hat noch eine ganz andere Kehrseite , als der ehrliche Schuster meinte ! ... » Die Hirschsprungs waren gut papistisch geblieben , als auch das ganze Land ringsum abfiel und sich zu der neuen lutherischen Lehre bekehrte . Sie lebten von da an streng zurückgezogen um ihres Glaubens willen , aber dem alten Adrian von Hirschsprung genügte das nicht , denn er war ein wilder Fanatiker , der lieber Haus und Hof und die alte Thüringer Heimat verlassen , als unter Ketzern leben wollte . Er hatte sein Besitztum , bis auf das Haus am Markt , um bare sechzigtausend Thaler in Gold verkauft , und seine zwei Söhne ritten eines Tages davon , um in gut katholischen Landen eine neue Heimat zu suchen ... Da geschah es , daß der Schwedenkönig , Gustav Adolph , mit einundzwanzigtausend Mann Kriegsvolk durch das Thüringer Land zog . Er rastete auch einen Tag in dem kleinen Städchen X. - das war am 22. Oktober 1632 - und seine Leute besetzten die Häuser . Auch das Ritterhaus am Marktplatz steckte voll schwedischer Reiter , und das mußte den alten Adrian mit Wut und Ingrimm erfüllt haben . Es kam zu einem heftigen Wortwechsel zwischen ihm und den Soldaten , die halbtrunken im Hofe Wein zechten , und da geschah das Schreckliche - ein Kriegsknecht stieß dem alten , finsteren Eiferer das Schwert mitten durch die Brust ; er stürzte mit ausgebreiteten Armen rücklings auf das Steinpflaster und verschied , ohne einen Laut , auf der Stelle . Die wütenden Schweden aber zerschlugen und zertrümmerten alles im Hause , was nicht niet- und nagelfest war , und als die Söhne zurückkamen , da lag der alte Adrian längst unter den Steinfliesen der Liebfrauenkirche , und sie suchten vergebens nach ihrem Erbe . Die sechzigtausend baren Thaler hatten die Schweden fortgeschleppt , Kisten und Kästen standen leer , ihr Inhalt lag zerfetzt und zerstampft am Boden , und die Familienpapiere waren in alle Winde zerstreut , nicht ein Blättchen ließ sich mehr auffinden ... So erzählte Dein Vater , Joseph ! Darauf kam das Haus um einen armseligen Preis in die Hände des Bürgers Hellwig . Die zwei Söhne des Adrian teilten den Erlös ; Lutz , der Aeltere , zog von dannen , und es hat nie wieder etwas von ihm verlautet , die andere Linie aber hing das Ritterschwert an den Nagel , und die Nachkommen derer , die gegen die Saracenen gekämpft , die einst wohlgelitten waren an Kaiserhöfen um ihrer Tapferkeit und adligen Sitten willen , sie griffen zu Hobel und Pfrieme . » Du aber nicht , Joseph ! Wie die prächtigen Locken über Deiner Stirn sich eigenwillig ringelten und aufbäumten , so schweifte Dein Geist weit ab von der engen Lebensbahn Deiner letzten Vorfahren ; Du gingst Deinen eigenen Weg , ob Du auch wußtest , daß er dornenvoll und steinig war , daß Mangel und Entbehrung an Deiner Seite schreiten mußten ; Du sahst nur das Ziel , das hohe , leuchtende Ziel , und so viel Heldenmut endete schmählich in einer Dachkammer ! Der Geist entfloh , weil der Körper hungerte ! ... Allmächtiger , eine Deiner herrlichsten Schöpfungen ging unter aus Mangel an Brot ! » Wer hätte an dies spurlose Verlöschen Deines Daseins gedacht , wenn Du mit überzeugender Gewalt Deine neuen , kühnen , ursprünglichen Ideen entwickeltest ? Oder wenn Du am Klavier saßest und die wundervollen Harmonien unter Deinen Fingern emporquollen ? ... Es war ein armes , kleines Spinett , das in einer dunklen Ecke Deiner elterlichen Stube stand ; seine Töne klangen stumpf und rauh , aber Dein Genius beseelte sie , sie erbrausten in Sturm und Gewitter und malten den lachenden Himmel über einer strahlenden Welt ... Weißt Du noch , wie Dein guter Vater Dich belohnte , wenn er zufrieden mit Dir war ? Da schloß er mit feierlicher Gebärde eine kleine , uralte Spinde auf und legte Dir ein Notenheft auf das Pult - es war die Operette von Johann Sebastian Bach ; sein Großvater hatte sie von dem Komponisten selbst erhalten und sie wurde wie ein Heiligtum in der Familie aufbewahrt ... Sie fanden nicht einen Pfennig Geldes , nicht einen Bissen Brot bei Dir , als Du heimgegangen warest , aber das Bachsche Opernmanuskript , dessen materiellen Wert Du wohl kanntest , lag unangerührt , unter meiner Adresse , auf dem Tisch . » Da drüben auf der Seite , genau auf der Stelle , wo ich jetzt schreibe , da steht : Meine süße , goldlockige Cordula kam herüber im weißen Kleide , das war an meinem Konfirmationstag , Joseph ! Meine strenge Mutter hatte mir gesagt , es geschehe zum letztenmal , von nun an sei ich die erwachsene Tochter des Kauf-und Handelsherrn und mein Verkehr mit der Schusterfamilie schicke sich nicht mehr ... Deine Eltern waren nicht in der Stube und ich teilte Dir das Verbot mit ... Wie wurde Dein Gesicht bleich unter den kohlschwarzen Locken ! Nun , so gehe doch ! sagtest Du trotzig und stampftest mit dem Fuße auf , aber Deine Stimme brach und in den zornigen Augen funkelten Thränen . Ich ging nicht ; unsere zitternden Hände schlangen sich plötzlich wie unbewußt und unauflöslich ineinander , das war der Uranfang unserer seligen Liebe ! » Ich sollte das je vergessen haben und , nachdem ich jahrelang meinen zürnenden und bittenden Eltern widerstanden , plötzlich aus eigenem Antriebe meineidig geworden sein ? Sie schalten Dich einen Hungerleider , einen mißachteten Schustersohn , der brotlose Künste treibe ; sie drohten mit Fluch und Enterbung - ich blieb standhaft , wie leicht war das damals , Du standest ja neben mir ! Aber als Deine Eltern starben und Du fortgingst nach Leipzig , da kam eine furchtbare Zeit ! ... Da erschien eines Tages eine hohe , schlanke Männergestalt im Hause meines Vaters , und auf dieser Gestalt saß ein Kopf mit fahlen Wangen , an denen dürftiges dunkles Haar