daß ich bei dir bleibe . Du darfst nachts mit deinen Schmerzen nicht allein sein . Ich stopfe dir immer frische Pfeifen , lese vor und erzähle , bis dir der Schlaf kommt . « » Das wolltest du , kleine Maus ? « rief er erfreut . » Ach ja , mir wär ' s schon recht ! Aber morgen ist ja Testamentseröffnung , da darfst du nicht fehlen . « » Ich werde den Onkel bitten , mir den Schlitten herauszuschicken - « » Und der fürsorgliche Onkel wird pünktlich Sorge tragen , « sagte der Landrat mit einer ironisch tiefen Verbeugung . » Abgemacht ! « rief der Amtsrat . » Aber , Franziska , du retirierst ja in halbem Sturmschritt nach der Thüre ! - Na ja , du wirst für die da drüben « - er hob die Hand in der Richtung des Prinzenhofes - » deinen besten Staat angezogen haben , und der wird hier eingeräuchert . Ich hab ' s freilich ein bißchen schlimm gemacht mit dem Qualmen und Dampfen . « » Und mit was für einer Sorte ! « warf sie malitiös und naserümpfend ein und schüttelte an ihrer Seidenschleppe . » Nun , nun , ich bitte mir ' s aus ! Es ist ein feines Kraut , ein kräftiges Kraut ! Davon verstehst du aber so wenig , wie ich von deinem Pekkothee , Fränzchen ... Aber geniere dich nur nicht ! Es prickelt dir in deinen kleinen Pedalen , so schnell wie möglich in die frische Luft zu kommen . Du hast mehr als deine Schuldigkeit gethan , hast dich in meine verräucherte Spelunke gewagt - wer mir das vor einer halben Stunde gesagt hätte ! ... Drum gib deiner kleinen Mama den Arm , Herbert , und bringe sie schleunigst und fein säuberlich in den Schlitten zurück . « Er öffnete galant die Thüre , und die alte Dame schlüpfte an ihm vorüber , beide Hände im Muff vergraben , und war gleich darauf im Dunkel jenseits der Hausthüre verschwunden . In diesem Augenblick bückte sich Margarete und nahm die Kamelie vom Boden auf , die Herbert beim Lüften seines Pelzes unbewußt abgestreift hatte . Stumm reichte sie ihm die Blume hin . » Ah , beinahe wäre sie zertreten worden ! « sagte er bedauerlich und hielt die Kamelie prüfend in den Lampenschein . » Das hätte mir sehr leid gethan ! Sie ist so schön , so frisch und strahlend wie die Geberin selbst - findest du das nicht auch , Margarete ? « Sie wandte sich schweigend weg , nach dem Fenster , an welches die Großmama draußen ungeduldig klopfte , und er schob die rote Blume , wie einst die weiße Rose , in seine Brusttasche und schüttelte seinem Vater zum Abschied die Hand - dann ging auch er . 21 Die Testamentseröffnung war vorüber und hatte so manchem der plötzlich entlassenen mißliebigen Fabrikarbeiter die bitterste Enttäuschung gebracht . Das Schriftstück war alten Datums gewesen . Wenige Jahre nach seiner Verheiratung war der Kommerzienrat mit dem Pferde gestürzt , die Aerzte hatten ihm und den Seinen nicht verhehlen können , daß Lebensgefahr vorhanden sei , und da hatte er eine letztwillige Verfügung getroffen . Dieses Dokument war sehr kurz und knapp abgefaßt gewesen , wie sich bei der heutigen Eröffnung herausgestellt . Die verstorbene Frau Fanny war zur Universalerbin ernannt ; auch war verfügt , daß das Geschäft verkauft werden solle , weil damals noch kein männlicher Erbe existiert hatte - Reinhold war erst ein Jahr später geboren . Dieser letzte Wille war mithin nicht mehr rechtskräftig , und die beiden einzigen Erben , Margarete und Reinhold , traten in ihre unverkürzten , natürlichen Rechte . Margarete war sofort nach dem Schluß des Eröffnungsaktes nach Dambach zurückgekehrt , » weil der Großpapa sie noch brauche « . Reinhold dagegen hatte sich auf seinen Schreibstuhl gesetzt , hatte die kalten Hände aneinander gerieben und dabei streng und finster wie immer die arbeitenden Kontoristen gemustert . Seine Miene war unverändert - was auch hätte das Testament bringen können , das ihm die bereits usurpierten Rechte auch nur um ein Titelchen zu kürzen vermochte ? ... Und die Leute schielten ängstlich mit gelindem Grauen nach dem unerbittlichen gespensterhaften Menschen , der den Platz des ehemaligen Chefs nunmehr vollberechtigt einnahm , und welchem sie auf Gnade und Ungnade für immer überantwortet waren . Es war in der vierten Nachmittagsstunde desselben Tages . Der Landrat war eben heimgekommen , und die Frau Amtsrätin stand im Vorsaal , mit einer Verkäuferin um eine Henne feilschend . Da kam der Maler Lenz herein . Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen trat er in einer Art von ängstlicher Hast auf die alte Dame zu ; sein sonst so friedensvolles , freundliches Gesicht war ungewöhnlich ernst und trug die Spuren innerer Erregung . Er fragte nach dem Landrat , und die Dame wies ihn kurz nach dessen Arbeitszimmer ; aber sie musterte ihn doch prüfenden Blickes , bis er nach einem bescheidenen Anklopfen im Zimmer ihres Sohnes verschwunden war . Der Mann war sichtlich verstört , irgend eine schwere Last lag auf seiner Seele . Sie fertigte die Handelsfrau schleunigst ab und ging in ihr Zimmer . Sie hörte den Mann drüben sprechen ; er sprach laut und ununterbrochen , und es klang , als erzähle er einen Vorgang ... Der alte Maler war für sie bis auf den heutigen Tag eine abstoßende Persönlichkeit verblieben ; sie konnte es ihm nicht vergessen , daß seine Tochter Blanka ihr einst schlaflose Nächte verursacht hatte ... Was mochte er wollen ? - Sollte der Landrat bei Reinhold ein gutes Wort einlegen , auf daß der Entlassene in Brot und Wohnung verbleiben dürfe ? Das durfte nun und nimmer geschehen ! - Die Frau Amtsrätin war eine äußerst feinfühlige , eine hochgebildete Dame , das war männiglich bekannt . Wer behauptet hätte , ihr kleines Ohr unter dem feinen Spitzenhäubchen komme zuzeiten in nahe