Steinwüste , als hätte ein Erdbeben die Stadt zerstört . Atemlos vor Aufregung , schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand ich mich endlich aus dem Labyrinth heraus . Ein paar Häuserreihen , und ich stand vor der gesuchten Spelunke . » Cafe Chaos « stand darüber geschrieben . Ein menschenleeres , winziges Lokal , das kaum genügend Platz ließ für die paar Tische , die an die Wände gerückt waren . In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und schnarchte . Ein Marktweib , mit einem Gemüsekorb vor sich , saß in der Ecke und nickte über einem Glas Caj . Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen , was ich wünschte . Bei dem frechen Blick , mit dem er mich vom Kopf bis zu Fuß musterte , kam mir erst zum Bewußtsem , wie abgerissen ich aussehen mußte . Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich : ein fremdes , blutleeres Gesicht , faltig , grau wie Kitt , mit struppigem Bart und wirrem , langem Haar starrte mir entgegen . Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei , fragte ich und bestellte schwarzen Kaffee . » Woaß net , wo er so lang bleibt « , war die gegähnte Antwort . Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter . Ich nahm das » Prager Tagblatt « von der Wand und - wartete . Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten , und ich begriff nicht ein einziges Wort von dem , was ich las . Die Stunden vergingen , und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das verdächtige tiefe Dunkelblau , das den Einbruch der Morgendämmerung für ein Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt . Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich schillernden Federbüschen herein und gingen in langsamem , schwerem Schritt wieder weiter . Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein . Ein Straßenkehrer nahm einen Schnaps . Endlich , endlich : Jaromir . Er hatte sich so verändert , daß ich ihn anfangs gar nicht wiedererkannte : die Augen erloschen , die Vorderzähne ausgefallen , das Haar schütter und tiefe Höhlen hinter den Ohren . Ich war so froh , nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen , daß ich aufsprang , ihm entgegenging und seine Hand faßte . Er benahm sich außerordentlich scheu und blickte immerwährend nach der Türe . Durch alle möglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen , daß ich mich freute , ihn getroffen zu haben . - Er schien es mir lange nicht zu glauben . Aber , was für Fragen ich auch stellte , stets die gleiche hilflose Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm . Wie konnte ich mich nur verständlich machen ? ! Halt ! Eine Idee ! Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die Gesichter von Zwakh , Vrieslander und Prokop auf . » Was ? Alle nicht mehr in Prag ? « Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum , machte die Gebärde des Geldzählens , marschierte mit den Fingern über den Tisch , schlug sich auf den Handrücken . Ich erriet : alle drei hatten wahrscheinlich von Charousek Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmännische Kompagnie mit dem vergrößerten Marionettentheater durch die Welt . » Und Hillel ? Wo wohnt er jetzt ? « - Ich zeichnete sein Gesicht , ein Haus dazu und ein Fragezeichen . Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht ; - er konnte nicht lesen , aber er begriff , was ich wollte , - nahm ein Streichholz , warf es scheinbar in die Höhe und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden . Was bedeutete das ? Hillel sollte auch verreist sein ? Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf . Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf . » Hillel ist also nicht mehr dort ? « » Nein ! « ( Kopfschütteln . ) » Wo ist er denn ? « Wieder das Spiel mit dem Streichholz . » Er meint halt , daß der Herr weg ist , und niem ' d weiß nicht , wohin « , mischte sich der Straßenkehrer , der uns die ganze Zeit über interessiert zugesehen hatte , belehrend ein . Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen : Hillel fort ! - Jetzt war ich ganz allein auf der Welt . - - Die Gegenstände im Zimmer fingen vor meinen Augen an zu flimmern . » Und Mirjam ? « Meine Hand zitterte so stark , daß ich ihr Gesicht lange nicht ähnlich zeichnen konnte . » Ist Mirjam auch verschwunden ? « » Ja . Auch verschwunden . Spurlos . « Ich stöhnte laut auf , lief im Zimmer hin und her , daß die drei Soldaten einander fragend anblickten . Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich , mir noch etwas anderes mitzuteilen , was er erfahren zu haben schien : er legte den Kopf auf den Arm , wie jemand , der schläft . Ich hielt mich an der Tischplatte : » Um Gottes Christi willen , Mirjam ist gestorben ? « Kopfschütteln . Jaromir wiederholte die Gebärde des Schlafens . » War Mirjam krank gewesen ? « Ich zeichnete eine Medizinflasche . Kopfschütteln . Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm . - - - Das Zwielicht kam , eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer konnte ich nicht herausbringen , was die Geste bedeuten sollte . Ich gab es auf . Dachte nach . Das einzige , was mir zu tun blieb , war , in aller Frühe auf das jüdische Rathaus zu gehen , um dort Erkundigungen einzuziehen , wohin Hillel mit Mirjam gereist sein könne . Ich mußte ihm nach . - - - Wortlos saß ich neben Jaromir . Stumm und taub wie er . Als ich nach einer langen Zeit aufblickte , sah ich , daß er mit einer Schere an einer Silhouette herumschnitt . Ich erkannte das Profil Rosinas . Er