sich herzutreiben . Einmal zersprengt , vermochte diese sich nicht wieder zu sammeln , da die sämmtlichen Hauptpunkte besetzt waren . Nach einigen Stunden war die Ruhe wieder hergestellt und zwar – dank der Vorsicht und Mäßigung des Commandirenden – ohne eigentliches Blutvergießen . Es hatte zwar im Getümmel selbst Verwundungen und Verletzungen genug gegeben , aber es war doch nicht zum wirklichen Kampfe gekommen , und jedenfalls hatte das Einschreiten des Militärs seine Wirkung gethan . Die unruhigen Elemente der Stadt waren vollständig eingeschüchtert ; die Excesse wiederholten sich nicht , und während der folgenden Tage wurde die Ruhe nirgends gestört . Man schien der Gewalt zu weichen ; der Gouverneur hatte wieder einmal die Oberhand behalten . – Es war am Morgen nach jener Unterredung mit Rudolph Brunnow , als der Freiherr in das Zimmer seiner Schwägerin trat . Bei der Baronin hatte jene Erkältung doch ernstere Folgen gehabt ; sie war krank , oder behauptete wenigstens , es zu sein , und hatte seit ihrer Rückkehr nach der Stadt kaum das Bett verlassen . Der Freiherr sandte jeden Morgen herüber , um sich nach ihrem Befinden erkundigen zu lassen ; er selbst hatte weder sie noch Gabriele seit den letzten Tagen gesehen , da das junge Mädchen die Krankheit der Mutter zum Vorwande nahm , um nicht bei Tische zu erscheinen . So war denn eine Begegnung zwischen ihnen seit jener stürmischer Unterredung noch vermieden worden . Die Baronin lag mit sehr leidender Miene auf dem Sopha , als ihr Schwager eintrat . Er schien Gabriele , die sich gleichfalls im Zimmer befand , nicht zu bemerken , sondern trat sofort zu ihrer Mutter und fragte in jenem gleichgültigen Tone , mit dem man einer bloßen Form genügt , wie sie sich befinde . „ O , ich habe schlimme Tage verlebt , “ seufzte die Baronin . „ Ich befinde mich sehr schlecht , und die Angst und Aufregung an jenem entsetzlichen Abende , wo man das Schloß stürmen wollte , hat mich vollends krank gemacht . “ „ Ich ließ Ihnen ja eigens melden , daß alle Maßregeln zur Sicherheit des Schlosses getroffen seien , “ sagte Raven ungeduldig . „ Sie wären überhaupt niemals in Gefahr gekommen ; die ganze stürmische Demonstration galt mir allein . “ „ Aber der Lärm , das Anrücken des Militärs , das Schießen in der Stadt ! “ klagte die Dame , „ das alles regte meine Nerven furchtbar auf . Hätte ich doch dem Wunsche des Oberst Wilten nachgegeben und wäre noch einige Tage auf seinem Landsitze geblieben ! Freilich , wie die Dinge jetzt stehen , konnte ich nicht daran denken . Gabriele martert mich förmlich mit ihrem Trotz und Eigensinn . Sie erklärt auf das Bestimmteste , daß sie niemals dem jungen Baron Wilten ihre Hand reichen werde , und droht mir , ihm ein unverhülltes Nein zu geben , wenn ich es bis zu einem Antrage kommen lasse . “ Raven ’ s Blick streifte das junge Mädchen , das stumm und bleich , den Kopf in die Hand gestützt , in einiger Entfernung saß , er richtete aber auch jetzt nicht das Wort an sie . „ Ich bin in der grenzenlosesten Verlegenheit , “ fuhr die Baronin fort . „ Ich habe dem Oberst ganz bestimmte Zusicherungen gegeben , die unmöglich zurückgenommen werden können . Er und sein Sohn werden außer sich sein . Gabriele behauptet , bereits mit Ihnen darüber gesprochen zu haben , Arno . Sind Sie denn wirklich mit diesem Nein einverstanden ? “ „ Ich ? “ fragte der Freiherr kalt . „ Ich habe mich jedes Einflusses auf Ihre Tochter begeben . “ „ Mein Gott , was ist denn vorgefallen ? “ fragte die Baronin , sich erschrocken aufrichtend . „ Hat Gabriele auch Ihnen gegenüber ihren Starrsinn gezeigt ? Ich will doch nicht hoffen – “ „ Lassen wir das ! “ schnitt ihr der Freiherr das Wort ab . „ Die Angelegenheit mit Wilten muß ich allerdings erledigen , schon wegen meiner eigenen Stellung zu dem Oberst . Er würde es mir nie verzeihen , wenn ich seinen Sohn der Kränkung aussetzte , ein Nein zu erhalten , wo er mit Sicherheit auf ein Ja rechnet . Uebrigens ist das Ihre Schuld allein , Mathilde . Sie [ 424 ] werden sich erinnern , daß ich Ihren Plänen von Anfang an fern geblieben bin . Sie hätten sich der Fügsamkeit Ihrer Tochter versichern sollen , ehe Sie bestimmte Versprechungen gaben . Jedenfalls muß die Sache jetzt zur Sprache gebracht werden . Ich fahre von hier aus zu Wilten und werde bei unserer heutigen Conferenz Gelegenheit nehmen , ihm Gabrielens Weigerung mitzutheilen . – Jetzt aber zu dem eigentlichen Zwecke meines Kommens ! Sie sind leidend ? “ „ Ja wohl , sehr leidend ! “ flüsterte die Baronin , indem sie mit dem Ausdrucke der größten Mattigkeit wieder in die Kissen zurücksank . „ So möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen . Der Arzt spricht von nervösen Zuständen und empfiehlt nur Luftveränderung , um so mehr , als der Herbst bei uns sehr rauh und unfreundlich zu sein pflegt . Ueberdies ist bei den jetzigen Zuständen in der Stadt an irgend ein Gesellschaftsleben für die nächste Zeit nicht zu denken . Ich rathe Ihnen daher , die Einladung Ihrer Freundin der Gräfin Selteneck , abzunehmen , von der Sie mir neulich sprachen , und auf einige Wochen mit Ihrer Tochter nach der Residenz zu gehen . “ Gabriele , die das Gespräch verfolgte , ohne sich daran zu betheiligen , bebte bei den letzten Worten zusammen , und ein unwillkürlicher Ausruf entfuhr ihren Lippen : „ Nach der Residenz ? “ „ Ja , “ sagte Raven , sich zum ersten Male zu ihr wendend , mit herber Ironie . „ In Deinen Wünschen liegt das doch gewiß . “ Das junge Mädchen schwieg , aber die matten Züge der Baronin belebten sich plötzlich