, Citate , gelehrte Dinge , die ihren Horizont überstiegen . Dennoch hielt sie diese Blätter nicht für unwichtig . Wer weiß , flüsterte sie , welche Geheimnisse sie enthalten ! Als Klingsohr nicht endete und behauptete , er würde das Haus in Brand stecken , wenn er das Portefeuille nicht zurückbekäme - schon wurde durch den Lärm der Wirth herbeigezogen - , las ihm Madame Serlo höhnend einige Worte vor , die vielleicht die Seite des Pergaments bezeichneten , an der ihm vorzugsweise gelegen wäre . Weib , schweige ! rief er und schien nur aus Rücksicht auf Serlo , der mit den ängstlichen Kindern hinter ihm stand , weitere Bezeichnungen zu unterdrücken . Bitter höhnend klang es , als Madame Serlo buchstabirte : » Weltordnung - Dante ' s Hölle - Buschbeck - siebentes Paradies - Johannes von Zeesen - Regina Coeli - neun Zeitalter - Schön Hedwig - Hubertus - Rom - die Katakomben - - « Tod und Teufel ! schrie Klingsohr und schlug jetzt mit einem Stuhl gegen die Thür . Er zeigte sich in der ganzen Wildheit , in der ihn Lucinde kannte . Serlo bat , der Wirth befahl Ruhe , Lucinde selbst rieth zum Nachgeben . Was ist ihm nur so gelegen an dem Ding ? wiederholte Madame Serlo . Sie untersuchte , während Lucinde die herausgenommenen Blätter überflog , den übrigen Inhalt . Da fand sie denn , daß eins der kleinen Täschchen verschlossen war . Sie bog das Leder etwas zurück und fühlte , da man nichts sehen konnte , hinein . Hin- und herstreifend mit dem kleinen Finger , der allein Platz hatte , entdeckte sie , daß drinnen etwas lag , was sich rauh anfühlte ... vielleicht ein Stück Tuch ... Seltsam ! sagte Madame Serlo zu Lucinden . Was kann ihm an einem Fetzen Tuch gelegen sein ? An Lucinden lief jetzt eine Erinnerung hin wie das Wort am elektrischen Drahte . Der Gedanke , daß sich hier der Tuchstreifen vorfand , der einst an der Leiche des Deichgrafen gefunden wurde und später durch sein plötzliches Verschwinden den erst vor kurzem , wie sie gehört , wegen mangelnden Beweises freigesprochenen Stephan Lengenich ins Gefängniß gebracht hatte , zuckte in ihr auf . Die Farbe des Tuches ließ sich nicht erkennen , nur der Stoff fühlen ... Sie stand träumerisch und auch Madame Serlo merkte die jähe Flucht der Gedanken , die ihr eben durch den Kopf schossen . Klingsohr hatte inzwischen sein Benehmen geändert . So war er immer . Eben noch ein Ungethüm , vor dem man alles entfernen mußte , was sich etwa zertrümmern ließ , wurde er plötzlich weich wie ein Kind , ja sogar feig und ließ sich auf Nachgiebigkeiten betreffen , die mit seinem sonst so reizbaren Ehrgefühl im vollsten Widerspruche standen . Lucinde ! sprach er mit weicher Stimme und durch ' s Schlüsselloch . Gib mir mein Portefeuille zurück ! Es hängt daran die Ruhe meines Lebens ! Gut , Klingsohr ! sagte Lucinde , die die Gedanken an die Schreckensscenen von Schloß Neuhof nicht festhalten mochte , weil sie zu ihren quälendsten Erinnerungen gehörten ; wenn das ist , so geb ' ich dir ' s unter der Bedingung zurück , daß ich ' s behalte , bis wir in dem unten befindlichen Wagen sitzen und abfahren ! Du versprichst mir aber auf deine Ehre , mich von diesem Augenblicke an nicht mehr zu kennen , nie und nirgends , hörst du , nie und nirgends , und mich meine Lebensbahn ziehen zu lassen , wie und wo ich will ! Leiste mir diesen Schwur ! Thust du es nicht , so ist hier noch so viel Glut im Ofen nebenan , daß dein Portefeuille im Augenblick von den Flammen verzehrt ist ! Um Gottes willen nein ! rief Klingsohr . Dann schwieg er eine Weile . Er schien nicht zu bezweifeln , daß Lucinde wahr gesprochen , und überlegte , welchen Werth für ihn die beiden Gegensätze der gestellten Alternative hatten . Lucinde wiederholte mit fester Stimme , was sie eben gesprochen , während Madame Serlo ' s listiges Auge vergebens in so wunderbare und unglaubliche Geheimnisse des Täschchens zu dringen suchte ... Serlo antwortete jetzt statt Klingsohr ' s. Man hörte das leise und schmerzlich ausgestoßene Wort des letztern : Ich gebe - mein Ehrenwort ! Nun verlangte Lucinde , daß sich Klingsohr bis zur Abreise , die sogleich erfolgen würde , entfernte . In die Brieftasche ließ sie die Neugier der Madame Serlo nicht weiter einblicken . Die Anstalten der Abreise waren zu Ende . Klingsohr stand am Wagenschlag und nahm sein Portefeuille mit einer Hast zurück , als hinge die Ruhe seines Lebens daran . Dies mußte sein , wenn er um einen solchen Preis Lucinden entsagen konnte . Er wollte noch mit der Geliebten reden , reichte ihr die Hand in den Rücksitz , den sie so lange einnahm , bis sie die Stadt verlassen - später duldete sie nicht , daß Serlo irgendeine Bequemlichkeit entbehrte - , aber sie lehnte diese Hand ab . Klingsohr bat wiederholt um die Hand und zog die seine nicht zurück . Damit seine dargereichte Rechte nicht ohne Erwiderung blieb , nahm sie die Hände des einen der Kinder und legte diese beide in die seinige . So wurde diese von ihr so heiß ersehnte Trennung wirklich vollzogen . 20. Zu dem Fluche , der mehr auf dem Theaterleben ruht als Segen , gehört die Unmöglichkeit , sich ein Leben lang aus dem Banne desselben zu befreien , wenn in ihm auch nur einige wenige Augenblicke genossen wurden , die glückliche waren . Man hat es gesehen und sieht es täglich , wie derjenige , dem ein kurzes Glück in diesem Wirkungskreise lächelte , ewig von demselben zehrt , immer hofft , daß es wiederkehren müsse , immer glaubt , daß es nur durch zufällige Umstände , die sich beseitigen lassen würden , am Wiedererscheinen verhindert wäre .