Hauptgebäude fehlte ja zum Teil das Dach . Man sah , auf dem Erker stehend , nach allen Richtungen hin durch ein Wirrsal offener Zimmer , halb eingestürzter Gänge und durch breite Spalten im Fußboden hinunter in die Schloßkapelle . Der Erker selbst sah ebenfalls in seinem Innern nicht halb so unheimlich aus , wie von draußen gesehen ; der blaue Himmel lugte allerorten herein , und die frische Luft fegte hindurch , soviel sie Lust hatte ... Und nun erschien plötzlich da unten ein Raum , umschlossen von scheinbar festen Wänden und geschützt durch einen ziemlich gut erhaltenen Plafond . Soviel man von oben herab beurteilen konnte , schob sich das Zimmer wie ein Keil zwischen die Kapelle und den Raum , der hinter dem Erker lag . Jedenfalls mußte sich an der äußersten Spitze , welche die Wände bildeten , und die in die Ecke des Erkers und des Hauptgebäudes mündete , ein Fenster befinden , denn von dorther fielen schwache Lichtreflexe durch gefärbtes Glas herein und huschten über den Gegenstand , den man nur zum Teile sah , und den der Maurer für einen Sarg erklärt hatte . Es wurde sofort eine Leiter von beträchtlicher Länge hinabgelassen , da das Zimmer eine bedeutende Höhe hatte , und in lebhafter Spannung stieg einer nach dem anderen hinunter . Man hatte beim Herniedersteigen in nächster Nähe ein durch das Alter beinahe schwarzbraun gewordenes Wandgetäfel vor sich . Das Auge erschrak fast vor den wunderlichen Schnörkeleien , die hier aus der Hand des Holzschnitzers hervorgegangen waren . An der Decke hin lief eine schmale kunstvolle Holzleiste von viel späterem Datum , an der lange schwarze Tuchfetzen herabhingen ; die andere Hälfte der Trauerbekleidung lag unten auf dem Boden , ein modernder , gestaltloser Klumpen . Ohne Zweifel hatte der Raum vom Anbeginne den Zweck der Verborgenheit gehabt , denn es war auf seine Form nicht die mindeste Rücksicht genommen worden . Ein unregelmäßiges Dreieck , in dessen eine etwas abgestumpfte Spitze in der That das vermutete , sehr schmale Fenster eingefügt war , schmiegte er sich so eng an die Kapelle , daß Reinhards Vermutung , man habe hier in alten , katholischen Zeiten die Kirchenkostbarkeiten verwahrt , sehr viel Wahrscheinlichkeit erhielt , um so mehr , als fünf bis sechs ausgetretene Steinstufen zu einer von innen vermauerten Thür in der Kapellenwand hinabführten . Das Fenster lag hinter der Steineiche , die ihre dicken Aeste gerade hier fest andrückte ; auch einige Epheuranken woben ein zartes Gespinst über die Scheiben ; trotzdem stahl sich die Sonne durch die zierlichen , farbenprächtigen Glasrosetten , welche auch nicht eine Spur von Zerstörung an sich trugen . Es war in der That ein Sarg , ein kleiner , schmaler Zinnsarg , der , hell von der schwarzen Samtdecke des Postaments sich abhebend , einsam und vergessen inmitten der drei Wände stand . Zu seinen Häupten erhob sich ein mächtiger Kandelaber , auf dessen Armen noch Reste von dicken Wachskerzen sichtbar waren ; ihm zu Füßen aber stand ein Schemel , eine Mandoline lag darauf , die Saiten hingen zerrissen herab . Es war schon ein altes Instrument zu Lebzeiten des letzten Besitzers gewesen , denn das schwarze Griffbrett zeigte viele helle , abgegriffene Stellen , und der Resonanzboden war da leicht eingebogen , wo der Spielende den kleinen Finger aufzusetzen pflegt . Die letzten Atome verdorrter Blumenspenden flogen bei Annäherung der Herabsteigenden vom Sarge nieder , auf dessen Deckel in vergoldeten Lettern der Name Lila stand . An der tiefen Wand , zugleich auch der breitesten des Raumes , war ein großer dunkler Schrank aus Eichenholz angebracht - zur Aufbewahrung der Meßornate bestimmt , meinte Reinhard im ersten Augenblicke . Er schlug die beiden nur angelehnten Thüren zurück ; infolge dieser Erschütterung rauschte und rieselte es drinnen , und kleine Staubwolken flogen aus den Falten einer Menge hier aufgehangener Frauengewänder ... Es war das aber eine merkwürdig phantastische Garderobe ; bunt und von fast leichtfertig kokettem Schnitte , kontrastierten diese Maskeradeanzüge seltsam mit der Feierlichkeit und dem Ernste ihrer Umgebung . Es mußte ein kleines , außerordentlich zartes Geschöpfchen gewesen sein , das diese Gewänder getragen hatte , denn die seidenen , meist mit einer reichen Goldstickerei bordierten Röckchen waren kurz wie ein Kinderkleid , und die Form der Mieder von purpurnem oder veilchenblauem Samt mit den seidenen Bandschleifen und dem Latze von goldenem Zindel ließen auf eine bewundernswürdig biegsame , feine Mädchentaille schließen ... Viele , viele Jahre mochten hier vorübergeglitten sein , ohne daß ein menschlicher Atemzug in dieser Abgeschiedenheit hörbar geworden war , eine lebenswarme Hand die hier eingeschlossenen Gegenstände berührt hatte . Die Haken im Schranke hatten allmählich die mürbe gewordenen Stoffe durchbohrt , und die Fäden , die einst Perlen und Goldflitter auf den seidenen Boden festgehalten hatten , hingen lose und zerrissen herab . An eine der Seitenwände lehnte sich ein kleiner Tisch mit einer Marmorplatte . Er schien sich kaum noch auf den alterschwach gewordenen Füßen halten zu können und brachte durch seine schiefe Haltung einen auf seiner Platte stehenden Kasten in die Gefahr herabzustürzen . Dieser Kasten war ein wahres Meisterstück von eingelegter Arbeit in Metall und Elfenbein . Der Deckel schien nicht verschlossen zu sein , es sah vielmehr aus , als sei er nur lose niedergelegt , um ein breites Papier festzuhalten , das aus dem Kasten hervorragte und augenscheinlich mit großer Sorgfalt so placiert war , um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken . Es war braun gefärbt vom Alter , auch lagerte , wie auf allem , eine dicke Staubschicht darüber ; aber die großen , steifen schwarzen Schriftzüge schauten unvertilgbar darunter hervor , und der Name » Jost von Gnadewitz « war auch in weiterer Entfernung lesbar . » Potztausend , was steht denn da ! « rief der Oberförster , vor Ueberraschung kaum der Worte mächtig . » Jost von Gnadewitz , das ist ja der Held in Sabines Geschichte von der Urahne ! « Ferber trat näher und