neben einem armen Sünder hin und herschreiten sah - ich selbst verspüre schon seine Einwirkung . Es ist ein Dämon in dem Manne , ein Dämon , den man entweder lieben oder hassen , oder vielmehr lieben und hassen muß , denn ich möchte diesen Menschen gern hassen und kann es nicht . Und was hat er dir denn auch schließlich gethan ? Wenn er Melitta noch immer liebt , wie ich glaube , so bin ich für ihn ein schlimmerer Feind , als er für mich . Aber warum hat mir Melitta nicht gesagt , wie ihr Verhältniß mit dem langen Gespenst dort war und ist ? ich hätte sie heute nicht gekränkt . Arme Melitta ! wie sie mich ansah - und was würde sie sagen , wenn sie die Scene in der Fensternische gesehen hätte ? - Das süße , herzige Mädchen ! - und auch ihre Augen waren voll Thränen , als sie im Wagen saß und mich so unverwandt anblickte . O ! wer könnte so grausam sein , die Liebe dieses holden Geschöpfes zurückzuweisen ? Und dennoch : All ' dies Neigen von Herzen zu Herzen - Ach , wie so eigen schaffet es Schmerzen . Heiliger Goethe , bitt ' für mich ! Du hast ja auch die Lilie nicht verschmäht , weil die Rose so schön ist , und deshalb umgiebt nun ein Kranz von Rosen und Lilien Dein ambrosisches Haupt . Du hättest die kleine Emilie an Dein großes Herz genommen und hättest ihr sanft die üppigen Haare aus der Stirn gestreichelt und hättest sie zärtlich auf die zärtlichen Augen geküßt . O , ihr ewigen Sterne , wie reizend das Kind in dem Augenblicke war ! Denn Alles in Allem ist es doch nur ein Kind , und morgen wird sie in ihrem Daunenbettchen erwachen und glauben , daß sie die Scene in dem Erker geträumt hat . So suchte Oswald sein Gewissen zu beschwichtigen - für den Augenblick gelang es ihm auch . Darf ich jetzt bitten einzusteigen , Herr Doctor ? rief der Baron , der mit Herrn von Barnewitz herantrat . Es bleibt also dabei , Barnewitz ? Verlaß Dich darauf ! sagte dieser , dem die Unterredung mit seinem Mentor und die kühle Nachtluft sehr wohl gethan zu haben schienen . Verlaß Dich d ' rauf . Ich gebe Dir mein Ehrenwort , daß ich - St ! sitzen Sie bequem , Herr Doctor ? Adieu , Barnewitz ! fort , Karl ! Siebenundzwanzigstes Capitel Die Pferde zogen im Galopp an , der leichte Holsteiner-Wagen rasselte über den etwas holprigen Damm des Hofes . Im Nu lag das Schloß mit seinen noch immer lichterhellten Fenstern , die dunklen Scheunen und Ställe , die kleinen Häuslerwohnungen hinter ihnen , und sie befanden sich draußen zwischen den nickenden Kornfeldern und den nebelverhüllten Wiesen . Die kurze Sommernacht ging zu Ende . Im Osten verkündete ein hellerer Streifen den neuen Tag ; die Dämmerung breitete über Alles gleichmäßig ihren grauen Schleier . Gerade vor ihnen nach Norden wetterleuchtete es von Zeit zu Zeit aus den trüben , dichten Dunstmassen . Alles war noch still auf den weiten Feldern , selbst die Lerche , die Tagverkünderin , säumte noch . Oswald hatte sich in eine Ecke zurückgelehnt , und sah träumend in die Dämmerung hinaus , nur manchmal , wenn der Dampf von des Barons Cigarre an ihm vorbeifuhr , wandte sich sein Blick auf diesen , der den Hut etwas in den Nacken gesetzt , den Kragen seines Rockes in die Höhe geschlagen , die langen Beine von sich streckend , in Nachdenken versunken schien . So mochten sie wohl eine Viertelstunde lang schweigend neben einander gesessen haben , als der Baron plötzlich sagte : Sie rauchen ja nicht ? Nein . Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten ? Ich danke : ich bin kein Raucher ! Das ist wunderbar . Weshalb ? Weil ich nicht begreifen kann , wie es ein Mensch im neunzehnten Jahrhundert aushalten kann , ohne Tabak oder Opium zu rauchen , Haschisch zu kauen oder sonst auf irgend eine Weise das katzenjämmerliche Gefühl seiner elenden Existenz in etwas abzuschwächen . Und gerade von Ihnen begreife ich es am wenigsten . Warum gerade von mir ? Weil , wenn mich nicht Alles täuscht , Sie vor Sehnsucht nach der blauen Blume tödtlich erkrankt sind , und in dieser unbefriedigten Sehnsucht auch eines schönen Tages sterben werden . Sie erinnern sich doch der blauen Blume in Novalis ' Erzählung ? der Blume , nach der Heinrich von Ofterdingen ' s armes Herz verschmachtete ? Die blaue Blume ! Wissen Sie , was das ist ? das ist die Blume , die noch keines Sterblichen Auge erschaute , und deren Duft doch die ganze Welt erfüllt . Nicht alle Creatur ist fein genug organisirt , diesen Duft zu empfinden ; aber die Nachtigall ist von ihm berauscht , wenn sie beim Mondenschein oder in der Dämmerung des Morgens singt und klagt und schluchzt , und all die närrischen Menschen waren es und sind es , die früher und jetzt in Prosa und Versen dem Himmel ihr Weh und Ach klagten und klagen , und noch Millionen dazu , denen kein Gott gab , zu sagen , was sie leiden , und die in ihrer stummen Qual zum Himmel blicken , der kein Erbarmen mit ihnen hat . Ach , und aus dieser Krankheit ist keine Rettung - keine , als der Tod . Wer nur einmal den Duft der blauen Blume eingesogen , für den kommt keine ruhige Stunde mehr in diesem Leben . Als wäre er ein verruchter Mörder , als hätte er den Herrn von seiner Schwelle gestoßen , so treibt es ihn weiter , und immer weiter , wie sehr ihn auch seine wunden Füße schmerzen und es ihn verlangt , das müde Haupt endlich einmal zur Ruhe zu legen . Wohl bittet er , von Durst gequält , in dieser oder jener Hütte