am zweiten oder dritten Feiertag ins Wäldchen gehen , ob es nicht anständiger wäre , ins Wilhelmsbad zu fahren , ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen solle , oder beides , diese Fragen schienen bei weitem wichtiger , als jene , die doch für andächtige Feiertagsleute viel näherlag , ob die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben ? Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen , der an solchen Tagen mehr Seelen für sich gewinnt , als das ganze Judenquartier in einer guten Börsestunde Gulden ? Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt . Leuten , die von einem berühmten Belletristen verwöhnt , alles bis aufs kleinste Detail wissen wollen , diene zur Nachricht , daß ich im Weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte , an der großen Table d ' hôte in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste , den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem Oberkellner ausbitten . Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen , das aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien . Ich trat näher , ich hörte deutlich , wie man auf gut deutsch fluchte und tobte , dann Rechnungen und Bilanzen , die sich in viele Tausende beliefen , nachzählte , und dann wieder wimmerte und weinte , wie ein Kind , das seiner Aufgabe für die Schule nicht mächtig ist . Teilnehmend , wie ich bin , schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn , wer der Herr sei , der nebenan so überaus kläglich sich gebärde ? » Nun « , antwortete er , » das ist der stille Herr . « » Der stille Herr ? lieber Freund , das gibt mir noch wenig Aufschluß , wer ist er denn ? « » Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn , oder auch den Seufzer , er ist ein Kaufmann aus Dessau , nennt sich sonst Zwerner , und wohnt schon seit vierzehn Tagen hier . « » Was tut er denn hier ? ist ihm ein Unglück zugestoßen , daß er so gar kläglich winselt ? « » Ja ! das weiß ich nicht « , erwiderte er , » aber seit dem zweiten Tag , daß er hier ist , ist sein einziges Geschäft , daß er zwischen zwölf und ein Uhr in der neuen Judenstraße auf und ab geht , und dann kommt er zu Tisch , spricht nichts , ißt nichts , und den ganzen Tag über jammert er ganz stille und trinkt Kapwein . « » Nun das ist keine schlimme Eigenschaft « , sagte ich , » setzen Sie mich doch heute mittag in seine Nähe . « Der Kellner versprach es , und ich lauschte wieder auf meinen Nachbar . » Den 12. Mai « - hörte ich ihn stöhnen , » Metalliques 84 3 / 4. Österreichische Staatsobligationen 87 3 / 8. Rothschildsche Lotterielose , der Teufel hat sie erfunden und gemacht ! 132 . Preußische Staatsschuldscheine . 81 ! o Rebekka ! Rebekka ! wo will das hinaus ! 81 ! Die Preußen ! ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel ? « So ging es eine Zeitlang fort ; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu sich nehmen , und ganz behäglich mit der Zunge dazu schnalzen , bald jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols , die Rothschildschen Unverzinslichen , und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander . Endlich wurde er ruhiger . Ich hörte ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen , es war wohl die Stunde , in welcher er durch die neue Judenstraße promenierte . Der Kellner hatte Wort gehalten . Er wies , als ich in den Speisesaal trat , auf einen Stuhl : » Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin « , flüsterte er , » zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer . « Ich setzte mich , ich betrachtete ihn von der Seite ; wie man sich täuschen kann ! Ich hatte einen jungen Mann von melancholischem , gespenstigem Aussehen erwartet , wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft , etwa bleichschmachtend und fein wie Eduard , von der Verfasserin der » Ourika « , oder von schwächlichem , beinahe lüderlichem Anblick , wie einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden . Aber gerade das Gegenteil ; ich fand einen untersetzten , runden jungen Mann mit frischen , wohlgenährten Wangen und roten Lippen , der aber die trüben Augen beinahe immer niederschlug , und um den hübschen Mund einen weinerlichen Zug hatte , welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht paßte . Ich versuchte , während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot , einige Male mit ihm ins Gespräch zu kommen , aber immer vergeblich ; er antwortete nur durch eine Verbeugung , begleitet von einem halbunterdrückten Seufzer . In solchen Augenblicken schlug er dann wohl die Augen auf , doch nicht , um auf mich zu blicken ; er warf nur einen scheuen , finstern Blick geradeaus , und sah dann wieder seufzend auf seinen Teller . Ich folgte einem dieser Blicke , und glaubte zu bemerken , daß sie einem Herrn gelten mußten , der uns gegenüber saß und schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte . Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts . Seine schon etwas kahle , gefurchte Stirne , sein bräunlichtes , eingeschnurrtes Gesicht , seine schmalen Wangen , seine spitze , weit hervortretende Nase deuteten darauf hin , daß er die fünfundvierzig Jährchen , die er haben mochte , etwas schnell verlebt habe . Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten , von Leidenschaften durchwühlten Zügen , bildete ein ruhiges süßliches Lächeln , das immer um seinen Mund schwebte , die zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens , wie auch seine sehr jugendliche und modische Kleidung . Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel , und nach den zärtlichen Blicken , die