, daß nicht etwa das alles nur ein Traum sei . Aber nein , sie war hellwach und zählte fünf Glockenschläge der alten Uhr , die ihr schon so viele glückliche Stunden zählte . Und heute konnte der bekannte Klang sie erschrecken , als ob nun die letzte derselben geschlagen hätte ! Unmöglich war es allerdings nicht , daß ihr der Dienst vom Beichtvater ausgeredet wurde . Ängstlich blickte sie eine Weile in ihrem kleinen Zimmerchen herum ; ob sie wohl noch manches Mal hier schlief ? Die ernsten Heiligenbilder an der Wand gegenüber dem hohen Bette neben dem bunt bemalten Kasten schienen die Häupter zu schütteln , alles im Zimmer begann sich zu regen und tausend liebe Erinnerungen in ihr zu wecken . Sie konnte das Licht nicht mehr löschen , konnte nicht auf einmal , vielleicht für immer , den lieben kleinen Raum verschwinden lassen , um dann im Dunkel herumzutappen . Mit zitternder Hand erfaßte sie den Leuchter und trug ihn mit bis in den Schopf vor der Haustüre , wo ein leichter Windstoß das kleine Flämmchen sogleich verblies . Dennoch war es ihr hell genug von dem Leuchten und Glühen daroben über dem Üntscherspitz , der sich mit seiner Schneekappe immer tiefer in die Flammentore des Tages steckte und kleiner und kleiner zu werden schien . Noch einmal , beim Knarren der langsam hinter ihr ins Schloß fallenden schweren Haustüre , ging Dorotheen ein Stich ins Herz . Nun war sie herausgesperrt , und ein Fremder , der strenge Geistliche , kam zwischen sie und die guten Leute , welche sie eben verließ . Aber nun trat sie ins Freie ; ein frischer Wind wehte sie an und schien ihr Kraft und Mut einzuhauchen . Wie das schwache , erloschene Lichtlein drin gegenüber dem Lichtmeer , in welches die Berge sich tiefer und tiefer eintauchten , kamen auch ihre Sorgen und Wünsche hier im Freien ihr recht klein und unbedeutend vor . Wie froh sangen die Vögel von den herbstlich gelben Buchenwäldern dem schönen Morgen entgegen , ohne sich viel um das Nahen des Winters zu kümmern , der schon von den Bergen ins Tal herunterblickte . Sollte sie , für die die Vorsehung schon so väterlich sorgte , da sie selbst noch unerfahren und schwach war , denn weniger auf den Schöpfer trauen als diese Tiere ? » Weg mit aller Kleinlichkeit und mit allem , was nur belastet und niederdrückt « , rief sie , und ihr Schritt ward immer schneller . » Komm , Heiliger Geist « , betete sie , sich zur Gewissenserforschung vorbereitend , » erleuchte meinen Verstand , bewege meinen Willen , daß ich meine Sünden recht und vollständig beichten möge ! - Die Sorge um seine und die Zukunft der Eigenen ist nur Mißtrauen gegen Gott und sich selbst . Weg damit und mit allem Hochmut , aller Selbstsucht und allem , was Zeitliches wie eine Last sich ans Herz hängen will ! « Voll Mut ging das Mädchen in die schwach erhellte Kirche und schritt vorwärts bis zu dem langen Stuhl neben dem Hochaltar , wo bereits zwei Beichtkinder auf die Ankunft des Geistlichen warteten . Hier begann sie ihre Selbstanklage zu ordnen , bis endlich , ganz weiß gekleidet , der Kaplan erschien und sich nach einem kurzen Gebete vor dem sonntäglich geschmückten Hochaltar in den Beichtstuhl einschloß . Dorothee hätte sich eigentlich den Pfarrer gewünscht . Noch heute ward ihr etwas bang , wenn sie an den großen Mann mit dem blassen , kalten Gesichte dachte . Jetzt aber sah sie im Beichtvater nicht mehr den oder jenen , sondern nur noch den Stellvertreter Gottes , und sie hätte gleich die erste vor dem Beichtstuhlgitter sein mögen , um von ihrer Last so schnell als möglich befreit zu werden . Dann aber fiel ihr wieder ein , daß sie ja noch immer nicht eins sei , wie und über was sie sich anzuklagen habe . Wieder sann sie und betete und kam nicht vorwärts , bis die erste und dann auch die zweite der vor ihr Knienden das Gitter verließ . Noch war sie nicht fertig , als ihr schon der Priester lateinisch den Segen erteilte . Sie kniete vor dem Gitter nieder , bezeichnete sich mit dem Kreuze und begann dann mit bebender Stimme , selbst dem Geistlichen kaum hörbar : » Ich hab ' vor zwei Monaten das letztemal gebeichtet . Seitdem aber bin ich durch eine Predigt und durch anderes auf den Gedanken gekommen , es sei vielleicht nicht alles recht und wie es vor Gott sein sollte zwischen mir und meinem Dienstherrn . Ich weiß mir nichts vorzuwerfen , aber die Sache drückt mich , und da hätt ' ich denn mehr um Rat fragen wollen , ob - « » Du möchtest ihn wohl gern heiraten ? « fragte der Kaplan , der , das Mädchen schon beim ersten Wort erkennend , sich nun sogleich an das Gerede der Ordensschwestern erinnern mochte . » Ebenda wird es wohl stecken « , antwortete das Mädchen . » Er gilt viel bei mir , durch ein Feuer tat ich für ihn gehen , und doch ist etwas unrecht , und ich weiß gar nicht , was . « » Ja , ja , durch ein Feuer « , sagte der Kaplan und begann das Mädchen in eine Menge von Kreuz- und Querfragen zu verwickeln , die es größtenteils nicht einmal verstand . Es konnte fast immer ruhigen Gewissens mit Nein antworten , und doch wurde ihm heiß und kalt , als es sagen mußte , ob sie sich nie geküßt hätten , ob sie auch jeden Abend gehörig die Kammer schließe , und ähnliches , was nach Dorotheens Gefühl weder in den Beichtstuhl noch sonst wohin gehört hätte . Etwas nachdenklich wurde sie auf die Frage , wie ihr denn sei , wenn seine Hand unversehens oder absichtlich die ihrige berühre . Sie fühlte ein eigenes Zucken im rechten Fuß , der so