eintretenden Sanna , „ pack ’ Deine Sachen auch ! Wir reisen . “ In diesem Moment flog ein kleiner blitzender Gegenstand über den Teppich und blieb zu Army ’ s Füßen liegen ; er hob ihn auf und betrachtete ihn – es war ein kleines goldenes Herz , zerkratzt und blind , und darauf standen die Buchstaben L. E. eingravirt . Er sah lange starr darauf hernieder ; es war ihm nicht möglich , ein Wort zu sagen ; er trat nur zu ihr und hielt ihr das kleine goldene Herz entgegen . Sie heftete die Augen darauf , dann stützte sie sich plötzlich fest aus die Platte des Tisches ; die Röthe verschwand von ihren Wangen , und eine fahle Blässe breitete sich über ihr Gesicht . Kein Laut unterbrach die Stille , nur die kleinen Figuren auf dem Schreibtische klirrten leise ; so fest lehnte sich die bebende Gestalt der Baronin darauf . „ Ich habe kein Recht , Dir Vorwürfe zu machen , “ sagte er endlich und zog die Hand , die den kleinen Gegenstand hielt , zurück , „ Du bist die Mutter meines Vaters , und – es wäre auch nutzlos . Aber ich werde mich doppelt bemühen , an meiner Braut wieder gut zu machen , was Du einst verbrochen an einem jungen , liebreizenden Geschöpf ; wollte Gott , daß es mir gelinge ! “ Er wandte sich , um hinauszugehen . Da trat ihm Sanna in den Weg . „ Was wollen Sie von meiner Herrin ? “ rief sie , „ ich habe das goldene Amulet dem Baron Fritz genommen ; ich allein that es ; meine Signora ist unschuldig . Jagen Sie mich fort , Herr , aber nehmen Sie ihr nicht die Heimath , den einzigen Platz , wo sie ihr Haupt niederlegen kann ! “ Das alte Mädchen war zur Erde geglitten und streckte ihm flehend die Hände entgegen ; in ihren kalten , grauen Augen schimmerte eine Thräne . „ Ich weise Deine Gebieterin nicht fort , “ sagte Army , gerührt von der Treue der alten , harten Person , „ im Gegentheil , ich – “ „ Steh auf ! “ befahl die Baronin erregt , „ und thu ’ , was ich Dir geheißen – kein Wort weiter . Ich gehe noch heute ! “ „ Misericordia ! “ schluchzte die Alte in ihrer Todesangst , und ergriff die Falten des schwarzen Kleides ihrer Herrin , „ lassen Sie mich mitgehen , Signora Eleonora ! Ich sterbe ohne Sie . “ Er sah schmerzlich zu der gebietenden Gestalt hinüber , die da mitten im Zimmer stand , den Kopf stolz zurückgeworfen , scharf und feindselig blickten ihn die schwarzen Augen an , als stände ein fremder Bettler vor ihr , den sie hinausweisen wollte . Er hatte sie immer so geliebt , so bewundert , seine schöne Großmutter ; selbst jetzt , da der Nimbus , mit dem sein Herz sie einst umgab , geschwunden war , selbst jetzt blieb diese Liebe Siegerin ; er vergaß ihre Herrschsucht , ihre Schroffheit ; er sah nur noch die stolze , imponirende Frau , die ihn einst mit abgöttischer Zärtlichkeit erzog . „ Großmama ! “ bat er , und trat ihr einen Schritt näher , „ laß es vergessen sein , was einst geschehen ! Ich biete Dir die Hand , nichts soll Dich hier an Vergangenes erinnern – . “ „ Geh ’ ! “ bedeutete sie kurz , und ihre Hand winkte ihm , in ihrer stolzen und doch so graziösen Weise , den Abschiedsgruß ; „ geh ’ ! Ich will allein sein ; ich habe noch viel zu ordnen . “ Er trat zu ihr . „ Leb ’ wohl ! “ sagte er , „ und wenn Dich jemals das Heimweh treibt , so komme ! Du wirst – “ „ Adieu ! “ fiel sie ein und entzog ihm die Hand , die er an den Mund führen wollte , „ Du hast gewählt . “ Sie wandte ihm den Rücken . [ 858 ] „ O der Fluch , der Fluch ! O mio dio ! “ schluchzte das alte Mädchen , das noch immer , die Hände ringend , am Boden kniete . „ Thörin ! “ hörte er noch seine Großmutter sagen ; dann fiel die Thür zwischen ihm und ihr in ’ s Schloß . 19. Der letzte Tag im alten Jahre ! hat er nicht etwas feierlich Wehmüthiges ? Es ist Abschiedsstimmung , die das Menschenherz erfüllt , und ein banges Zurückdenken und Fragen , was gab uns das alte Jahr , wie viel nahm es uns , und was wird das neue bringen ? Freude oder Schmerz , Glück oder herben Verlust ? Es giebt eine Zeit , in der man solche Fragen noch nicht stellt , eine Zeit , in der man glaubt , die Zukunft müsse schöner werden mit jedem Tage , wo der Garten unserer Träume stolze Blüthen in Menge trägt und wo man in seliger Ungeduld auf das Brechen der Knospenfülle wartet , um sich an einer märchenhaften Blüthenpracht zu berauschen ; aber die Zeit vergeht , und Knospe um Knospe fällt welk zur Erde , nur wenige erblühen vereinzelt und zittern , daß auch sie der rauhe Hauch zerstöre , der ihre Schwestern traf . Und wer erst solche Blüthen fallen sah , der steht mit traurig fragendem Herzen an der Pforte eines neuen Jahres und faltet bang die Hände und fragt unwillkürlich , was wird die Zukunft mir bringen ? Werden die Knospen unsrer Hoffnungen welken oder erblühen ? Es ist traurig , wenn junge Herzen schon diese Frage thun müssen , wenn ein Reif im Frühling all ’ diese sonnige , glückverheißende Blüthenpracht zerstört . Es war Nachmittags gegen vier Uhr , als Lieschen die Unruhe nach dem Schlosse trieb ; seit vier Tagen war Army mit dem Vater schon fort , und sie