zankte fast nie , er tadelte nur und doch bän ­ digte er die wildesten Buben und löste den verstockte ­ sten Mädchen das Herz , daß sie weinen konnten , wenn der Herr Lehrer sie mit einem vorwurfsvollen Blicke ansah . Der weise , alte Mann hatte den Grundsatz , daß die Liebe des Schülers für den Lehrer ein besserer Sporn sei , als die Furcht , die sich durch Haß und Bosheit an dem rächt , der sie hervorruft . So glich er alle Torheiten , Rohheiten und Grausamkei ­ ten der Bauernerziehung in seinem Dorfe aus , ent ­ wickelte in den Seelen der ihm anvertrauten Schar die Keime des Guten und unterdrückte die des Bösen , und es war eine auffallende Erscheinung , daß seit den fünfunddreißig Jahren , wo er im Orte unterrichtete , die Hochstetter Mädchen und Bursche die gesuchtesten Dienstboten der ganzen Gegend waren . „ Guten Tag , Herr Lehrer “ , schrie die eintretende Schar und ergoß sich mit einem Geräusch über die langen Bänke , wie wenn eine Straße mit Kies be ­ schüttet wird , oder ein Stoß Scheiterholz übereinander fällt . „ St ! St ! “ machte der Lehrer und augenblicklich war es ruhig im Zimmer , man hörte nur noch das Rascheln der aufgeschlagenen Hefte und der Unterricht begann . Da klopfte es leise — so leise , wie nur ein bö ­ ses Gewissen pochen kann , an die Tür und herein trat ein kleines , sauber angetanes Mägdlein von etwa sechs Jahren und blieb mit niedergeschlagenen Augen auf der Schwelle stehen . Eine Schulmappe , so groß , daß man nicht recht wußte , ob das Kind sie mitge ­ nommen , oder sie das Kind , hielt es vor sich hin , als möchte es sich am liebsten dahinter verstecken und der perlende Tau auf seiner Stirne zeigte , daß es sehr rasch gelaufen . „ Ei , Käthchen “ , rief Herr Leonhardt , „ warum kommst Du denn so spät ? Na — tritt nur näher , kleine Missetäterin — es ist das erste Mal seit dem ganzen langen Jahre Deines Schulbesuches , daß Du zu spät kommst . Da muß ja etwas ganz Besonderes geschehen sein ? “ Das also angeredete Käthchen kam langsam heran , während sein kugelrundes Gesichtchen über und über errötete . „ Ich — ich habe in die Beeren gemußt “ , stotterte es und leckte sich noch mit dem lügenhaften Züngelchen das von Heidelbeeren geschwärzte Mäulchen . , ,Ei Käthchen “ , sagte Herr Leonhardt und erhob seinen Zeigefinger — „ das ist sonderbar , Du muß ­ test ? Wer befahl es Dir denn ? “ Käthchen sah , immer röter werdend , zu Boden . „ Sieh mich einmal an , Kind “ , sprach nun der Lehrer ernst — „ ist es wahr , was Du sagst ? “ Käthchen versuchte die braunen funkelnden Schelmenaugen aufzuschlagen — aber ach — das Schuld ­ bewußtsein hing wie ein Bleigewicht an seinen Lidern und zog sie herab . Es vermochte nicht den Herrn Lehrer anzusehen und schüttelte nur leise mit dem Kopfe . „ Käthchen “ , sagte dieser liebevoll — „ Du muß ­ test nicht Beeren suchen , denn ich weiß , wie sehr Deine Eltern darauf halten , Dich in die Schule zu schicken : Du liefst zu Deinem Vergnügen in den Wald , um zu naschen . Du hast heute vielleicht zum ersten Mal gelogen , wie Du zum ersten Mal zu spät zur Schule kommst . Bitte den lieben Gott , daß es auch das letzte Mal sei . “ „ Ach “ , platzte die kleine Sünderin heraus , „ Nach ­ bars Fritz hat mich mitgenommen und die Beeren schmeckten so gut und da habe ich mich versäumt . “ Die andern Kinder lachten , aber ein Wink des Lehrers brachte sie schnell zum Schweigen , dann fuhr er zu Käthchen fort : „ Sieh , liebes Kind , für das Zuspätkommen erhältst Du ein Kreuz und rückst um Eins auf der Bank hinunter — aber Käthchen für das Lügen rückst Du um Eins in meinem Herzen hinunter , und ich werde Dich nun nicht mehr so lieb haben . Du kannst mich aber versöhnen , wenn Du Dich freiwillig in die Ecke stellst — was ziehst Du nun vor — lieber aus meinem Herzen — oder lie ­ ber eine Viertelstunde in die Ecke ? “ Da brach das Kind in bittere Tränen aus und schluchzte : „ Lieber in die Ecke , lieber in die Ecke ! “ und damit stand es auch schon in dem bezeich ­ neten Winkel und drehte das reizende Gesichtchen der kahlen Wand zu . Der Schulmeister sah der Kleinen mit gerührtem Blicke nach , aber er blieb fest , so weh es ihm tat , denn Lügen bestrafte er immer am schwersten . Der Unterricht nahm seinen Verlauf und nach etwa zehn Minuten rief er das immer noch schluchzende Käthchen zu sich . Das Kind trippelte in großer Freude herbei und er streckte ihm die Hand hin : „ Willst Du mir jetzt versprechen , nie wieder zu lügen , Käthchen ? Willst Du ? “ „ Ja , ach ja — ich will ’ s nie wieder tun ! “ war die zerknirschte Antwort . Da hob der Greis das rosige , kleine Ding in die Höhe und drückte es an sein Herz . — „ O Du lie ­ bes Kindchen — jetzt bin ich Dir auch wieder gut und werde es bleiben , so lange Du ehrlich und flei ­ ßig bist . Und wenn Du je wieder einmal in Ver ­ suchung kommst , irgend Jemandem eine Unwahrheit zu sagen — da denke nur , wie wehe es Deinem al ­ ten Lehrer täte , wenn er ’ s wüßte — und dann sprichst Du ihm zu Liebe die Wahrheit ? Willst Du ? “