lebendige Leben der Gegenwart zu schreiben ? Mit der letzteren Bemerkung begann ich selbstverständlich am folgenden Morgen meinen Brief und schloß ihn mit einer ganz ähnlichen . » Ich reite wie gewöhnlich erst diesen Abend hinüber « , sagte der Vetter Just , dem ich die Lektüre gern gestattet hatte . » Offen gestanden , Fritz , ich glaube , einen expressen Boten brauchen wir nicht damit hinzuschicken . Recht hübsch , Fritze ! ... Und daß euch euer Abendspaziergang , ganz ohne daß ihr es merktet , dem Flusse zuführte und daß ihr erst auf den letzten Hügeln umdrehtet , nachdem ihr längere Zeit nach den Bergen gegenüber ausgeguckt hattet - ist auch - recht hübsch , Doktor . Wenn du meinst , daß die Sendung Zeit hat bis zum Abend , so kannst du dich darauf verlassen , daß ich deine Schilderungen dem armen Teufel drüben getreulich überliefern werde . Übrigens - wenn ein Mensch auf eine prompte Korrespondenz gar keinen Anspruch hat , so ist das unser braver Freund Ewald auf Schloß Werden . Jetzt entschuldige mich freundlichst bis Mittag , Wir haben gerade heute einen ziemlich scharfen Arbeitstag vor uns . Bekümmere du dich um nichts als die Frau Irene und laß dir soviel als möglich von ihr Gesellschaft leisten . Über mittelalterliche Geschichten läßt sich wohl besser und leichter schreiben ; aber in dem lebendigen Leben der Gegenwart stecken wir eben drin und haben uns durchzufühlen . Ich drücke mich wohl schlecht aus ? ... Aber - nimm es mir nicht übel , ich spreche nur nach , was du geschrieben hast , und in deinem Briefe an Ewald steht wirklich wenig von dem , was wir augenblicklich an uns und in uns und in der allmächtigen Schicksalswelt um uns erfahren . Dein Brief ist sehr nett und sehr freundschaftlich und sehr ausführlich - du hast den gestrigen Tag gut geschildert , und daß er zwischen den Zeilen wird lesen können , das ist noch besser ; aber das beste und einfachste wäre meiner Meinung nach - sie ginge einfach zu ihm . « Das Wort kam wie etwas so Selbstverständliches heraus , so ruhig und sozusagen gemütlich , daß ich im Anfange glaubte , mich verhört zu haben : » Was sagtest du , Vetter ? « » Ich bin bei eurer ersten Unterhaltung gestern auf dem Feldwege nicht gegenwärtig gewesen ; aber das war auch gar nicht notwendig . Wenn einer weiß , wie dem anderen in seiner Verwirrung zumute ist , dann weiß er auch , welche Worte er gebraucht , um sich Luft zu machen ; vorzüglich wenn er ihm ein jedes an den rotgeweinten Augen absieht . Bei einem lachenden Gesicht ist es freilich schon schwieriger , und daß ein Menschenelend wahr ist , erkennst du viel leichter , als wie ob ein Glück und Jubel dir nur als Komödie aufgeführt werde . Lache nicht über den Bauer vom Steinhofe , der ein Gelehrter werden wollte und es wirklich einmal für eine Zeit zum Schulmeister gebracht hat . An sich selber muß der Mensch in Erfahrung bringen , wie es dem anderen zumute ist , und in dieser Hinsicht glaube ich das Meinige gelernt zu haben . « Es war nicht das erstemal , daß der Mann es sich ausbat , daß man nicht über ihn lache . Es lohnte sich also nicht der Mühe , ihm noch einmal hierauf die gehörige Antwort zu geben . Wir saßen in seiner Giebelstube am Tisch ; die Wände und die schräge Decke waren dieselben geblieben . Ich war wieder ein Knabe , ein Kind ; im Grasgarten unter den Kirschbäumen trieben die anderen als Kinder ihr Spiel , und ihr helles Lachen und Jauchzen drang zu uns her ; und - es war geblieben , wie es schon damals war : nur der Vetter Just achtete darauf in sich selber nach der richtigen Weise , wie ihm und der Welt ums Herz war . » Verlaß dich drauf , Fritz , sie will zu ihm , und weil sie Angst hat , daß es zu spät sei , schiebt sie die Schuld auf die Ruinen , die zwischen ihm und ihr liegen . Auf das alte brave Nest , Schloß Werden , gebe ich dabei gar nichts ; aber ihr kommt es zupaß . Sie möchte es in ihrer heutigen Ratlosigkeit um alles in der Welt nicht anders haben , als wie es jetzt daliegt . Das kommt ihr gerade recht ! Das ist der Nagel , an dem sie ihren Weiberstolz am bequemsten aufhängen kann , um ihn zu schonen ! Und Kinder sind sie alle beide , so weit sie in den Jahren vorangekommen sein mögen . Wie sie heute in sich hineingraben , ist ihnen keines der goldenen Schlösser , die sie ( und du auch , Fritz Langreuter ! ) in die berühmten italienischen Nußbüsche in Werden hingen , so lieb wie der Zorn und die verhaltene Reue von heute . Du willst wissen , was sie dir gestern gesagt hat ? ... Hat sie dir nicht in einem Atem von ihrem Alter , ihrer Armut und ihrem Stolze gesprochen ? Sie , welche die Jüngste von uns allen ist und soviel zu verschenken hat und alles so gern hergäbe , wenn nur das Schicksal sie wie ein verweintes Kind an der Hand nehmen und führen wollte . - Hat sie nicht gesagt , daß sie alles begreift und würdigt , was ihr Freund nur in dem Gedanken an sie erarbeitet und getan hat ? Daß sie mit klopfendem Herzen ihm dafür dankbar ist , hat sie wohl nicht gestanden - das umschreiben die Weiber immer am liebsten oder drücken es anders aus , zum Exempel durchs Gegenteil , und das letztere hat auch sie getan . Nämlich , daß sie um keinen Preis der Welt sich durch ihn demütigen lassen könne , hat sie gesagt . - Wenn es nicht schade wäre um jeden Tag , den