er doch einsehen , daß eine Ehe ... und selbst nur eine auf längere Dauer gemünzte » wilde Ehe « ... zwischen seiner Tochter und diesem unzuverlässigen Weltkinde nach Allem , was dieses Weltkind mit naiver Offenheit über sich ausgeplaudert und verrathen hatte - wenn nicht eine direkte Unmöglichkeit , so doch mindestens eine Verrücktheit erster Güte sein würde ... ein Stückchen unglaublich geschickt inscenirter Unnatur ! Aber das begriff der Mann nicht ... und Adam besaß nicht den Muth , es ihm klarzumachen . So blieb ihm vorläufig nichts weiter übrig , als in den sauern Hering zu beißen , der ja eine ganz vortreffliche Katerspeise abgeben soll . Aber vielleicht wollte und wußte das » Schicksal « doch noch eine andere Lösung dieses pikanten Problems . Es galt sich in Geduld zu fassen ... und zunächst in der Maske des beschränkten Biedermanns weiterzutragiren . Aber zugleich verspürte Adam trotzdem ein gewisses Mitleid mit diesem Manne , dem er sein Kind genommen hatte ... ein Mitleid , das ihm allerdings sehr unbequem war . Denn ob es ihm auch nur mit leichtem , losem Geschnür die Gelenke umhing - es hemmte ihn doch , es destillirte ihm eine peinliche Unsicherheit ab , es nöthigte ihm eine tolpatschige Arroganz auf und machte sein Auftreten halb frei und hochfahrend-zwanglos , halb eckig , verlegen und beklommen . » So gestatten Sie denn , Herr Doctor , daß Hedwig - - « » Ja ! Ja ! Ich will mein Kind doch noch einmal wiedersehen , ehe - - « » Es wird noch Alles gut werden - « versuchte Adam lauen Herzens zu trösten ... und fuhr dann lauter , bestimmter fort : » Und nun geben Sie mir die Hand - und lassen Sie mich die Ueberzeugung mitnehmen , daß Sie uns verziehen haben , Herr Doctor ... Und nehmen Sie in diesem Sinne Ihr Kind , meine Braut ... unsere Hedwig auf - Sie werden sehen : wenn ich erst der Dritte in Ihrem Bunde bin - das wird ein neues , sonniges Leben geben ! . Und wenn Sie dann noch durchaus weitermachen wollen in Ihrer Entsagungsphilosophie - nun ! dann helfe ich Ihnen dabei nach bestem Wissen und Gewissen , Herr Doctor - « Adam lächelte . Er war zu Irmer hingetreten und streckte ihm , von heiß aufquellender Sympathie übermannt , seine beiden Hände zum Abschiedsgruße entgegen . Langsam kam dieser mit den mageren , knochigen Fingern seiner rechten Hand herbei : einen Augenblick lagen die Hände ineinander . Ein zahmer , fleischloser Druck . Ueber Irmers dürre , furchige , rechte Backe lief flink wie ein Mäuslein eine kleine kugelrunde Thräne . - - Adam sagte sich , daß er sich nach diesem unerquicklichen Speech wohl einen kleinen » Abschwiff « zur Aufbesserung seiner Stimmung gönnen dürfte . Hedwig erwartete ihn zwar . Aber was verschlug ' s ! Ob ihr eine Viertelstunde früher oder später das bittersaure Chinin des Resultats eingelöffelt wurde - das war schließlich egal . Nein ! Jetzt gleich die ganze Geschichte noch einmal von vorn bis hinten durchzukauen - das konnte kein Mensch von ihm verlangen ... das war entschieden grausamer , als neben einem Lastwagen hergehen müssen , der mit schmunzelnder Behaglichkeit über holpriges Pflaster durch eine stille Straße knarrt ... Adam suchte absichtlich die prallbrütende Mittagssonne auf . Ach ! Diese Glut war so wohlthuend ! So ganz , so massiv , so angenehm prickelnd und discret durchbratend dabei ! Der Herr Doctor hatte sein nervöses Frösteln immer noch nicht ganz überwunden . Schließlich lief er in Café Cäsar ein . Er ließ sich eine Flasche Sodawasser und einen kleinen Cognac bringen und vertiefte sich in das leckere Literaturgetändel des Gil Blas . - Und nun saß Adam wiederum auf der schreiend rothen Damastcauseuse neben seiner Hedwig und spielte mit den schlanken , weißen Fingern ihrer linken Hand . » Aber lange , Adam ! « - hatte ihm Hedwig stockend und mit ängstlich-vorwurfsvollem Blicke entgegengerufen , als er endlich zur Thür hereingetreten war . » Lange ? - Ach nee ! Ich komme direkt von Papa - « » Und - ? « Ein gepreßtes Athmen . Sodann , leise , beklommen : » Und verzeiht er mir , Adam - ? « Der warf seinen Hut auf den nächsten Stuhl und setzte sich zu seiner Braut . » Natürlich , Kind ! Und warum sollte er auch nicht ? Papa ist vernünftig . Ich habe ihm erklärt , wie Alles gekommen ist . Gott ! Mir erscheint die ganze Geschichte heute immens harmlos . Was haben wir denn weiter verbrochen ! Ein paar kleine ... nun ! meinetwegen ein paar pikante Fakta , die man sonst erst nach der Hochzeit zu erledigen pflegt - die haben wir schon in die Ouvertüre verlegt . - c ' est tout ! Dein Papa ist Sprachphilosoph genug , um das Wesen einer Prolepsis zu verstehen - « » Ja ! . Aber - - « meinte Hedwig ängstlich - » Komm ! « forderte Adam aus . » Ich will Dich hinbegleiten , Kind - Du bleibst noch eine kleine Weile bei Papa - wir haben schon Alles geordnet - nachher gründen wir uns ein eigenes Nest - nicht wahr ? Ich werde schon einen tüchtigen Baumeister abgeben - paß auf - ! « Hedwig senkte den Kopf . Adam starrte gedankenabseits vor sich hin . Nun hob das Weib das Gesicht zu seinem Geliebten auf ... und viel Hingebung , Sanftmuth , natürliche Unterordnung , guter Wille und viel zärtliches Flehen lag jetzt in den Zügen dieses bleichen , schmalen Gesichts . Adam küßte sein Weib . - Und er geleitete Hedwig zu ihrer Wohnung . Sie standen vor der Hausthür . Hedwig zögerte . Sie fürchtete sich jetzt am hellen , leuchtenden Tage vor den Räumen , die sie zum letzten Male in später , nächtiger Stunde betreten hätte . Und nachher oben ihr Vater - das