den andern auf , sie fielen nicht abwärts , man bog sie ihr nach dem Rücken hin , streckte sie hoch in die Höhe , so daß es jedem unmöglich gewesen sein würde , sich lange in dieser Stellung zu behaupten , und doch geschah es . Man mochte den Körper so sehr herabbeugen , als man wollte , immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht . Sie schien gänzlich ohne Empfindung , man rüttelte , kneipte , quälte sie , stellte ihr die Füße auf ein heißes Kohlenbecken , schrie ihr in die Ohren , sie werde ihren Prozeß gewinnen , alles umsonst , sie gab kein Zeichen des willkürlichen Lebens von sich . Nach und nach kam sie zu sich selbst , doch führte sie unzusammenhängende Reden - Endlich - « » Fahren Sie fort , « sprach die Fürstin , als der Leibarzt innehielt , » fahren Sie fort , verschweigen Sie mir nichts , und sei es das Entsetzlichste ! - Nicht wahr ? - in Wahnsinn verfiel die Dame ! « » Es genügt , « sprach der Leibarzt weiter , » es genügt , hinzuzufügen , daß ein sehr böser Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt , daß sie in Vesoul , wohin sie zurückkehrte , völlig genas und nicht die mindesten schlimmen Folgen ihrer harten ungewöhnlichen Krankheit verspürte . « - Während die Fürstin aufs neue in trübes Nachdenken versank , verbreitete sich der Leibarzt weitläuftig über die ärztlichen Mittel , die er anzuwenden gedenke , um der Prinzessin zu helfen , und verlor sich zuletzt in solche wissenschaftliche Demonstrationen , als spräche er in einer ärztlichen Beratung zu den tief gelehrtesten Doktoren . » Was , « unterbrach endlich die Fürstin den wortreichen Leibarzt , » was helfen alle Mittel , die die spekulierende Wissenschaft darbietet , wenn das Heil , das Wohl des Geistes gefährdet ? « Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke , dann fuhr er fort : » Gnädigste Frau , das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besançon zeigt , daß der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag . Man fing , als sie zu einiger Besinnung gekommen , ihre Kur damit an , daß man ihr Mut einsprach und ihr den bösen Prozeß als gewonnen darstellte . - Einig sind auch die erfahrensten Ärzte darüber , daß eben irgendeine plötzliche starke Gemütsbewegung jenen Zustand am ersten hervorbringt . Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum höchsten ungewöhnlichen Grade , ja , ich möchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal schon an und für sich selbst abnorm nennen . Gewiß scheint es , daß irgendeine heftige Erschütterung des Gemüts auch ihren Krankheitszustand erzeugte . Man muß die Ursache zu erforschen suchen , um psychisch mit Erfolg auf sie wirken zu können ! - Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor - Nun , gnädigste Frau , die Mutter dürfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt und diesem die besten Mittel an die Hand geben können zur heilsamen Kur . « Die Fürstin erhob sich und sprach stolz und kalt : » Selbst die Bürgerfrau bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens , das Fürstenhaus erschließt sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern , zu denen der Arzt sich nicht zählen darf ! « » Wie , « rief der Leibarzt lebhaft , » wer vermag das leibliche Wohl so scharf zu trennen von dem geistigen ? Der Arzt ist der zweite Beichtvater , in die Tiefe des psychischen Seins müssen ihm Blicke vergönnt werden , wenn er nicht jeden Augenblick Gefahr laufen will , zu fehlen . Denken Sie an die Geschichte jenes kranken Prinzen , gnädigste Frau - « » Genug ! « unterbrach die Fürstin den Arzt beinahe mit Unwillen , » genug ! - Nie werde ich mich bewegen lassen , eine Unschicklichkeit zu begehen , ebensowenig als ich glauben kann , daß irgendeine Unschicklichkeit auch nur in Gedanke und Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlaßt haben kann . « Damit entfernte sich die Fürstin und ließ den Leibarzt stehen . » Wunderliche , « sprach dieser zu sich selbst , » wunderliche Frau , diese Fürstin ! Gern möchte sie andere , ja sich selbst überreden , daß der Kitt , womit die Natur Seel ' und Körper zusammenleimt , wenn es darauf ankommt , etwas Fürstliches zu bilden , von ganz besonderer Art sei und keinesweges dem zu vergleichen , den sie bei uns armen Erdensöhnen bürgerlicher Abkunft verbraucht . - Man soll gar nicht daran denken , daß die Prinzessin ein Herz hat , so wie jener höfische Spanier , der das Geschenk von seidnen Strümpfen , das gute niederländische Bürger seiner Fürstin machen wollten , deshalb verschmähte , weil es unschicklich sei , daran zu erinnern , daß eine spanische Königin wirklich Füße habe wie andere ehrliche Leute ! - Und doch : zu wetten ist es , daß in dem Herzen , dem Laboratorio alles weiblichen Wehs , die Ursache des fürchterlichsten aller Nervenübel zu suchen ist , das die Prinzessin befallen . « - Der Leibarzt dachte an Prinz Hektors schnelle Abreise , an der Prinzessin übermäßige krankhafte Reizbarkeit , an die leidenschaftliche Art , wie sie sich ( so hatte er es vernommen ) gegen den Prinzen betragen haben sollte , und so schien es ihm gewiß , daß irgendein plötzlicher Liebeszwist die Prinzessin bis zu jäher Krankheit verletzt . - Man wird sehen , ob des Leibarztes Vermutungen Grund hatten oder nicht . Was die Fürstin betrifft , so mochte sie Ähnliches vermuten und eben deshalb alle Nachfrage , alles Forschen des Arztes für unschicklich halten , da der Hof überhaupt jedes tiefere Gefühl als unstatthaft verwirft und gemein . - Die Fürstin hatte sonst Gemüt und Herz , aber das seltsam halb lächerliche , halb widrige Ungeheuer , Etikette genannt , hatte sich auf ihre Brust gelegt wie ein bedrohlicher Alp , und keine Seufzer , kein Zeichen des innern Lebens sollte mehr