wollen eine Stelle und Geld . Nirgends , in keiner Familie , gibt es eine Mutter , wie du bist . « Als sie nach Zürich zurückkamen , mußte sich Josefine sofort zu Bett legen . Die Kollegin konstatierte eine Nervenüberreizung und Erschöpfung . Drei Wochen lag sie krank und fast ohne zu reden . Dann erhob sie sich , nahm ihre Bücher wieder vor , nahm ihre Praxis wieder auf . Die Patientinnen brachten ihr viele Blumen , und Rösli schrieb ein Gedicht zu ihrer Genesung . Mit vergrößerten Augen und ruhelos ging Josefine ihrer Tätigkeit nach , das Opium schien nicht mehr zu wirken . Sie hatte einige Vorträge angesagt , aber sie verschob das alles auf eine günstigere Zeit , und sie schalt sich deshalb . Ein fauler und ungetreuer Knecht , dachte sie , der sein Pfund nicht benutzt , das ihm verliehen . Wer weiß , wie lange ich noch sprechen kann - wie lange ich noch lebe . Und dann schien es ihr , als kämen Schatten geschlichen und hüllten sie ein in dunkle Tücherwolken und begrüben sie unter den Nebeln , den ewigen Nebeln der Niederung . Mit melancholischem Achselzucken beobachtete sie sich selber und die nachgebliebenen Spuren der kaum überstandenen Krankheit . Laute Musik durchschütterte sie ; bei einer Aufführung des » Fliegenden Holländers « fiel sie in Ohnmacht und brauchte einen Tag nachher , um sich ganz zu erholen . Plötzlich , beim ersten Erblicken einer Verwundung oder nur bei der Abnahme eines Verbandes erfaßte sie ein unbezwinglicher Ekel - ja , als sie eines Tages aus einem Bande von Langs » Vergleichender Anatomie « ein flüchtig hineingeschobenes Rezept herausnahm und sich das Buch dabei aufblätterte , erschrak sie heftig bei der Abbildung eines ganz gewöhnlichen Skorpions . Sie fühlte es kalt vom Kopfe abwärts rinnen , warf das Buch hastig auf die Seite , und es schien ihr , als sähe sie das vielgliedrige , rotbraun schillernde Fußtier auf der grünen Schreibtischplatte herankriechen . Mit einem Schrei sprang sie auf , faßte sich an die Stirn und zwang sich zur Klarheit , während sie zitterte und einen süßlichen , betäubenden Geruch in der Umgebung verspürte . » Dumm ! dies ist dumm ! « murmelte sie und schlug das Buch wieder auf , sah den Skorpion lange und aufmerksam an . » Ich werde mich doch nicht vor mir selber lächerlich machen ? « Und - in der Tat - das Häßliche verlor seine Wirkung , und sie war imstande , ein Spiritusexemplar eines Skorpions aus ihrem Schrank zu entnehmen und mit der Abbildung zu vergleichen . Es ging auch vollständig gut , bis sie in dem Chitinpanzer des konservierten Tieres seitlich eine weiche , gelbweiße Stelle entdeckte , aus der eine gefranste Masse hervorquoll . Da kam der Widerwille so stark , daß sie Brechreiz verspürte ... Und als sie bei einer Sektion im Irrenhause das stark veränderte Hirn eines Trinkers zugereicht bekam , entglitt die Schale ihren plötzlich entkräfteten Händen , und das frische , blutige Hirn und die blutige Schale , auf der es so weich und rund aufgelegen , und die Medizinerin - alles fiel miteinander auf den Boden , in den Staub . Es war sehr unangenehm - das kostbare Präparat war stark beschädigt und fast unbrauchbar geworden durch Staub und Glassplitter , und die Medizinerin war mehrere Stunden hindurch ohnmächtig und tief beschämt . Nach diesen Vorfällen wurde Josefine ein wenig ängstlich , und was noch seltsamer war - ihr Mann , Georges Geyer , wurde ängstlich und bekam einen Blick und eine Aufmerksamkeit für Josefine - etwas ganz Neues und Unerhörtes bei ihm . » Hermann hat dich auf dem Gewissen , « wiederholte er oftmals bedauernd , » das Mutterherz bleibt eben doch der schwache Punkt ... « Vor diesen anteilvollen Blicken , diesen mitfühlenden Worten floh Josefine , sie waren ihr die bitterste Bestätigung ihrer Schwäche . Es wird vorübergehen , dachte sie , mir wurde auch einmal schlecht , anfangs , im Präpariersaal , als ich die Hand der Näherin sezieren mußte ! Und ist ' s nicht später gut gegangen ? Aber er wünscht es , er wünscht , mich herunterkommen zu sehen . Und sie hielt sich steif aufrecht und bemühte sich , ruhig und heiter auszusehen , wenn Georges in der Nähe war . Und die Gebärde der Ruhe und Heiterkeit wirkte stärkend auf ihre Stimmung . Seltsame Ableitungen für ihre Unruhe suchte und fand sie in dieser Zeit : Ein notwendiger Besuch beim Zahnarzt brachte sie auf die Wahrnehmung , daß körperliche Schmerzen ihre Erregung abzustumpfen vermöchten . Nun wurde sie eine tägliche Patientin des Zahnarztes , ließ plombieren , feilen , ein paar alte Stumpfe beseitigen und fand dabei fast Vergnügen . Schmerz wurde als Wohltat empfunden , als angenehmer Reiz , als die beste und vollkommenste Zerstreuung . Später dann , betroffen , unheimlich klar , gestand sie sich , daß hier eine Vorstufe jener Selbstverletzungen und Verstümmelungen vorliege , die den Irrenärzten so viel Kopfzerbrechen über ihre Patienten verursachen . Und sie unterließ jene Besuche und zwang ihre Unruhe nieder , verschrieb sich selbst Beruhigungsmittel und kräftige Diät . » Etwas Blut pflanzen ! « sagte sie sich , wie sie es ihren Patientinnen sagte , aufmunternd , lächelnd . » So lange ich noch meinem Willen gehorche , nicht meinem Widerwillen , so lange bin ich noch nicht verloren , « redete sie sich zu . Und sie vermochte es , ihren eigenen Willen zu tun , sie hielt auch wieder Vorträge gegen die Autorität . Aber sie fühlte , wie das , was einmal lebendige , glühende Empfindung gewesen , allmählich zum Wort , zum fertig geprägten Satz erstarrt war , und daß zuweilen nicht sie es war , die redete , nicht ihre Seele , sondern aus ihr heraus ein täuschend ähnlicher Automat , sodaß sie sich vor ihm entsetzte . Einmal , in einem der Vorträge , war Georges