welchem sich Entrüstung . Bitte , Drohung , Entschlossenheit bis zum Äußersten malten , sprach er in unverfälschtestem Englisch-Italienisch : » Um Gottes Barmherzigkeit , was suchen Sie in diesem Vorhof der Hölle , in diesem Pfuhl schandbarer Lüste ? « » Ein paar verblaßte Bilder , unschuldige Kunstwerke eines lustigen altpompejanischen Wandmalers , « entgegnete ich und machte Miene , den frommen Cerberus wegzudrücken . » O Herr , ich beschwöre Sie beim Seelenheil Ihres holden Weibes , fordern Sie hier nicht Einlaß , verzichten Sie auf den Anblick dieser heidnischen Teufelswerke ; Ihr Auge könnte nicht mehr mit reinem , beseligendem Blicke auf Ihrem jungen Weibe ruhen ... « Meinem jungen Weibe ! Wie mich dies Wort seltsam schüttelte ! Flora Kuglmeier zupfte mich am Ärmel . Nie habe ich in ein lieblicher errötendes Antlitz gesehen . Mit einer schnellen Biegung des Kopfes entzog mir ihr breitschattender Strohhut das süße Gesicht . Ich sah nur ein Stückchen Hals und Nacken , leicht gebräunt , mit einem Kranz gekrauster , wilder Haare , über die ein aschblonder natürlicher Lockenbüschel handbreit hinabfiel . Wie das sonnig schimmerte und duftete ! Fürwahr man hätte mir alle Schätze - Indiens , sagen die Romanphrasenmacher - alle Schätze der Reichsbank und des Juliusturms anbieten dürfen , jetzt diesen herzerquickenden Anblick mit der Betrachtung der klassischen Wandklexereien zu vertauschen , ich hätte den Tausch ausgeschlagen . Naturalia non sunt turpia und in der Kunst und Kunstbetrachtung gibt ' s nichts Obszönes , allein der fanatisch-heilige Thürsteher hatte Recht : alle venusischen Schilderungen der Alten wiegen die Wonnen eines lebendigen , holden , deutschen Weibchens nicht auf . Wir schlugen uns um die Ecke . In der Nähe war das neue Ausgrabungsviertel . Gestern hatte zu Ehren eines hohen fremden Gastes die Bloßlegung eines Hauses stattgefunden . Wie in Deutschland die hohen Herrschaften einem Gaste von Distinktion eine Jagdpartie anbieten , wird hier von den Behörden einem fremden Besucher von Rang eine Ausgrabungspartie auf das Ehrenprogramm gesetzt . Wir traten in das zuletzt bloßgelegte Haus . Wie da noch die Wände frisch glänzten , die Farben kräftig leuchteten ! Und das Vergnügen , zu den Ersten zu gehören , welche an dem frisch Ausgegrabenen herumrätseln dürfen ! Es war offenbar eine Weinwirtschaft gewesen . Heda , Padrone , eine Flasche Falerner ! Ja , vor achtzehnhundert Jahren hätten wir nicht umsonst gerufen . Der Padrone war leider nicht mehr zu haben . Sie hatten gestern sein Gerippe zusammengelesen und ins Museum geschleppt . Und jetzt eine Probe der eminenten archäologischen Begabung meiner Flora Kuglmeier . Ich hatte ihr aus der Anordnung des Gemaches , den Löchern für die Amphoren , den marmornen Schenktischen , die auf der einen Seite ein Gesimse für Flaschen und Krüge , auf der andern eine Vorrichtung zum Kochen und Warmhalten der Getränke haben u.s.w. den Schluß auf die gastgeberische Bestimmung des Ortes erklärt . Auch die Wandgemälde standen dazu in entsprechender Beziehung . » Also eine Weinschenke , eine Kneipe , nichts weiter ? « fragte sie . Dabei musterte sie aufs neue die Bilder . Plötzlich : » Da sehen Sie einmal diese blaue Wand , durch bebänderte und bekränzte Stäbe in Flächen eingeteilt und in den Ecken dieser Flächen je drei Kugeln . Wie deuten Sie diese Dekoration ? « Ich erwiderte : » Das ist ein beliebiges Verzierungsmuster ohne tieferen Sinn . « Darauf sie mit schelmischer Überlegenheit : » Sie sind bald mit Ihrem Latein zu Ende . Das ist gar kein beliebiges , das ist ein sehr bestimmtes Muster von lokaler Bedeutung . Aller Schmuck und Zierat hat Beziehung auf Gebrauch und Umgebung . « Ich stutzte : » Sie werden doch nicht in diesen Stäben ... « » Billardstöcke und in diesen Kugeln Billardkugeln erkennen wollen ? « spottete sie . » Freilich will ich das . Dieser Raum war nicht bloß eine Kneipe , er war auch ein Billardsaal ... « Ich klopfte ihr auf die Schultern und lachte : » Das haben Sie brav gemacht . Ein Billardsaal ... « » Lassen Sie mir nur ein wenig Zeit und ich werde Ihnen das Nebengemach als , wie sage ich nur gleich ... als ... « » Als Klavierzimmer oder Gesellschaftssaal mit weiblicher Bedienung und einem Pianino in der Ecke nachweisen - nicht wahr ? « » Nein , für so unvernünftig und unkünstlerisch halte ich die Alten nicht . Villard , ja . Aber das Pianino kannten die Alten nicht , und hätten sie ' s gekannt , würden sie ' s polizeilich unterdrückt haben an den Orten , die zur Freude und nicht zur Marter bestimmt waren . Nur die modernen Kulturvölker sind so blödsinnig , was zur Freude geschaffen , bis zur größten Unlust und Schinderei zu übertreiben . Die glücklichen Pompejaner wußten nichts von der Klavierpest . Sie wußten auch nichts von unserer Schultyrannei . Ein griechisches Gymnasium war ein Ort der Lust , ein deutsches Gymnasium ist eine Hölle dagegen ; ich hab ' s jahrelang an meinem Bruder beobachtet . Wir lernen von den Alten hauptsächlich nur , um unsere Dummheiten klassisch zu beschönigen . « In dieser Weise ließ sie noch lange ihrer Laune die Zügel schießen . Unbewußt führte sie mit allerlei Einfällen die altertümelnden Schriftgelehrten und Klügler und Nachahmer ganz ergötzlich ad absurdum . » Und jetzt einen Schritt ins Tablinum , verehrte Zeichendeuterin ! « » Sagen wir auf deutsch Wohnstube , « übersetzte sie sofort . Das war nun freilich etwas voreilig . Allein ich wollte ihr die Freude der freien Übertragung nicht durch pedantische Schulmeisterei verleiden . Ich ließ mich daher zu einem Kompromiß herbei - mein archäologisches Gewissen hielt sich mäuschenstille , ach , selbst das Gewissen wird weit und galant einem solchen herzigen Geschöpf gegenüber ! - und bemerkte : Sagen wir lieber die sogenannte » gute Stube « auf Berlinisch , denn das Wohn- oder Familienzimmer lag bei den Pompejanern ganz im Hintergrunde des Peristyls und hieß Ökus