Gutgesinnte eine Nachtwache nicht scheuen , wenn er zu fürchten hat , daß ihn der bloße Schlaf nur um eine Linie von der Deutlichkeit seines Erlebens betrügen könnte . Vielleicht finden Eure Exzellenz , daß ich die Dinge falsch deute oder in ihrer Wichtigkeit überschätze . Mag sein , ich habe jedoch meine Pflicht erfüllt und bin mir keiner Versäumnis bewußt . Ich trage schwere Sorge um Caspar , ohne daß ich ganz zu sagen vermöchte weshalb , aber ich bin nun einmal als Geister- und Gespensterseher auf die Welt gekommen , und mein Auge sieht den Schatten früher als das Licht . Nicht vergessen will ich zum Schluß die Erwähnung , daß mir Herr von Tucher bei seinem letzten Besuch die hundert Goldgulden übergab , die Caspar vom Herrn Grafen Stanhope geschenkt erhalten . Ich werde die Summe mit nächster fahrender Post an Eure Exzellenz überschicken . Frau Behold an Frau Quandt : Werte Frau , excusez , daß ich mich schriftlich an Sie wende , was Sie extraordinaire finden werden , da ich Ihnen doch im ganzen fremd bin , obwohl Sie in meiner Eltern Hause Ihre Jugend verlebten . Mit großem Etonnement vernehme ich , daß der Caspar Hauser nunmehr in Ihrem Heim weilen wird , und ich fühle mich gedrungen , Ihnen zum Belehr etwelches über den Sonderling zu eröffnen . Sie wissen doch , daß der Hauser das Wunderkind von Nürnberg war . Lob und Verhätschelei hätten bei einem Haar den Knaben zum Narren gemacht , es ist eben ein tolles Volk dahier . In solchem verderbten Zustand haben wir ihn aus reinem christlichen Mitleid und , ich schwöre , ohne jede Nebenabsicht zu uns genommen . Bei aller Tollheit haben die andern doch vor dem vermummten Kerl mit dem Beil Angst gehabt , wir aber fürchteten nichts , und der Hauser wurde bei uns wie ein Kind geliebt und estimieret . Übel ist uns das gelohnt worden ; keine Erkenntlichkeit vom Hauser , und noch dazu die böse Nachrede seines Anhangs . Wieviel ärgerliche Stunden , wieviel Verdruß er uns durch seine entsetzliche Lügenhaftigkeit bereitet hat , davon sind alle Mäuler stumm . Nachher freilich hat er alleweil Besserung gelobet und ward mit frischer Liebe an unser Herz geschlossen , aber fruchten tat es nichts , der Lügengeist war nicht zu bannen , immer tiefer versank er in dieses abscheuliche Laster . Ist viel Gerede gewesen von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem Dahergehörigen . Auch hierüber kann ich ein Wörtlein melden , denn ich habs mit meinen eignen Augen gesehen , wie er sich meiner damals dreizehnjährigen Tochter , heute ist sie in der Schweiz in Pension , unziemlich und unmißverstehlich näherte . Nachher zur Rede gestellt , wollt ers nicht wahr haben , und aus Rache hat er mir die arme Amsel umgebrungen , die ich ihm donationieret . Gebe Gott , daß Sie nicht ähnliche Erfahrungen an ihm machen ; er steckt voller Eitelkeit , meine Liebe , voller Eitelkeit , und wenn er den Gutmütigen agieret , ist der Schalk dahinter verborgen , und so man ihm den Willen bricht , ist es mit seiner Katzenfreundlichkeit am Ende . Wieviel wir auch durch sein detestables Betragen zu dulden hatten , Undank und Calomnie , aus unsern Lippen ist keine Klage gefahren , denn warum , man hätt ihm auch dann die Wahrheit nicht mehr glauben können , und ein Betrüger ist er nicht , nur ein armer Teufel , sehr armer Teufel . Ihnen und dem Herrn Gemahl glaube ich hingegen einen Gefallen zu erweisen , wenn ich die Decke lüpfe , unter der er seinen Unfug treibet ; der gegen ihn so gütig gesinnte Graf Stanhope wird gewiß bald zu der schmerzlichen Entdeckung gelangen , daß er eine Schlange an seinem Busen nähret . Wäre der Herr Graf nur zu mir gekommen , dieses aber hat der Pfiffikus Hauser hintertrieben , und aus guten Gründen . Seien Sie nur recht wachsam , gute Frau ; er hatte alleweil Heimlichkeiten , bald da , bald dort versteckt er was in einem Winkel , das läßt auf nichts Gutes schließen . Und nun bitte ich Sie oder den Herrn Gemahl , mir in einiger Zeit Nachricht zu geben , wie sich Ihr Zögling produzieret und was Sie von ihm halten , denn ohneracht alles Geschehenen nimmt er doch ein Plätzchen in meinem Herzen ein , und ich wünsche nur , daß er tätig an seiner Selbstbesserung arbeite , ehe er in die große Welt entrieret , wo er viel mehr Kraft und Beständigkeit vonnöten haben wird als in unsrer kleinen . Von mir selbst ist nicht viel Gutes zu sagen , ich bin krank ; der eine Doktor meint , es ist ein Geschwür auf der Milz , der andre nennt ' s eine maladie du coeur . Die große Teuerung der Lebensmittel ist auch nicht angetan , einem die Laune zu verbessern , Gott sei Lob gehen die Mannsgeschäfte im allgemeinen gut . Bericht Hickels über den vollführten Auftrag der Übersiedlung Caspar Hausers : Ich traf am 7. ds . vorschriftsgemäß in Nürnberg ein , verfügte mich sogleich in die Wohnung des Freiherrn von Tucher , fand aber den Kuranden nicht zu Hause und erfuhr zu meiner Verwunderung , daß er sich den ganzen Nachmittag über aufsichtslos und unbekannt wo herumgetrieben habe , was doch gegen die Vorschrift ist , und daß er sich zur Zeit beim Professor Daumer aufhalte , wahrscheinlich in der Absicht , die Reise zu verzögern und dabei die Unterstützung seiner Freunde zu finden . Denn als ich bei Herrn Daumer vorsprach , wurden zu besagtem Zweck alle möglichen Ausreden versucht , auch gefiel sich Hauser selbst in einigen leicht durchschaubaren Schnurrpfeifereien , was mich aber nicht hinderte , auf der mir erteilten Weisung zu beharren . Eine strenge Inquisition nach seinem Verbleib während des Nachmittags blieb fruchtlos , der Bursche gab die albernsten Antworten von der Welt . Mein entschiedenes Auftreten hatte die