Herz , noch für mich selbst . Ersiehst du aber aus dieser Zumutung , wie unverständlich die Mutter und ich uns gegenseitig sind ? « » Aus dieser Zumutung , Liebster , ersehe ich es nicht . Mir scheint , deine Mutter hat recht . « » Hinsichtlich der Erbschaft meinst du ? « » Auch hinsichtlich ihrer . « » Mehlbornsche Verbissenheit , Kind ! Alle Plebejer mißtrauen dem Adel . Tante Thusnelda setzte ihren Stolz darein , frei von Vorurteil zu sein ; Geld und Gut dagegen wußte sie zu schätzen . Abstrahiert von persönlichen Sympathien und Antipathien , würde schon der Reiz , sich das zersplitterte Werbensche Besitztum einstmals in einer Hand vereinigt und durch einen bedeutenden Landkomplex erweitert zu denken , sie bewogen haben , das Stammgut auf mich zu übertragen . Meine kleine Sidi hat sich die Erbschaft freilich in den Kopf gesetzt , und ich lasse sie gern in ihrem Wahn , da im wesentlichen nichts an der Sache geändert wird . Bruder und Schwester wirtschaften aus einer Tasche . Du aber , Lydia , wirst mir beipflichten , daß die schönheitssüchtige Harfenkönigin nimmermehr ein verunstaltetes , zum Einzelnleben verurteiltes Geschöpf wie meine arme Schwester zur Repräsentantin ihres Geschlechtes erwählen konnte . « » Ich habe kein Urteil über die Sinnesart unserer Tante , « versetzte Lydia , » und ich sehe mit Schmerz diesen Wirbeltanz um ein goldenes Kalb . Ach , glücklich die Armen , lieber Max , deren Andenken nicht über ihrer Hinterlassenschaft verloren geht ! Ist es denn aber nicht unter allen Umständen ein Frevel , über sein eigenstes Schicksal einen bloßen Zufall entscheiden zu lassen ? « » Kleiner Lutherscher Starrkopf ! Entscheidet über unser ganzes Leben denn nicht das , was du , höchst unfromm , Zufall nennst , und ich , der Unfromme , Himmelsgunst ? Nur der Krämer baut nach Ameisenart ; jeder sich fühlende Mensch rechnet auf seinen Stern . « » Nicht der Christ , « entgegnete Lydia leise . Ihr Verlobter maß sie mit einem unmutigen Blick . Das » Heilige ihrer Schönheit « , wie er es nannte , hatte ihn angezogen ; diese » Betschwesterphrase « stieß ihn ab , weit mehr als die » Schulweisheit « der Mutter ihn abgestoßen hatte . Beide schwiegen . Lydia fühlte , daß heute nichts mehr von ihm zu erreichen sein würde ; sie setzte sich in einen Fensterbogen und blickte hinauf zu dem grauen Wolkenhimmel . Sie rang mit ihrem Nebel . Max wäre , seine Verstimmung abzuschütteln , gern in das Freie hinausgestürmt ; aber das Gewitter hatte sich in einen Landregen verzogen , es mußte im Hause stillgehalten werden . Bruder Martin , unter dem Vorwand , Sidonien den Brief ihrer Mutter zu bringen , hatte Eile gehabt , sich der lustigen Jugend in der Pfarre zuzugesellen , der Propst , ruhebedürftig , sich zurückgezogen . Philipp studierte mit seinem Lehrer in dessen Zimmer ; seine Mutter blickte kaum von ihrer feinen Handarbeit auf . Die Bescheidenheit der Unterhaltungsansprüche , welche diese friedliche Seele an sich selbst wie an andere stellte , hatte Max schon wiederholt in Staunen versetzt , heute versetzte sie ihn nahezu in Zorn . Er hätte etwas Zerstreuendes lesen mögen : aber auf dem Schlosse gab es nur vertiefende Lektüre ; eine bewegte Weise singen : aber an der Orgel , oder dem Klapperkasten ? Er schritt mit unmutiger Hast das Zimmer auf und ab ; seine Blicke streiften die stillsinnende Geliebte . Die Vorstellung , daß sie ihre Jugend hingebracht habe und , ohne sein Dazwischentreten , auch ferner hingebracht haben würde , ohne die Einödigkeit ihres Daseins nur innezuwerden , rührte ihn halb , und halb erbitterte sie ihn . So leben Nixen , nicht warmblütige Menschen ! Ihn würde die Notwendigkeit , mehr als einen Regenabend in dieser Wohnstubenatmosphäre zu verbringen , schlechthin toll gemacht haben . Seine Tage waren bisher in so frohem Wechsel verrauscht , und er hatte so wenig auf fremde Existenzen geachtet , daß solch verdrießliche Stimmung ihm eine neue Erfahrung war . Sie hätte , ließe sich meinen , just die geeignete sein müssen zu einem fesselnsprengenden Sang : einem Sturmlied oder einer weltschmerzlichen Elegie . Da sie indessen den Rhythmus in seiner Brust , statt ihn zu lösen , dämmte , da in ihm und außer ihm alles , was Klang hieß , schwieg , mußte Bruder Martin wie ein rettender Genius begrüßt werden , als er , abgesendet von der gesamten jungen und alten Gesellschaft , erschien , das Brautpaar zur Verherrlichung eines musikalischen Abends in die Pfarre einzuladen . Lydia hätte wohl vorgezogen , in stillem Alleinsein sich durch den Nebel zu kämpfen ; doch legte sie ohne Einwand ihren Arm in den des Geliebten , und sie gingen . Wer Max von Hartenstein , dem umhuldigten Dichter und verhätschelten Liebling der distinguiertesten großstädtischen Kreise , noch vor zwei Wochen gesagt hätte , daß er als Matador im Werbenschen Pfarrhause glänzen , - oder am Ende nicht einmal glänzen werde ! Er lachte spöttisch über sich selbst und hätte der Liebe zürnen mögen , welche den besten Mann in so läppische Netze verstrickt . Daß einer von seiner Zunft , welchen das Vaterland zurzeit noch seinen größten nannte , es einstmals nicht unter seiner Würde gehalten hatte , das holdeste deutsche Idyll in einem ländlichen Pfarrhause nicht etwa zu dichten , sondern zu durchleben , fiel ihm zur Versöhnung mit sich selbst wohl ein , war aber doch nur ein halber Trost ; denn der alte Dichter hegte bloß ein Liebchen , dem er am ersten langweiligen Tage entfliehen durfte , und den jungen Dichter fesselte eine verlobte Braut . Gottlob , daß dieser bräutliche Zwitterzustand zu Ende lief , und daß er bald ein geliebtes Weib , eine Galathea , die unter seinen Küssen zum Leben erwachen würde , in seine wahre Heimat führen durfte ! Sidonie hatte eben eine Mazurka von Chopin , ihrem