das wirkte , « sagte Gretchen mit einem solchen Ausdruck des Ingrimms , daß Hubert betroffen einen Schritt zurücktrat , aber gleich darauf trat er zwei näher . » Es beglückt mich sehr , daß Sie ein solches Interesse an dem Ergehen meines Onkels nehmen . Auch er interessiert sich bereits für Sie . Ich habe ihm oft von dem Hause und der Familie geschrieben , wo ich eine so liebenswürdige Aufnahme gefunden habe , und er würde mit Freuden hören , daß ich dieser Familie – « Da war er schon wieder so weit . Das junge Mädchen sprang in voller Verzweiflung auf , lief an das gerade offen stehende Klavier und begann zu spielen . Aber sie unterschätzte die Beharrlichkeit des Bewerbers , denn schon in der nächsten Minute stand er neben ihr und hörte zu . » Ah , der Sehnsuchtswalzer ! Mein Lieblingsstück ! Freilich , die Musik vermag es am besten , die Gefühle des Herzens auszudrücken – nicht wahr , Fräulein Margarete ? « Fräulein Margarete fand , daß sich heute alles gegen sie verschworen habe . Es war zufällig das einzige Stück , das sie auswendig wußte , und sie wagte nicht aufzustehen und Noten zu holen , denn die Miene des Assessors verriet , daß er nur auf eine Pause im Spiel wartete , um den Gefühlen seines Herzens Worte zu geben . So ließ sie denn den Sehnsuchtswalzer mit vollster Kraft und im Tempo eines Sturmmarsches über die Tasten hinrasen . Es klang fürchterlich , und es sprang eine Saite dabei , aber der Lärm wurde glücklicherweise so arg , daß er jede etwaige Liebeserklärung übertönen mußte . » Sollte das Fortissimo wohl hier am Platze sein ? « wagte Hubert zu bemerken . » Ich meinte immer , das Stück müsse im schmelzenden Piano gespielt werden . « » Ich spiele es im Fortissimo , « erklärte Gretchen und schlug auf die Tasten , daß die zweite Saite sprang . Der Assessor war etwas nervös ; er fuhr zusammen . » Sie werden das schöne Instrument verderben , « sagte er , sich mit Mühe verständlich machend . » Wozu gibt es Klavierstimmer in der Welt ? « rief Gretchen . Als sie merkte , daß der musikalische Lärm dem Assessor unangenehm wurde , steigerte sie ihn zu einer ganz unglaublichen Höhe und opferte kaltblütig die dritte Saite . Das half endlich . Hubert sah ein , daß man ihn heute nicht zu Worte kommen lassen wollte , und trat den Rückzug an , ärgerlich , aber mit unerschüttertem Vertrauen . Die junge Dame hatte ihn ja damals beim Schnupfenfieber mit so rührender Aufmerksamkeit gepflegt , und heute hatte sie ihn einen bedeutenden Menschen genannt und ihm Mangel an Selbstvertrauen vorgeworfen . Freilich , ihr Eigensinn blieb unberechenbar , aber sie liebte ihn dennoch . Als er fort war , stand Gretchen auf und schloß das Klavier . » Drei Saiten sind gesprungen , « sagte sie wehmütig und doch mit einer gewissen Befriedigung , » Aber ich habe ihn richtig wieder nicht zur Erklärung kommen lassen . Und das übrige kann Papa besorgen . « Damit setzte sie sich wieder an den Nähtisch , holte das Buch hervor und vertiefte sich aufs neue in die Geschichte des Germanentums . – Es war einige Stunden später , als Waldemar Nordeck von L. zurückkehrte , wohin er heute morgen geritten war . Er kam jetzt öfter dorthin ; der Verkehr zwischen dem Schlosse und der Stadt war überhaupt lebhafter geworden . Der Umstand , daß Wilicza gerade die Grenzwaldungen einschloß und daß man der dortigen Bevölkerung am wenigsten traute , machte manche Besprechungen und Verständigungen hinsichtlich der zu nehmenden Maßregeln notwendig , und der Präsident wußte zu gut , welche feste energische Stütze er in dem jungen Gutsherrn hatte , um ihn nicht stets mit der größten Zuvorkommenheit aufzunehmen . Auch heute war Waldemar bei ihm gewesen und dort mit einigen der höheren Beamten und Offiziere aus L. zusammengetroffen , und die sämtlichen Herren fanden aufs neue ihre schon früher gehegte Meinung bestätigt , daß der junge Nordeck im Grunde doch eine durchaus kalte unempfindliche Natur sei . Jeden andern würde das gezwungen feindselige Verhältnis der eigenen Mutter und dem eigenen Bruder gegenüber doch wenigstens gedrückt und gequält haben , ihn schien es gar nicht zu berühren . Er war wie immer ernst , zurückhaltend , aber entschlossen und bereit , die einmal gewählte Stellung bis aufs Aeußerste zu behaupten . Waldemar hatte freilich allen Grund , den Fremden diese ruhige Stirn zu zeigen ; er wußte , daß sein Verhältnis zu seiner Mutter das Tagesgespräch in L. bildete und daß die abenteuerlichsten Gerüchte darüber die Runde machten – da galt es ihnen wenigstens nicht neue Nahrung zu geben . Jetzt , wo er sich allein und unbeachtet wußte , stand ein Zug verbissenen Schmerzes in seinem Gesicht , der nicht weichen wollte , und die Stirn war so finster umwölkt , wie sie vorhin klar gewesen . Er ritt im Schritte vorwärts , ohne auf die Umgebung zu achten , und hielt bei einer Kreuzung des Weges fast mechanisch sein Pferd an , um einen Schlitten vorbei zu lassen , der in vollem Galopp herankam und dicht an ihm vorüberfuhr . Normann bäumte sich plötzlich in die Höhe . Der Reiter hatte den Zügel mit so wilder Heftigkeit an sich gerissen , daß das Tier erschrak und einen jähen Sprung seitwärts machte . Dabei geriet es aber mit den Hinterfüßen in einen nur lose vom Schnee verdeckten Graben , der längs des Fahrweges hinlief ; es strauchelte und wäre fast mit seinem Herrn zu Fall gekommen . Waldemar brachte es schnell genug wieder aus dem Graben und auf die Höhe des Weges , aber der leichte Unfall schien ihn , den kühnen unerschrockenen Reiter , gänzlich aus der Fassung gebracht zu haben . Sie fehlte ihm noch vollständig , als er sich dem Schlitten näherte , welcher auf einen Zuruf