, nie hört man von ihnen eine Berufung auf ihre Lebensstellung , auf das Loos von Weib und Kind . Meine arme Helene vielleicht sucht Gott , vielleicht sogar Christus , aber sie wird auch , in Ermangelung des rechten Heilandes , vorläufig soviel Apostel finden , daß ihr ein neues unterhaltendes Leben aufgehen muß und ihre liebeglühende , in den Extremen lebende Seele nicht Zeit erhält , noch an das Vergangene zu denken . Sie ist reich , sie wird sich das Leben nach allen Dichtgattungen , tragisch , idyllisch gestalten , wie sie es bedarf . Die Elastizität ihres Willens , die Dehnbarkeit ihres Bedürfnisses wird nie ein Ende finden . Über Gründe , Motivirungen wird sie , die im Ewignothwendigen lebt , nie in Verlegenheit sein . Geb ' ihr der Himmel die reichsten Züge aus dem Quell des Vergessens und netze ihre heiße Stirn mit irgend einem Thau und wär ' es das Weihwasser des Aberglaubens an den weihrauchduftenden Kirchthüren ! Die Fürstin lenkte , da Egon ' s Stimme vor wehmüthiger Erregung zitterte , auf Pauline ein und berichtete über die Besuche , die heute die Geheimräthin schon in der Frühe gemacht hatte , aus Furcht , Egon wolle dem Hofe offen , nicht versteckt weichen , wolle eine Kabinetskrisis eintreten lassen ... Egon aber fuhr ausweichend fort : Dieser tollkühne , so liebenswürdige und so gefährliche Dankmar Wildungen hatte Recht , als er mir eines Tages , da von dem Übertritt einer berühmten Frau die Rede war , sagte : Diese Frau handelte sehr inkonsequent oder sie weiß nicht , daß die Nachtigall ein Männchen ist . Überlegte sie , daß Gott es so geordnet hat , daß die Männchen im Walde die Herren , die Männchen nur schön sind und nur die Männchen singen , wüßte sie , daß nur eine ihr sonst so seltene Galanterie der deutschen Sprache aus dem Sprosser , der allein schlägt , eine Nachtigall machte , aus der Sonne , die in allen Sprachen männlich ist , bei uns allein eine Dame und den überall weiblichen , überall abhängigen Mond bei uns zum Herrn , zum Maskulinum , so hätte sie in dem konsequenten Streben nach Freiheit und Frauengröße eigentlich dem Weltenschöpfer den Handschuh zum Kampfe hinwerfen und in die Schule der neuen Atheisten gehen müssen . Aber von den Regierungen verfolgt werden , mit der Gesellschaft zerfallen , von der Aristokratie verdammt und verketzert werden , Das entspricht freilich nicht den Allüren dieser Ästhetik und so wählte sie statt der genialen Malice auf die Weltordnung , die eine charakteristische Konsequenz gewesen wäre , eine ihr gar nicht natürliche demüthige Unterordnung , statt Byron ' s den ihr im Stillen höchst langweiligen Thomas a Kempis , statt des unscheinbaren Doktors Feuerbach bei Nürnberg den freilich pompöseren Papst in Rom . Das Paar stand nun auf ... Die Fürstin wußte , daß sie diese Art von Erinnerungen , wenn Egon fest dabei blieb , nicht durch Scherz stören durfte . Sie wußte , wie Egon litt unter dem Druck seiner Überzeugungen und Pflichten . Er terrorisirte sich ja selbst und weil sie die Einzige war , die seine Wahrheitsliebe mit schaudernder Verehrung anerkannte , so that es ihm wohl , sich , wenn sie ganz stumm war , an sie zu schmiegen und sich mit ihr allein im beruhigten Einverständniß zu fühlen . Pauline , sagte er im Gehen , Pauline ist grade wie Helene . Diese ertrug nicht , daß ich handelte , Jene wird nie ertragen , daß ich liebe und nur dem Leben lebe . Erst war ich ganz der Sklave des Herzens , nun bin ich ganz der Sklave des Geistes . Ich soll mich beugen unter diese kleinen Zirkel ! Ich soll eine Lüge in die wenigstens mir erwiesene Wahrheit meines Herzens aufnehmen ! Ich soll die Religion , die Schule , die Wissenschaft einer Richtung überantworten , die nicht die meine ist ! Und warum ? Um Minister zu bleiben ? Um Paulinen nicht von ihrer Höhe herabzustürzen ? ... Ich habe diesen Staat gerettet . Ich begab mich in Gefahren , opferte meine Freunde , diente der Gesellschaft , indem ich die Ruhe , Ordnung , den Fleiß , die Mäßigung , die Ergebung , das Vertrauen anbahnte . Und immer die Vorwürfe , daß ich die historischen Bedingungen vergäße ? Grade diese Monarchie wäre ein Andres als der allgemeine Staat der Vernunft ? Grade hier gälte es , Alles in den Personen , nichts in den Dingen zu suchen ? Ich ertrug diesen tollen Widerspruch , so lange ich ihn für ungefährlich erklären konnte . Aber jetzt soll ich , da diese Fanatiker des Rückganges sich unentbehrlich gemacht haben und ich auch von den Mittelparteien umgangen bin , mir Elemente aufdrängen lassen , die sich mir nur heuchlerisch unterwarfen , weil ich Muth hatte und nur warteten , bis ich von ihrem schlingpflanzenartigen Wachsthum umrankt bin und in ihren Umarmungen ersticken muß ! Ich kenne jetzt den leitenden Gedanken des Hofes . Ich war gut für das Zeitalter der Polizei . Zwei Jahre galt es unterdrücken , hemmen , ablehnen . Jetzt träte die Zeit der Organisationen ein ! Es ist die Contrerevolution der Adligen und der Pietisten , denen selbst Voland zu allgemein und zu phrasenhaft geworden ist . Wenn die jetzt erledigten Ministerien des Kultus und des Auswärtigen in die Hände jener Männer kommen sollen , aus deren Liste ich nicht Einen wählen würde , während der Hof nicht Einen aus der meinen mochte , so hab ' ich meinen Weg vollendet und danke dem Himmel , daß Reichmeyer ' s Vorschlag einer Parzellirung meiner Güter und deren successiver Verkauf mir möglich macht , diese Bahn zu verlassen und Rudhard ' s Vorschlag , meiner Gesundheit wegen mich im südlichen Rußland , gradezu in der Krimm oder sonst wo niederzulassen , auszuführen ... Diese unmuthsvoll ausgesprochenen Phantasieen wurden von drei Briefen unterbrochen , von denen einer in röthlicher Enveloppe