und gegen seine Ueberzeugung der Treulosigkeit beschuldigt , um – die Trennung zu beschleunigen ... Ach Gott , wozu denn dieses schmerzliche Grübeln ! – Liebe war es ja noch lange nicht , was sie empfand , ganz gewiß nicht – davor bewahrte sie denn doch – ihr Trachenbergischer Familienstolz – sie konnte sich nur des seltsam warmen Wunsches , seine Freundschaft zu besitzen , augenblicklich nicht erwehren ; aber , war sie nur erst wieder daheim , da lernte sie rasch überwinden ... Sie schloß den Schmuckkoffer auf und verglich noch einmal seinen Inhalt mit dem Verzeichnisse ; ebenso überzählte sie die Geldrollen im Schreibtische – sie hatte nie eine derselben berührt . Sodann versiegelte sie die beiden Schlüssel in einem Kouvert , das sie an Mainau adressierte und auf dem Schreibtische liegen ließ . Die Gegenstände , die sie nicht von fremden Händen betastet wissen mochte , packte sie in einen kleinen Koffer ; alles andere überließ sie zur Nachsendung der Kammerjungfer . Während dieser Vorbereitungen waren nahezu zwei Stunden verstrichen . Sie hob das Rouleau im blauen Boudoir : es war sehr dunkel draußen geworden ; der Schein der hinter ihr stehenden Lampe streckte sich über den Kiesplatz hin und zeigte große , trübe Wasserlachen in jener tummelnden Bewegung , wie sie leicht niederplätschernde Tropfen erregen – der Regen hatte nachgelassen , aber der Sturm kam eben wieder um die Ecke , so wild und johlend , als habe er sich in all den Höfen und Höfchen und offenen Säulengängen des ungeheuren Schlosses verirrt und brause nun , neu ausatmend und befreit , über die weiten Gärten hin . Jetzt war es Zeit zu gehen . Liane vertauschte ihr helles Kleid mit einer dunklen Robe , warf einen schwarzen Samtmantel um und zog die Kapuze über den Kopf . Schmerzlich aufweinend trat sie in Leos Schlafzimmer und legte die Wange auf das Kissen , neben welchem sie bisher jeden Abend wachend und behütend gesessen , bis dem tief und behaglich hingeschmiegten wilden Lieblinge die glänzenden Augen im süßen Schlummer zugefallen waren . Er saß jetzt oben beim Großpapa und ahnte nicht , daß ihre Thränen auf sein Schlummerkissen fielen , daß sie , an der sein ganzes unbändiges Knabenherz vergötternd hing , in stürmischer Nacht das Schloß verlasse , um nie zurückzukehren . Geräuschlos schob die Frau den Riegel an der Thür des blauen Boudoirs weg und trat hinaus , aber bestürzt und geblendet wich sie zurück – sie hatte gemeint in das tiefdunkle Vorzimmer zu treten , und da brannte nun die große Hängelampe am Plafond , und durch die weit zurückgeschlagenen Flügel der Hauptthür quoll das grelle Gaslicht des Säulenganges herein ... Sie setzte den Fuß nicht weiter – in atemlosen Schrecken stand sie da – von Licht überschüttet , hob sich ihr zartes bleiches Gesicht in feenhafter Lieblichkeit aus den schwarzen Samthüllen – aber der harte , fremde Zug , der sich vorhin um ihre Lippen geschlichen hatte , trat verschärft hervor , während die stahlfarbenen Augen , halb verwirrt , halb trotzig zurückweisend , seitwärts die Fensternische streiften , in welcher Mainau mit verschränkten Armen stand . » Du hast mich lange warten lassen , Juliane , « sagte er ruhig , fast eintönig , als handle es sich um eine verabredete gemeinschaftliche Fahrt ins Konzert oder Theater . Dabei schritt er rasch nach der offenen Thür und schlug beide Flügel zu – es war klar , er hatte sie so weit geöffnet , um den Säulengang übersehen und so das Entweichen der jungen Frau auch vom Ankleidezimmer aus verhindern zu können . » Du willst noch eine Promenade machen ? « – Er sagte das , vor sie hintretend , mit dem an ihm gefürchteten Sarkasmus , in seinem Blicke aber glomm ein unheimlicher Funke . » Wie du siehst , « versetzte sie kalt – sie bog seitwärts aus , um unbeirrt nach der Thür zu schreiten . » Ein wunderlicher Einfall bei dem Wetter – hörst du , wie der Sturm heult ? Er läßt dich nicht bis an das erste Rasenrundell des Gartens kommen ; darauf verlasse dich ! Die Wege schwimmen – ich warne dich , Juliane ! ... Diese kleine Kaprice wird dir Schnupfen und Rheumatismus einbringen . « » Wozu diese Komödie ? « sagte sie stehenbleibend vollkommen gelassen . » Du weißt sehr gut , daß es sich nicht um › eine kleine Laune ‹ handelt – ich habe dir oben gesagt , daß ich gehe , und du siehst mich auf dem Wege . « » Wirklich ? Du willst so , wie du da bist , im Samtmantel und den Regenschirm in der Hand , bis – nach Rudisdorf promenieren ? « Sie lächelte schwach . » Nur bis zur Residenz – der Zug geht um zehn Uhr ab . « » Ach so ! Köstlich ! Schönwerth hat die Ställe voll Pferde und in der Remise steht eine lange Reihe bequemer und hübscher Wagen . Aber die Frau Baronin zieht es vor , per pedes das Haus zu verlassen , weil – « » In dem Momente , wo ich droben den Saal verließ mit dem Entschlusse , heute noch zu gehen , hörte ich auf , ein Familienmitglied des Hauses zu sein , und entäußerte mich selbst des Rechtes , hier noch etwas zu verfügen – « » Weil es « – fuhr er unbeirrt und den Einwurf kalt belächelnd mit erhobener Stimme fort – » doch gar so herzerschütternd und todestraurig klingen würde , wenn man sich morgen früh in der Residenz erzählte : › Die arme , junge Frau von Mainau ! Man hat sie in Schönwerth dergestalt mißhandelt , daß sie in die Nacht hinaus geflohen ist ; vom rasenden Sturme gegen die Stämme des Waldes geschleudert , ist sie bewußtlos am Wege des Waldes liegen geblieben , das bleiche Duldergesicht und die prachtvollen Goldflechten von Blut überrieselt ‹ « – er vertrat ihr den Weg ; denn