schlummerlose Nächte an einem Siechenbett , Scham über die erlahmende Kraft , demütigendes Hoffen auf fremde Hilfe , Zweifel , und wie sie ferner noch heißen mögen , die marksaugenden , kleinen - großen Erdenherren - , sie stiegen an meinem Horizonte auf . Flüchtig allerdings , nicht zu einem erschöpfenden Ringkampfe der Kräfte , vielleicht nur darum , daß ich sie kennen lerne , von Angesicht zu Angesicht kennen und anderer Notwehr würdigen lerne , sobald ich eines Tages stärker als viele gegen sie gerüstet sein würde . Ich lernte sie kennen ; aber die Lehre habe ich bis nahe an das Greisenalter nicht beherzigt . Das hilflose Hinsiechen meiner armen Mutter konnte sich jahrelang fristen : Unsere kleinen Ersparnisse reichten aber kaum auf Monate aus . Der bescheidene Gnadengehalt der Witwe , wenn er in diesen Zeiten überhaupt gewährt werden konnte , würde unsere mäßigsten Bedürfnisse nicht gedeckt , Arbeit von meiner ungeübten Hand schwerlich einen Abnehmer gefunden haben . Die Kranke hätte , nach des Arztes Ausspruch , ohne Gefahr nach Reckenburg übersiedelt werden dürfen ; aber nicht einmal einer Antwort würdigte uns die Gräfin auf meine Anzeige des erlittenen Verlustes , auf des Propstes wiederholte Darstellung unserer Lage . Mit Recht hob dieser fürsorgliche Freund hervor , daß auch alle Aussichten für die Zukunft mir entschlüpfen würden , wenn ein anderer den von mir verlassenen Verwaltungsposten einnehmen und sich geschickt auf demselben behaupten sollte , und wieviel bedeutender , wieviel mächtiger lockend , als ich mir bis dahin eingestanden hatte , stellten diese Aussichten sich jetzt mir dar . Alles in allem : ich sah keine Flucht aus meiner Bedrängnis , und das Pförtchen , das sich mir endlich erschloß , das Pförtchen , welches heute , von dem Immergrün der Treue bekränzt , leuchtender vor der Erinnerung steht , als das Portal zu dem Goldturme der Reckenburg : damals war es eng und drückend für den stolz gewöhnten Sinn . Das Asyl , welches die reiche Verwandtin in ihrem leerstehenden Palaste verweigerte , die arme Dienerin eröffnete es in ihrer dürftigen Hütte . Muhme Justine erbot sich , ihre einstige Herrin aufzunehmen und zu verpflegen , während die Tochter in das Amt zurücktrat , das ihrer Gegenwart so dringend bedurfte . Die treue Seele drängte flehentlich zu schleunigem Aufbruch , sie schilderte ihren kleinen Notpfennig als eine unerschöpfliche Hilfsquelle . Und ich zögerte nicht , die dargereichte Hand zu ergreifen . In Eile wurde der Umzug eingeleitet . Die Übersiedelung der Kranken sollte noch vor dem Christfeste stattfinden . Gott aber hatte es gnädiger beschlossen . Er ersparte mir die Scham , meine Mutter von fremder Hand gepflegt zu sehen , und er gönnte ihr eine Ruhestatt an der Seite des Mannes , den sie so lange und so beglückend geliebt hatte . Wenige Morgen vor dem zur Reise bestimmten fand ich sie sanft hinübergeschlummert , und so schloß mein heimatliches Leben mit einem zweiten Grabgeleit . Aber nicht mit dem letzten dieses großen Zerstörungsjahres . Als ich früh am Weihnachtstage auf Reckenburg eintraf , lag die Gräfin in hoffnungsloser Qual . Sie zerriß sich Gewand und Haar , krallte sich mit Todesangst an den Leib der Wärterinnen , schrie um Hilfe , um Luft und Licht . Ich öffnete die Fenster . Ein klares Sonnengold strahlte von der weißen Winterdecke zurück , ein erfrischender Strom drang in das lange verhüllte , luftlose Gewölbe ; die Christglocken läuteten auf dem Turme , der unversehrt das geborstene Gotteshaus überragte . Der Kampf der Greisin beschwichtigte sich , ihr Atem wurde ruhig und frei . Hell und scharf wie allezeit richtete sie den Blick - aber nicht auf die Geldtruhe neben ihrem Stuhl , sie richtete ihn auf mich , reckte die Hand nach mir zu einem kräftigen Druck und rief mit fast jugendlichem Klang : » In Recht und Ehren ! « Es war ihr Sterbewort , und ich hatte seinen Sinn verstanden . In der letzten Stunde des Jahres 1806 senkten wir die sagenhafte Greisin zur Ruhe , und das Regiment der letzten Reckenburgerin begann . Elftes Kapitel Die neue Herrschaft Wandelt durch Reckenburg , wenn Ihr in der Chronik meiner nächsten zwanzig Jahre blättern wollt . Jahre , in denen das , was hinter ihnen lag , unmerklich in nebelhafte Erinnerung verschwamm , und mit deren Beginn ich mich gewöhnte , die Geschichte meines eigenen Lebens zu datieren . Es war eine Zeit lediglich der Arbeit , aber einer Arbeit , die alle Bedingungen des Gelingens und darum der Befriedigung in sich trug . Denn zu einem langgehegten , der natürlichen Neigung entsprungenen Plane gesellte sich ein beharrlicher Wille und das Gebot über die durchführenden Mittel . Die Reichtümer meiner Erblasserin waren nicht unermeßlich , wie sie die Volksfabel sich ausgemalt hat ; sie hatten seit Jahren nahezu als totes Kapital gelegen . Aber sie waren für einen bedeutenden Zweck mehr als ausreichend , wenn die Persönlichkeit in Betracht gezogen wird , die unumschränkt mit ihnen schalten und walten durfte . Das Eigentum an sich hatte wenig Reiz oder Wert für mich , denn wenn just auch Eicheltrank und Grützbrei meiner Vorgängerin mir weder genutzt noch geschmeckt haben würde , so war mir nach Anlage und Erziehung Einfachheit doch ein Bedürfnis , weit mehr als ein Gebot . Meine Werkstatt war meine Flur , und der bisher innegehaltene Erkerbau , ein klein wenig wohnlicher eingerichtet und ausstaffiert mit dem altheimischen Gerät , bot hinlänglich Gelaß für die Stunden der Ruhe . Ich hegte keine ästhetischen Liebhabereien , keine geselligen Neigungen , welche das Zeitwesen mir ohnehin verleidet haben würde ; ich war ohne beanspruchenden Familienzusammenhang , und frei von jener gemütlichen Liberalität , die , weil sie nicht » nein « zu sagen vermag , die reichsten Mittel der Kreuz und Quer zersplittert . Summa Summarum : Natur und Schicksal hatten mir die Beschränkung leicht gemacht , welche jedes bildende Streben heischt . Was aber solchem Streben erst die Befugnis gibt : Ort und