschuldig war , so konnte ihn das Gesetz nicht verdammen ; seine Verurtheilung war also eine schreiende Ungerechtigkeit . « - Aber woher wußten denn die Richter daß er unschuldig war ? Die Klage schien bewiesen zu seyn , und er weigerte sich den Gegenbeweis zu führen . Die Richter mußten , den Gesetzen zufolge , nicht nach dem , was sie glaubten oder nicht glaubten , sondern nach dem , was vor Gericht bewiesen und verhandelt worden war , sprechen . Sokrates hatte also Recht zu sagen : er sey durch die Gesetze von Athen gerichtet worden , und müsse sich , als ein guter Bürger , dem Urtheil unterwerfen . - » Aber , sagen jene , er war sich doch seiner Unschuld bewußt . « - Unstreitig ; die Frage ist nur : berechtigte ihn dieses Selbstbewußtseyn , das Urtheil seiner Richter zu cassiren , oder ( was auf das Nämliche hinausläuft ) sich demselben durch die Flucht zu entziehen ? Konnt ' er das , ohne sich zum Richter über seine Richter aufzuwerfen ? Welcher Staat in der Welt möchte bestehen können , wenn die Bürger berechtigt wären , die Urtheile ihrer Obrigkeit zu controlliren , und wenn jeder Ausspruch , den das Gesetz aus dem Munde seiner Wortführer über sie und ihre Handlungen , Ansprüche , oder Streitigkeiten unter einander , gethan hätte , einer eigenmächtigen Revision der interessirten Parteien unterworfen wäre ? Der Bürger eines Staats begibt sich eben dadurch , daß er sich den Gesetzen desselben und der gesetzmäßig angeordneten Obrigkeit unterwirft , alles Rechts , sich gegen ihre Entscheidungen aufzulehnen , oder die Vollziehung derselben zu verhindern . - » Aber ( wendet man ein ) warum empört sich gegen diesen unläugbaren Ausspruch der Vernunft ein gebieterisches Gefühl in uns , welches wir nicht zum Schweigen bringen können ? « - Mich dünkt , Hippias , du hast hierauf die wahre Antwort gefunden . Dieß Gefühl hängt an einer andern Ordnung der Dinge ; es ist weder mehr noch weniger als der mächtige Erhaltungstrieb , den die Natur in alle lebenden Wesen gelegt hat . Nur darin kann ich dir nicht beistimmen , wenn du diesen Trieb zum höchsten Naturgesetz und den Gehorsam gegen dieses Gesetz zu einer Pflicht machst , welcher alle andern weichen müssen ; denn , nach meinem Begriff , vernichtest du dadurch sogar die bloße Möglichkeit dessen was ich mit Sokrates Tugend nenne . Ich werde zur Selbsterhaltung von der Natur aufgefordert , und bin berechtigt , meiner Erhaltung alle andern Pflichten , im Fall des Zusammenstoßes , nachzusetzen ; aber ich bin nicht dazu verbunden . Ich bin ein freies Wesen ; will ich mich meines Rechtes begeben und mich selbst für andere aufopfern , so ist keine Macht in der ganzen Natur berechtigt mich daran zu hindern . Beruht nicht die wesentlichste Pflicht des Bürgers , sein Leben für die Vertheidigung seines Vaterlandes zu wagen und hinzugeben , lediglich auf diesem Rechte ? Ueberhaupt kenne ich keine Tugend , die nicht in freiwilliger Aufopferung besteht , und von der Größe des Opfers ihren höhern oder niedern Werth erhält . Tugend ist , nach meinem Begriff , moralisches Heldenthum ; niemand ist verbunden ein Held zu seyn . Ich verdenke es daher einem Schuldigen nicht , wenn er sein nach dem Gesetz verwirktes Leben durch die Flucht rettet : aber ich ehre und bewundere den Schuldlosverurtheilten , der lieber sich selbst aufopfern , als seinen Mitbürgern ein Beispiel des Ungehorsams gegen die Gesetze geben will . Eine so edelmüthige Gesinnung mag ( wenn man will ) an jedem andern als etwas Verdienstliches angesehen werden : an Sokrates war sie nicht mehr , als was alle , die ihn kannten , von ihm zu erwarten befugt waren . Hatte er nicht bei jeder Gelegenheit zu erkennen gegeben , daß er die Rechte des Menschen den Pflichten des Bürgers unterordne ? Hatte er nicht das Hauptgeschäft seines Lebens daraus gemacht , seiner Republik gute Bürger zu erziehen , und sich selbst als ein Vorbild aller Bürgertugenden darzustellen ? War es nicht eine auszeichnende Eigenschaft seiner Sittenlehre , daß er sogar die guten Angewöhnungen , zu welchen uns die Pflicht gegen uns selbst auffordert , vorzüglich deßwegen zu empfehlen pflegte , weil sie uns geschickter machten , unsre Bürgerpflichten zu erfüllen ? Wie wäre es einem solchen Manne angestanden , ein solches Leben , bloß um dessen Dauer zu fristen , so nah ' am Ziele noch durch eine Handlung zu entehren , wodurch er seine eigenen Grundsätze so gröblich verläugnet haben würde ? Die standhafte Weigerung , seine Bande von Kriton zerreißen zu lassen , setzte seinem ganzen Leben die Krone auf : da hingegen , wenn er dem Triebe der Selbsterhaltung und den Bitten seines Freundes nachgab , diese einzige Schwachheit seine eigene Ueberzeugung von der Wahrheit seiner Lehre verdächtig gemacht , und die gute Wirkung seines bisherigen Beispiels entkräftet , ja bei vielen gänzlich vernichtet , ihn selbst aber auf ewig in den großen Haufen der alltäglichen Menschen herabgestoßen hätte , die keinen höhern Beweggrund kennen als ihren persönlichen Vortheil , und immer bereit sind , diesem das Beste des ganzen Menschengeschlechts aufzuopfern . Uebrigens wollen wir nicht vergessen