, sie begriff das Abschwören nicht , sie vermochte nicht an dessen absolute Aufrichtigkeit und Wahrheit zu glauben . Geiersperg , der das Ehepaar nach Wien begleitet hatte und so viel für dessen Vereinigung gethan , war , als er es erfuhr , mit Leontinen gleich zerfallen ; er war ein eben so echter Protestant als loyaler Legitimist , der Religionswechsel schien ihm sündlich . Selbst Annen gelang es nicht , ihn milder zu stimmen . Wenn sie nur Jean Carlo genug liebt , um nie zu bereuen , sagte sie ihm , so ist ' s ja gut ! Gott ist zu groß , um in der Wandlung der bloßen Form eine Sünde zu sehen ; seit Ewigkeiten schaut er dem Wechsel alles Menschenwesens zu , er wird auch hierin das Unabwendbare seiner gegebenen Naturgesetze gelten lassen . Sind denn die Veränderungen , welche Alter , Krankheit , Schmerz oder Glück oft plötzlich in unserer ganzen Sinnesart hervorbringen , kleiner ? Schwört nicht der Greis die edeln Träume seiner Jugend ab ? Und ist der Tod nicht vielleicht ein weit größerer , auf eignes Wollen erbaueter Uebertritt zu einer neuen Form der Anschauung des Höchsten ? Aber der Alte küßte sie und erwiderte : Wenn ich Gott meinem Herrn zwanzig Jahre als Cuirassier gedient , warum soll ich denn im einundzwanzigsten mein Regiment verlassen , die Uniform changiren , um ihm als Infanterist das Gewehr zu präsentiren ? Du meinst es gut , Kindchen , aber du glaubst selbst nicht daran . In einzelnen Minuten flog eine Wolke durch Leontinens reines Blau der Gegenwart ; der eine Schritt hatte sie all den Ihren , vielleicht sogar ihrem Vaterlande entfremdet . Daheim in Berlin saß Josephine in stillem , sorgendem Kummer versenkt , täglich Briefe aus Wien erharrend oder schreibend . Ihre alte , schöne Heiterkeit , ihr Vertrauen auf das Glück ihrer Leontine kehrten nicht wieder . Der Glanz , der ihre Kinder in der Kaiserstadt umgab , freute sie wenig , sie war noch aus der Zeit , wo Comfort , Häuslichkeit und eine gemüthliche Gastfreundschaft höher galten , als eigentlicher Luxus ; war nur immer Alles um sie so elegant , sauber und genügend für die sie Umgebenden , so vermißte Josephine nichts . Leontinens Uebertritt hatte sie tief verletzt , auch sie vermochte nicht an die Dauer einer so im Fluge gewonnenen Ueberzeugung zu glauben , eben so wenig traute sie Jean Carlo ' s Trennung vom Carbonarismus und den mit seiner ganzen Individualität so eng verwachsenen italienischen Verbindungen . Fiel ihr Blick in die Zukunft , so bangte ihr noch mehr ; sie fürchtete , Leontinen könne viel Trauriges bevorstehen ; woran sollte ihr Gemahl in Preußen seine Interessen knüpfen ? Deutschland war ihm fremd , keine Art fester Beschäftigung verband ihn mit demselben . Niemand nahm an seinem Streben Antheil , sogar die Gegenstände seiner Bewunderung in Kunst und Wissenschaft hatten eine der deutschen Ansicht fremdartige Färbung . Die neuere , meist didaktische italienische Poesie kann bei uns kein Element der allgemeinen Bildung werden ; der Ausdruck seiner Vaterlandsliebe konnte leicht eben so wenig Anklang finden , denn seine excentrisch-grandiosen , auf Traditionen versunkener Größen erbaueten Lebensanforderungen mußten diesen durch lange herbe Erfahrungen gereiften Männern , all den Professoren , Beamten und Offizieren , welche den Kern unserer Gesellschaft bilden , im Vergleich zu dem , was in Neapel wirklich geleistet worden , ein Lächeln ablocken , während sie den Staatsmännern strafbar erschienen . Und doch lag eine so tiefe Wahrheit in der Glut dieser Jünglingsseele , ein solcher Muth der Selbstaufopferung in diesem festen Glauben an eine mögliche bessere Zukunft . Josephinen traten die Thränen in ' s Herz . Wie lau erschien das allgemeine Mitleid , wie arm das Wort der Theilnahme an all den Qualen , die Jean Carlo durch Wiens brillantes Gesellschaftsleben hindurchtrug , unter dessen Glanz er schweigend das einmal Uebernommene mit verbissenem Ingrimm , einem Gefangenen gleich , der die Kette nachzieht , mühsam und schwer durch seine Tage schleppte . Und nun sollte und wollte der Verbannte künftig in Berlin leben und Ruhe halten und in den einmal angenommenen Formen und Grenzen der staatsgesellschaftlichen Zustände ausharren , ein langes Menschenalter hindurch ! Josephine seufzte recht schwer ; fast scheute sie diesmal Geierspergs Rückkehr , der gewissermaßen durch seines Schützlings Aufenthalt in Wien die früher für diesen gethanen Schritte rechtfertigen mußte , und plötzlich durch den erst hier ihm bekannt gewordenen Religionswechsel Leontinens beleidigt und schmerzlich erregt , Wien selbst verließ , weil er durchaus mit seiner Frau fort und auf seine Güter ziehen wollte , um den Scandal nicht mehr zu sehen , daß ein Freifräulein des alten protestantischen Geschlechts der Waldau katholisch geworden ! Am Lager einer schönen blühend jungen Frau stand reisefertig ein kräftiger , auch noch junger Mann und suchte sie sehr sanft durch einen leisen Kuß zu wecken . Die schöne Schläferin hatte eine ungemein zierliche Hand auf das seidne Deckbettchen einer dicht neben ihr stehenden Wiege gelegt , deren leisestes Schwanken sie wach rufen mußte . Sie mochte spät eingeschlafen sein , denn die ganze Einrichtung des Gemachs deutete auf bürgerlich frühe Stunden ; die Sonne aber stand schon hoch und sie schlief noch so sanft und fest , als wäre das ihr erster Schlaf vor Mitternacht . Das kleine Mädchen in der Wiege sah dem Vater ähnlich , nur war es lichtblond , und auf dem weißen Kopfkissen lagen die klaren Löckchen wie Goldfädchen einer Stickerei und duldeten in ihrer Fülle das Mützchen nicht , das sie nach hinten zurückgeschoben . Im Zimmer sah es ungemein friedlich und wohnlich aus ; von Luxus war nicht viel zu bemerken , die Möbel waren derb und doch zugleich geschmackvoll , von Eichen- und Nußbaumholz ; in den Ecken und wo eben ein freier Platz sich gefunden , hatten sich recht gelehrt aussehende Bücherschränke eingenistet , auf welchen Prachtexemplare von Mineralien , Glasretorten und allerlei physikalische Instrumente so zierlich aufgestellt waren , daß sie