Eisengitters , auf der Promenade , drängte sich ein reger Verkehr . Wagen rollten ab und zu , und Scharen von Spaziergängern strömten aus den benachbarten engen und heißen Straßen , um sich in der beginnenden Abendkühle der Kastanienallee zu erquicken . Wie töricht war es doch , sich zu ängstigen ! Wäre irgend ein Unfall vorgekommen , es hätte längst Nachricht da sein müssen – die kleine Frau hatte sich offenbar in der Konditorei beim Naschen und Eisessen verspätet ... Aber es wurde allmählich dunkler ; keiner der Mietwagen , die nur noch sehr vereinzelt von der Stadt herkamen , hielt am Gittertor , und das schwach herüberschallende Fußgeräusch auf den Gehwegen der Promenade war längst erloschen . Der Teetisch stand noch unberührt inmitten des Salons . Paula hatte ihr Abendbrot eingenommen und war zu Bett gebracht worden ; Donna Mercedes aber durchmaß schweigend und ruhelos den Salon . Dann und wann hemmte sie in gespanntem Aufhorchen ihre Schritte , oder sie trat zu dem kleinen Kranken , der sich im unruhigen Schlummer hin und her warf ... Inzwischen war auch Jack wieder heimgekommen . Ei hatte Lucile in den letzten Tagen einigemal in die Stadt begleiten müssen , und nun war er auf Befehl seiner Herrin durch die Hauptstraßen gewandert ; er hatte die gashellen Verkaufslokale durchforscht , in welchen die kleine Frau zu kaufen pflegte , und war in allen Konditoreien gewesen , aber niemand wollte die schöne amerikanische Dame aus dem Schillingshofe gesehen haben . So war Viertelstunde um Viertelstunde in sinnvoller Langsamkeit vorübergeschlichen ; nun aber schlug es zehn Uhr auf dem nahen Benediktinerturm – diese hallenden Schläge fielen wie mit niederschmetternder Wucht auf das Herz der angstvoll Wartenden – sie ergriff die Lampe und ging in Luciles Räume . Es war ihr , als müsse sie das kleine , launenhafte Wesen , das ihr ebenso anvertraut worden war , wie die beiden Waisen , in der Sofaecke zusammengeschmiegt finden ; allein die tiefe Finsternis , die ihr beim Offnen der Tür entgegengähnte , belehrte sie eines anderen . Im Wohnzimmer sah es unordentlich aus , wie es stets bei Lucile auszusehen pflegte . Man sah , die kleine Frau hatte hier , vor dem großen Pfeilerspiegel , Toilette gemacht . Auf dem Boden lagen noch die winzigen Pantöffelchen , wie sie im Übermut von den Füßen geschleudert worden waren ; nicht weit davon breitete sich der weiße Frisiermantel über das Parkett , verschiedene Schleier , Bandschleifen und neue Handschuhe lagen durcheinander gezerrt und sichtlich die Spuren der Anprobe tragend , auf Tischen und Stühlen , und beim Umherleuchten trat Donna Mercedes auf die Puderquaste , die nach ihrem verschönernden Dienst den Pantoffeln und dem Frisiermantel gefolgt war . Und jetzt schrak die Suchende zusammen , als weiche der Boden plötzlich unter ihren Füßen ; mit bebender Hand stellte sie die Lampe auf den Sofatisch , ihre Knie wankten , sie sank in den nächsten Lehnstuhl und starrte auf das weiße Kuvert , das , an sie selbst adressiert , mit offenbarer Absicht auf die kirschrote Tischdecke hingelegt worden war ... Nun wußte sie , was geschehen war ... War sie denn blind gewesen heute nachmittag ? – Lucile war heimlich abgereist ! Sie zog das Briefblatt aus dem Kuvert , das nicht einmal verschlossen war . » José ist wieder gesund « – schrieb die kleine Frau in ihrer nachlässigen Art und Weise – » und nun trete ich meinen Urlaub an – das heißt , meinen mir selbst genommenen Urlaub – denn von Dir erhielte ich doch bis in alle Ewigkeit keinen ! ... Gott sei Dank , daß mein Junge endlich Ernst machte mit dem Gesundwerden – noch einen Tag länger , und ich wäre verrückt geworden ! ... Hast Du denn wirklich gemeint , ich könnte es so und so viele Wochen auf deutschem Boden aushalten , ohne den Ort wiederzusehen , wo man mich einst als neu aufgehenden Stern bewundert und bis in den Himmel gehoben hat , wo man mich auch heute wieder mit Jubel , mit offenen Armen empfangen wird ? – Verzeihe , aber bei all ihrem gepriesenen scharfen Geist kann Dame Mercedes doch auch recht naiv und harmlos sein . – Endlich , endlich ! Jeder Tag , den ich in dem tödlich langweiligen Nest , dem Schillingshof , verleben mußte , war ein unersetzlicher Verlust für mich , ein Raub an meiner goldenen Jugendzeit , von der ich leider schon allzuviel geopfert – ich habe oft im stillen in den Zaum geknirscht wie ein wildes Füllen ... Ich gehe also nach Berlin – auf mehrere Tage . Paula nehme ich mit ; das Kind soll auch einmal in die Wunderwelt blicken , aus der ihr Mütterchen stammt , und in der man wirklich lebt und genießt – alles , was außerhalb des Bühnenlebens liegt , ist fade und nüchtern , ein abgeblaßtes Einerlei – « Donna Mercedes warf den Brief hin , ohne die letzten Zeilen zu lesen . Aber bei allem Schrecken , bei aller Entrüstung , die ihr die Tränen in die Augen trieb , war ihr Herz doch voll Frohlocken – die Entführung des Kindes war nicht geglückt , Paula war ihr geblieben ... Nun begriff sie Luciles Zorn über » die kleine Schlafmütze « und das ganze rätselhafte Gebaren der kleinen Frau ... Welch ein bodenlos leichtsinniger , heimtückischer Streich ! Welch häßlicher Egoismus ! ... Noch trug die junge Witwe Trauer um den Gatten , noch lag ihr kaum dem Tod entrissenes Kind schwach und erschöpft im Bette – sie hatte bei Josés Erkranken gezeigt , daß sie ein warmes Muttergefühl für den Knaben hege , sie hatte ihren Mann geliebt und ihm in den letzten Lebensstunden heilig versprochen , daß sie sich nicht von Mercedes und den beiden Waisen trennen wolle – und doch warf sie das alles als Fessel ab , von der wahnsinnigen Sucht , zu glänzen , zu genießen , fortgerissen , wie der Vogel dem