Berlin fühle sie sich ganz an ihrem Platz . Er sei der beste Mensch , etwas zu alt für sie und zu gut für sie , aber sie sei nun über den Berg . Sie brauchte diesen Ausdruck , der mir allerdings auffiel . « » Wieso ? Er ist nicht ganz auf der Höhe , ich meine , der Ausdruck . Aber ... « » Es steckt etwas dahinter . Und sie hat mir das auch andeuten wollen . « » Meinst du ? « » Ja , Briest ; du glaubst immer , sie könne kein Wasser trüben . Aber darin irrst du . Sie läßt sich gern treiben , und wenn die Welle gut ist , dann ist sie auch selber gut . Kampf und Widerstand sind nicht ihre Sache . « Roswitha kam mit Annie , und so brach das Gespräch ab . Dies Gespräch führten Briest und Frau an demselben Tage , wo Innstetten von Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war , Effi auf wenigstens noch eine Woche zurücklassend . Er wußte , daß es nichts Schöneres für sie gab , als so sorglos in einer weichen Stimmung hinträumen zu können , immer freundliche Worte zu hören und die Versicherung , wie liebenswürdig sie sei . Ja , das war das , was ihr vor allem wohltat , und sie genoß es auch diesmal wieder in vollen Zügen und aufs dankbarste , trotzdem jede Zerstreuung fehlte ; Besuch kam selten , weil es seit ihrer Verheiratung , wenigstens für die junge Welt , an dem rechten Anziehungspunkte gebrach , und selbst die Pfarre und die Schule waren nicht mehr das , was sie noch vor Jahr und Tag gewesen waren . Zumal im Schulhause stand alles halb leer . Die Zwillinge hatten sich im Frühjahr an zwei Lehrer in der Nähe von Genthin verheiratet , große Doppelhochzeit mit Festbericht im » Anzeiger fürs Havelland « , und Hulda war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante , die sich übrigens , wie gewöhnlich in solchen Fällen , um sehr viel langlebiger erwies , als Niemeyers angenommen hatten . Hulda schrieb aber trotzdem immer zufriedene Briefe , nicht weil sie wirklich zufrieden war ( im Gegenteil ) , sondern weil sie den Verdacht nicht aufkommen lassen wollte , daß es einem so ausgezeichneten Wesen anders als sehr gut ergehen könne . Niemeyer , ein schwacher Vater , zeigte die Briefe mit Stolz und Freude , während der ebenfalls ganz in seinen Töchtern lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte , daß beide junge Frauen am selben Tage , und zwar am Weihnachtsheiligabend , ihre Niederkunft halten würden . Effi lachte herzlich und drückte dem Großvater in spe zunächst den Wunsch aus , beiden Enkeln zu Gevatter geladen zu werden , ließ dann aber die Familienthemata fallen und erzählte von » Kjöbenhavn « und Helsingör , vom Limfjord und Schloß Aggerhuus und vor allem von Thora von Penz , die , wie sie nur sagen könne , » typisch skandinavisch « gewesen sei , blauäugig , flachsen und immer in einer roten Plüschtaille , wobei sich Jahnke verklärte und ein Mal über das andere sagte : » Ja , so sind sie ; rein germanisch , viel deutscher als die Deutschen . « An ihrem Hochzeitstage , dem dritten Oktober , wollte Effi wieder in Berlin sein . Nun war es der Abend vorher , und unter dem Vorgeben , daß sie packen und alles zur Rückreise vorbereiten wolle , hatte sie sich schon verhältnismäßig früh auf ihr Zimmer zurückgezogen . Eigentlich lag ihr aber nur daran , allein zu sein ; so gern sie plauderte , so hatte sie doch auch Stunden , wo sie sich nach Ruhe sehnte . Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten hinaus ; in dem kleineren schlief Roswitha und Annie , die Tür nur angelehnt , in dem größeren , das sie selber innehatte , ging sie auf und ab : die unteren Fensterflügel waren geöffnet , und die kleinen weißen Gardinen bauschten sich in dem Zuge , der ging , und fielen dann langsam über die Stuhllehne , bis ein neuer Zugwind kam und sie wieder frei machte . Dabei war es so hell , daß man die Unterschriften unter den über dem Sofa hängenden und in schmale Goldleisten eingerahmten Bildern deutlich lesen konnte : » Der Sturm auf Düppel , Schanze V « , und daneben : » König Wilhelm und Graf Bismarck auf der Höhe von Lipa « . Effi schüttelte den Kopf und lächelte . » Wenn ich wieder hier bin , bitt ich mir andere Bilder aus ; ich kann so was Kriegerisches nicht leiden . « Und nun schloß sie das eine Fenster und setzte sich an das andere , dessen Flügel sie offenließ . Wie tat ihr das alles so wohl . Neben dem Kirchturm stand der Mond und warf sein Licht auch auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr und den Heliotropbeeten . Alles schimmerte silbern , und neben den Schattenstreifen lagen weiße Lichtstreifen , so weiß , als läge Leinwand auf der Bleiche . Weiter hin aber standen die hohen Rhabarberstauden wieder , die Blätter herbstlich gelb , und sie mußte des Tages gedenken , nun erst wenig über zwei Jahre , wo sie hier mit Hulda und den Jahnkeschen Mädchen gespielt hatte . Und dann war sie , als der Besuch kam , die kleine Steintreppe neben der Bank hinaufgestiegen , und eine Stunde später war sie Braut . Sie erhob sich und ging auf die Tür zu und horchte : Roswitha schlief schon und Annie auch . Und mit einem Male , während sie das Kind so vor sich hatte , traten ungerufen allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre Seele : das landrätliche Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit dem Blick auf die Plantage , und sie saß im Schaukelstuhl und wiegte sich ; und nun trat Crampas an sie heran , um