. Die Abende nach dem Abendessen brachten wir immer im Freien zu , da noch lauter schöne Täge gewesen waren . Meistens saßen wir bei dem großen Kirschbaume oben , welches bei weitem der schönste Platz zu einem Abendsitze war , obgleich er auch zu jeder andern Zeit , wenn die Hitze nicht zu groß war , mit der größten Annehmlichkeit erfüllte . Mein Gastfreund führte die Gespräche klar und warm , und Mathilde konnte ihm entsprechend antworten . Sie wurden mit einer Milde und Einsicht geführt , daß sie immer an sich zogen , daß ich gerne meine Aufmerksamkeit hin richtete und , wenn sie auch Gewöhnliches betrafen , etwas Neues und Eindringendes zu hören glaubte . Der alte Mann führte dann die Frau im Sternenscheine oder bei dem schwachen Lichte der schmalen Mondessichel , die jetzt immer deutlicher in dem Abendrote schwamm , über den Hügel in das Haus hinab , und die schlanken Gestalten der Kinder gingen an den dunkeln Büschen dahin . Das alles war so einfach , klar und natürlich , daß es mir immer war , die zwei Leute seien Eheleute und Besitzer dieses Anwesens , Gustav und Natalie seien ihre Kinder , und ich sei ein Freund , der sie hier in diesem abgeschiedenen Winkel der Welt besucht habe , wo sie den stilleren Rest ihres Daseins in Unscheinbarkeit und Ruhe hinbringen wollten . Eines Tages wurde eine feierliche Mahlzeit in dem Speisezimmer gehalten . Es war Eustach , dann der Hausaufseher , der alte Gärtner mit seiner Frau , der Verwalter des Meierhofes und die Haushälterin Katharina geladen worden . Statt Katharinen mußte ein anderes die Herrschaft in der Küche führen . Es mußte , wie ich aus allem entnahm , jedes Mal bei der Anwesenheit Mathildens die Sitte sein , ein solches Gastmahl abzuhalten ; die Leute fanden sich auf eine natürliche Art in die Sache , und die Gespräche gingen mit einer Gemäßheit vor sich , welche auf Übung deutete . Mathilde konnte sie veranlassen , etwas zu sagen , was paßte , und was daher dem Sprechenden ein Selbstgefühl gab , das ihm den Aufenthalt in der Umgebung angenehm machte . Eustach allein erhielt die Auszeichnung , daß man das bei ihm nicht für nötig erachtete , er sprach daher auch weniger und nur in allgemeinen Ausdrücken über allgemeine Dinge . Er empfand , daß er der höheren Gesellschaft zugezählt werde , wie ich es auch , da ich ihn näher kennen gelernt hatte , ganz natürlich fand , während die anderen nicht merkten , daß man sie empor hebe . Der Gärtner und seine Frau waren in ihrem weißen , reinlichen Anzuge ein sehr liebes greises Paar , welches auch die anderen mit einer gewissen Auszeichnung behandelten . An Speisen war eine etwas reichlichere Auswahl als gewöhnlich , die Männer bekamen einen guten Gebirgswein zum Getränke , für die Frauen wurde ein süßer neben die Backwerke gestellt . Da die Rosen immer mehr der Entfaltung entgegen gingen , wurden einmal Sessel und Stühle in einem Halbkreise auf dem Sandplatze vor dem Hause aufgestellt , so daß die Öffnung des Kreises gegen das Haus sah , und ein langer Tisch wurde in die Mitte gestellt . Wir setzten uns auf die Sessel , der Gärtner Simon war gerufen worden , Eustach kam , und von den Leuten und Gartenarbeitern konnte kommen , wer da wollte . Sie machten auch Gebrauch davon . Die Rosen wurden einer sehr genauen Beurteilung unterzogen . Man fragte sich , welche die schönsten seien , oder welche dem einen oder dem anderen mehr gefielen . Die Aussprüche erfolgten verschieden , und jedes suchte seine Meinung zu begründen . Es lagen Druckwerke und Abbildungen auf dem Tische , zu denen man dann seine Zuflucht nahm , ohne eben jedes Mal ihrem Ausspruche beizupflichten . Man tat die Frage , ob man nicht Bäumchen versetzen solle , um eine schönere Mischung der Farben zu erzielen . Der allgemeine Ausspruch ging dahin , daß man es nicht tun solle , es täte den Bäumchen wehe , und wenn sie groß wären , könnten sie sogar eingehen ; eine zu ängstliche Zusammenstellung der Farben verrate die Absicht und störe die Wirkung ; eine reizende Zufälligkeit sei doch das angenehmste . Es wurde also beschlossen , die Bäume stehen zu lassen , wie sie standen . Man sprach sich nun über die Eigenschaften der verschiedenen Bäumchen aus , man beurteilte ihre Trefflichkeit an sich , ohne auf die Blumen Rücksicht zu nehmen , und oft wurde der Gärtner um Auskunft angerufen . Über die Gesundheit der Pflanzen und ihre Pflege konnte kein Tadel ausgesprochen werden , sie waren heuer so vortrefflich , wie sie alle Jahre vortrefflich gewesen waren . Auf den Tisch wurden nun Erfrischungen gestellt und alle jene Vorrichtungen ausgebreitet , die zu einem Vesperbrote notwendig sind . Aus den Reden Mathildens sah ich , daß sie mit allen hier befindlichen Rosenpflanzen sehr vertraut sei , und daß sie selbst kleine Veränderungen bemerkte , welche seit einem Jahre vorgegangen sind . Sie mußte wohl Lieblinge unter den Blumen haben , aber man erkannte , daß sie allen ihre Neigung in einem hohen Maße zugewendet habe . Ich schloß aus diesem Vorgange wieder , welche Wichtigkeit diese Blumen für dieses Haus haben . Gegen Abend desselben Tages kam ein Besuch in das Rosenhaus . Es war ein Mann , welcher in der Nähe eine bedeutende Besitzung hatte , die er selber bewirtschaftete , obwohl er sich im Winter eine geraume Zeit in der Stadt aufhielt . Er war von seiner Gattin und zwei Töchtern begleitet . Sie waren auf der Rückfahrt von einem Besuche begriffen , den sie in einem entfernteren Teile der Gegend gemacht hatten , und waren , wie sie sagten , zu dem Hause herauf gefahren , um zu sehen , ob die Rosen schon blühten , und um die gewöhnliche Pracht zu bewundern . Sie hatten im Sinne , am Abende wieder fort zu