sein Rath begehrt ... Freilich hielten ihn die Meisten für einen Hexenmeister ... Wie Paolo Vigo veranlaßt wurde , ihn zu besuchen , wurde erzählt ... Aus seinen wiederholten Wanderungen in die Wildniß und den ihr folgenden Erörterungen entstanden in Paolo Vigo Zweifel , ernste , kummervolle Betrachtungen ; er verrieth die Resultate derselben in seinem Wirkungskreise und erlitt die Strafe einer , wie wir gesehen , nicht endenden Suspension und Einsperrung in San-Firmiano ... Der Einsiedler , erschreckt von solchen Vorkommnissen , bat fort und fort seine Freunde , ihn der todesähnlichen Stille in seinem Waldthale zu überlassen ... Hubertus besorgte dann und wann einen Brief , den der deutsche Sonderling nach Rom schrieb und von dorther beantwortet erhielt ... Das war des Eremiten einziger Verkehr mit der Welt ... Er lebte vom Honig seiner Bienen , von Früchten , die er selbst zog , von Vorräthen , die seine Freunde ihm brachten ... Zuletzt war es Sitte geworden , daß alle die , welche auf dreißig Miglien in der Runde gleichsam unter des alten Ambrogio Negrino Controle standen , ihn wenigstens einmal im Jahre besuchten , am 20. August , den er nach langem Sträuben endlich als Erinnerungstag an die alte Schreckenszeit festgesetzt hatte ... Ich habe es immer gefürchtet , sprach Hubertus , die athemlose Eile des Wanderns unterbrechend , und ließ sich wiederholt erzählen , was der weltkundige , weitgereiste Hirt , ein Greis mit langen weißen Locken , sonnenverbranntem braunem Antlitz , von den Reden der Offiziere gehört hatte ... Um vier Uhr , wiederholte Ambrogio Negrino in einer gewählteren Sprache , als dem hier üblichen Patois , rücken die Truppen von San-Giovanni aus , vertheilen sich in den Bergen und wollen von verschiedenen Seiten dem Thal der Bluteichen so beizukommen suchen , daß sie die ketzerische , dem Teufel opfernde Versammlung mitten in ihren Greueln aufheben können ... Die Möglichkeit einer so irrthümlichen Auffassung ihrer Versammlungen war ihnen nach dem Geist ihrer Umgebungen vollkommen erklärlich ... Sie verweilten nicht bei dem Ausdruck ihres Schmerzes über ein so großes Misverständniß ; sie überlegten nur ... Die Versammlung mußte verhindert und Frâ Federigo , wenn sein Entkommen unmöglich war , in einer Felsenspalte verborgen werden , welche Ambrogio Negrino schon lange für diesen Fall aufgefunden und jedem Uneingeweihten unzugänglich gemacht hatte ... So sehr auch die Männer eilten , sie konnten nicht hoffen , vor Anbruch des Morgens an Ort und Stelle zu sein ... Auf dem kürzeren Pfade , den sie einschlugen , um an die Abhänge der oft schneebedeckten Serra del Imperatore zu kommen , begegneten sie Niemanden ... So durften sie annehmen , daß die geheimverbundenen Getreuen sich längst schon auf den Weg gemacht , ja an der Hütte ihres Meisters schon die Nacht verbracht hatten ... Die Wanderer kannten sich in ihrer Theilnahme für den einsamen Bewohner des Waldes und hatten nicht nöthig , diese noch durch viel Worte kundzugeben ... Sie tauschten nur ihr Urtheil über die kürzeren Wege aus , wenn die Wildniß überhaupt noch etwas bot , was einen Weg sich nennen ließ ... Nur kleine ausgetrocknete Strombetten waren noch die besten dieser Wege ; diese gingen verborgen unter Gestrüpp und Büschen hin ... Die Nachtluft wurde frischer ... Nebel stiegen auf , die den leichtbekleideten Wanderern ein frostiges Schauern verursachten ... Der Hirt bot Paolo Vigo seinen langhaarigen Mantel , den dieser nicht abschlug ... Zum Glück trug der Pfarrer Schuhe , nicht , wie Hubertus , Sandalen ... Hubertus hatte , als wäre ihm seine ganze Kraft ungeschwächt zurückgekehrt , sein dolchartiges Messer gezogen ... An manchem Gebüsch von Steineichen , wo durch die stachlichten Blätter schwer hindurchkommen war , schnitt er die Zweige nieder und machte die Wildniß wegsam ... Dann kamen zuweilen Buchenhaine , die wie zum nächtlichen Reigen der Elfen bestimmt schienen ; so licht und traulich glänzten sie im abnehmenden Mondlicht und unter den allmählich erblassenden Sternen ... Eine Sorge der Verbundenen konnte sein , ob nicht auch den Lauf des Neto herauf von Strongoli oder aus Umbriatico über den Aspropotamo und Gigante her schon Corps Bewaffneter herüberkamen und das Thal der Bluteichen bereits früher eingeschlossen hatten , als es von ihnen erreicht wurde ... Schon war es vier Uhr ... Schon sah man die zunehmende Helle ... Immer matter wurde die Scheibe des Mondes , immer röthlicher erglänzten am blauenden Himmel die Sterne ... Schon zeigte sich auf Serra del Imperatore , einem Berg , der an manchen Stellen gen Ost offen und riesig groß vor ihnen lag , die dunkelrothe Glut der aufgehenden Sonne ... Die Spitze des Aspropotamo war die erste , die vom Sonnenlicht hell aufleuchtete ... Aengstlich spähten sie rundum , ob nicht irgendwo am Rand des von andern Seiten zugänglichen , in grünen und grauen Nebeln schwimmenden Thales eine Waffe blitzte ... Wie sie fast erwartet hatten , so geschah es auch ... Als sie mit hellem Tagesanbruch endlich in der Ferne die Bluteichen sahen , entdeckten sie ein reges Gewimmel von Menschen unter den mächtigen Baumkronen ... Bald erscholl auch aus der Tiefe , zu der sie niederstiegen , ein vielstimmiger Gesang ... Er erklang gegen die dumpfe Litanei in San-Firmiano wie ein jubelndes Schwirren der Lerche in blauer Luft verglichen mit dem trüben Ruf der Unke ... Reine helle Frauen- und Kinderstimmen schwangen sich wie geflügelte Tongeister über die Laubdächer ... Sie sangen die auch ihnen wohlbekannten einfachen Hymnen , die aus alten Zeiten stammend das Lob des Höchsten priesen und die heilsame Veranstaltung der Erlösung und die Hoffnung aller Christen ... Dazwischen läutete ein Glöcklein , von welchem sie wußten , daß es denen , die vielleicht noch entfernt waren , den Weg zur Hütte andeuten sollte ... Alles das geschah wie im tiefsten Frieden ... Wol hätten die Wanderer sich sagen mögen : Wer wollte diese stille Andacht stören ! Wer könnte hier etwas finden wollen , was vor Gott oder Menschen ein Verbrechen wäre ! ... Dennoch mußten sie eilen , die