Ein Stein wich unter Hackert ' s Hand vom andern , immer größer , immer weiter , immer heller wurde der Raum . Bald war er so groß , daß ein Körper hindurch konnte , bald so groß , daß der Schrein sich konnte einfugen lassen , bald so , daß Dankmar schon die Johanniskirche sah und das Scharren von Pferden auf dem nächtlich stillen , einsamen Straßenpflaster hörte ... Jetzt hieß es , Dankmar sollte zuerst durch diese im Stillen längst gebrochene Öffnung und an dem Seile , das um den Pfeiler geschlungen war , hinuntergleiten . Ich zuerst ? sagte Dankmar zögernd und auf ' s Neue voll Mistrauen ... Keine Komplimente ! Rasch ! Rasch ! Die Wachen , seh ' ich , sind gar nicht schläfrig - Hackert ! sprach Dankmar mit letzter zusammengenommener Kraft . Wenn das Alles ein Bubenstück wäre - Aber Hackert drängte ihn an die Mauerlücke mit der Antwort : Zum Teufel ! Sie sehen ja , es ist bloße Höflichkeit . Ich bleibe zuletzt , sagte Dankmar entschlossen , ich steige nicht , ich bleibe bei meinem Schrein ... Eine Fluth der scheußlichsten Verwünschungen kam nun aus dem Munde des von Schweiß triefenden Paul Zeck , der am liebsten dem ewigen Zweifler an die Gurgel gesprungen wäre und ihm die Halsbinde zugeschnürt hätte . Der Dritte , der mit seinem Schrein auf dem Kopfe ruhig wie eine Karyatide des Alterthums stand , diesen freischwebend und doch so festgeklammert hielt , wie Etwas , das er nur mit seinem Leben lassen würde , flüsterte in einer eigenthümlichen weichen Lispelsprache : Steigen Sie ! Steigen Sie ! Die Runde kommt ... Ich gehe nicht ... erwiderte Dankmar . Wir kommen aber doch vom Tempelstein ! sprach der Fremde jetzt mit kräftigerer Betonung und gleichsam ihren Beistand beglaubigend . Dankmar erstaunte über dies Wort . Der Tempelstein war das Erkennungswort des Bundes für die Zeit bis zu den nächsten Solstitien ... Vom Tempelstein ? fragte er betroffen und nun glaubte er den Träger seines Schreines zu erkennen ... Sie sind ... Danebrand ! flüsterte Hackert . Hören Sie denn drüben nicht die Pferde aus dem Pelikan ? Sie wittern Ihre Nähe ! Peters kann sie nicht beruhigen ... es geht direkt nach Angerode zu . Hoffentlich ist Bello im Stall geblieben . Und nun war Dankmar schon in der Lücke , schon preßte er sich auf die von Hackert nächtlich zum Zweck der Flucht mühevoll gelockerten Steine , schon glitt er das glattgestrichene Seil hinab ... Aber die Ahnung Danebrand ' s , daß die Runde käme , war keine Täuschung ... Dankmar , unten auf dem Straßenpflaster angelangt , hörte Geräusch . Hackert ' s Kopf sah er schon durch die Bresche . Er folgte in der That . Er war nicht von ihm betrogen , aber die Eile , mit der Hackert katzengleich herunterschoß , erschreckte ihn . Hackert war unten . Die Runde ! flüsterte er drängend . Fliehen Sie ! Fort ! Fort ! Dankmar blieb aber . Er sah eben den Schrein durch die Lücke gedrängt , sah eine Hand um die Pranken des Holzes geklammert , sah das Seil schwanken hin und her von der gewaltigen Last ... Da donnerte oben ein vielstimmiges Wer da ? Hackert stößt Dankmarn fast gewaltsam fort und zeigt auf die Johanniskirche und ihre majestätischen Schatten ... Der Schrein ist heraus aus der Lücke , Danebrand ' s Kopf wird sichtbar , die linke Hand hält den Schrein schwebend in der Luft , während die rechte halb sich stemmend in der Mauerlücke , halb das Seil ergreift ... Da kracht ein Schuß ... Der Schrein stürzt hinunter , Hackert ruft : Fort ! und man müßte die panische Gewalt des Schreckens und den Einfluß der Situationen auf die Seele selbst des Muthigsten verkennen , wenn man nicht natürlich finden wollte , daß Dankmar im Augenblick des Schusses hinübereilte zu dem Wagen . Auf halbem Wege hielt er jedoch schon inne . Er sah , daß Hackert den Schrein , den man hätte in tausend Stücke zerkracht glauben sollen , wie mit übermenschlicher Gewalt auf seine sonst so schwachen Schultern lud . Nun floh er an den Wagen , fand diesen , fand ihn schon geöffnet , es war Peters , der ihn bebend grüßte und während er kaum den Schlag mit der Hand gefaßt hatte , schon die Pferde anpeitschte ... Hackert taumelte herüber , ihm nach ... Aber Danebrand ! Danebrand ! ... hätte Dankmar rufen mögen ... Da erschallt ein Trommelwirbel in dem Profoßhause , Fenster werden erleuchtet , Stimmen hörbar , die Pferde ziehen an ... Hackert ! Hackert ! ruft Dankmar von dem nur halb betretenen Tritt herab . Er sieht ihn plötzlich nicht mehr , er hört ihn plötzlich nicht mehr ... Hackert ! Hackert ! ... Der Trommelwirbel wird stärker . Die Thüren des Profoßhauses öffnen sich schon . Halt ! Halt ! hört man rufen . Da läßt Peters die Zügel schießen und hohl und dumpf widerhallend in der nächtlichen Stille braust der Wagen davon , geschützt von den riesigen Schatten der gewaltigen Gebäude , die in diesem altergrauen Viertel fast gespenstisch nebeneinander stehen . Eilftes Capitel Die Richtung Trompetta-Flottwitz Ermuthigt vom Glück wagt man die größere Gefahr . Fröhlich , heiterbewegt schritt ein Gast von der Tempelheider Anhöhe nieder , sah noch oft rückwärts , grüßte noch oft die Frauen , die ihm mit Tüchern nachwinkten . Die Zeit der Sorgen war noch nicht vorüber . Sie sollten erst noch recht in ihrer bedrängenden Schwere kommen ; aber eine war doch abgeschüttelt : Dankmar Wildungen war in fremden Landen geborgen vor der Qual dieses Kerkerlebens , das selbst dem Muthigsten vor der Zeit den Glanz des Haares bleibt , vorzeitige Furchen in die kühnsten Stirnen gräbt ! Rodewald hatte seit dem Tage , wo ihn Fürst Egon in Hohenberg abwies , ein nach Außen vielbewegtes , in sich stilles Leben geführt . Das , was