s nun doch anders . Er hatte bisher kaum darauf geachtet , wer die Straße gezogen kam , oder sich gar , wenn er von weitem einen Bekannten zu erkennen geglaubt , tiefer zurückgelehnt , um nicht erblickt zu werden - er wußte kaum selbst warum , es war eine ebenso instinktive Bewegung wie das Schließen der Lider , wenn ihn der Sonnenschein blendete . Nun aber sah er sich die Leute unbefangen an ; es waren freilich fast nur Bauern und ein näherer Bekannter ließ sich lange nicht blicken . Da endlich kam einer vorbei und es war sogar ein uralter Bekannter , der kleine Naphtali Ritterstolz , der einst sein erster Lehrer gewesen ; er war nun nicht Hofmeister mehr , sondern hielt selbst eine Schule ; das Antlitz sah noch immer aus , wie aus grauem Fließpapier geschnitten , aber an dem dürftigen Leib saß vorne ein ganz unmotiviertes Spitzbäuchlein und er trug die Nase hoch , wie es einem so frommen , vom Rabbi bevorzugten Schulmeister zustand . Napthali war ein eifervoller Mann ; der Genesende fühlte eine Röte in seine Wangen steigen und schloß die Augen . Aber wie ward ihm , als er die wohlbekannte Stimme hörte : » Gut Woch ' , Sender ! Wie geht ' s dir ? Wahrlich , du darfst das Gebet der Genesenden aus ganzem Herzen sprechen . « Und als Sender die Augen öffnete , sah er , wie ihm der Würdige noch freundlich zunickte : » Schon ' dich nur recht , daß du bald gesund wirst . « Er vermochte nichts zu erwidern , aber die Glut auf den Wangen brannte stärker . Wenn Naphtali so freundlich war , dann zürnte auch der Rabbi nicht zu sehr . Der Rabbi ! Er legte die Hand an die Stirne und sann . Nun empfand er dabei jenes Stechen in den Schläfen nicht mehr , aber er schüttelte doch den Gedanken ab . Später ! - Das hatte Zeit ! Aber ein anderes , woran ihn Naphtali erinnert , wollte er sofort verrichten - er hatte ja das » Gebet der Genesenden « noch nicht gesprochen . Er erhob sich , holte aus dem Netz über dem Bette sein Andachtsbuch hervor und schlug das Gebet auf . Zunächst las er die wenigen Zeilen nur mit den Augen und dann noch einmal flüsternd und endlich halblaut , mit zitternder Stimme , indes ihm die Tränen über die Wangen rannen : » Gelobt seist Du , der Du stützest die Wankenden und heilest die Siechen ! Tod und Leben kommen von Dir , im Tod ist Frieden , aber Gnade im Leben . Dank Dir , der mich in Gnaden erhalten . « Die Mutter erschrak , als sie ihn in Tränen fand , aber ihm mußte wohl zu Mute sein - wie ein Leuchten lag es über dem abgezehrten Antlitz . Sie tat keine Frage und setzte sich still mit ihrer Näharbeit in eine Ecke . Er blätterte in dem Büchlein , las da und dort , ließ es in den Schoß sinken und nahm es wieder auf . Dabei gewahrte er , was er bisher nie bemerkt , daß die beiden Blätter zwischen Deckel und Titelblatt zusammengeklebt waren . Der Klebstoff haftete nur am Rande , nachdem er diesen vorsichtig abgelöst , lag das bisher verborgene Blatt frei . Es wies drei Eintragungen in hebräischer Schrift und Sprache . Die Tinte war vergilbt , aber er konnte sie noch deutlich lesen . Da stand zunächst in großen , etwas unbeholfenen Schriftzügen geschrieben : » Dieses fein gedruckte und schön gebundene Buch habe ich , Sender , Sohn des Abraham , aus der Schar der Leviten , der ich ein Kaufmann bin in der Stadt der Verbannung , Kowno geheißen , am heutigen Tage gekauft für meinen geliebten , einzigen Sohn Mendele zu seinem sechsten Geburtstage . Gottes Gnade ist mit mir gewesen , möge sie verdoppelt über meinem Sohne walten . Am 5. des Monats Adar im Jahre 5561 nach Erschaffung der Welt . « 1 Darunter war in feinen , phantastisch verschnörkelten Zügen zu lesen : » Ich , Mendele , Sohn des Sender , aus der Schar der Leviten , der ich ein unsteter und habeloser Mann bin , schenke dies Buch jenem , der es nach meinem Tode an meiner Brust findet und mein sterblich Teil barmherzig der Erde zurückgibt nach der Väter Weise . Wer immer es sei , er ist ein Glücklicherer als ich . Gottes Gnade habe ich verwirkt , dir , Unbekannter , möge sie leuchten . Auf der Wanderschaft im Lande der Verbannung , Ungarn geheißen , am 8. des Monats Tischri , am Vortag des Versöhnungstages im Jahr 5590 nach der Erschaffung der Welt . « 2 Darunter aber hatte dieselbe Hand gesetzt : » Am 16. des Monats Ab im Jahre 5592.3 Den Verzweifelnden richtet Er auf und begnadigt den Verurteilten . Er hat mir ein Weib gegeben und seinen Schoß geöffnet . Dieses Büchlein soll meinem Kinde gehören - es ist das einzige , was ich ihm vermachen kann . Aber da ich nun weiß , wie gnädig der Herr ist , so weiß ich auch , daß dies Büchlein meinem Kinde zum Segen sein wird . « Der Jüngling las diese Zeilen einmal und dann wieder - es mochte in seiner Stimmung liegen , daß sie ihn tief ergriffen . » Mutter « , fragte er , » wie hat der Verwandte , dem dies Büchlein früher gehört hat , geheißen ? « » Warum fragst du ? « erwiderte sie unbefangen , da sie seine Entdeckung nicht ahnte , ohne von ihrer Arbeit aufzublicken . » Am Ende war ' s dieser Mendele selbst « , sagte er . » Du hast wohl auch das zusammengeklebte Blatt nie beachtet . Sieh her , was da geschrieben steht . « Ihr gerann das Blut zu Eis . Ihr Blick drohte sich zu verdunkeln . Sie