Mühle war ein schöner , lichtgrüner Grund , über welchem frische Eichen ihre kühlen Hallen woben . Dort sah Friedrich ein Mädchen in einem reinlichen , weißen Kleide am Boden sitzen , halb mit dem Rücken nach ihm gekehrt . Er hörte das Mädchen singen und konnte deutlich folgende Worte verstehen : » In einem kühlen Grunde , Da geht ein Mühlenrad , Mein ' Liebste ist verschwunden , Die dort gewohnet hat . Sie hat mir Treu versprochen , Gab mir ein ' n Ring dabei , Sie hat die Treu gebrochen , Mein Ringlein sprang entzwei . Ich möcht als Spielmann reisen Weit in die Welt hinaus , Und singen meine Weisen Und gehn von Haus zu Haus . Ich möcht als Reiter fliegen , Wohl in die blut ' ge Schlacht , Um stille Feuer liegen Im Feld bei dunkler Nacht . Hör ich das Mühlrad gehen , Ich weiß nicht , was ich will - Ich möcht am liebsten sterben , Da wär ' s auf einmal still . « Diese Worte , so aus tiefster Seele herausgesungen , kamen Friedrich in dem Munde eines Mädchens sehr seltsam vor . Wie erstaunt , ja wunderbar erschüttert aber war er , als sich das Mädchen während des Gesanges , ohne ihn zu bemerken , einmal flüchtig umwandte , und er bei dem Sonnenstreif , der durch die Zweige gerade auf ihr Gesicht fiel , nicht nur eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Mädchen , das ihm damals in der Mühle hinaufgeleuchtet , bemerkte , sondern in dieser Kleidung und Umgebung vielmehr jenes wunderschöne Kind aus längst verklungener Zeit wiederzusehen glaubte , mit der er als kleiner Knabe so oft zu Hause im Garten gespielt , und die er seitdem nie wiedergesehen hatte . Jetzt fiel es ihm auch plötzlich wie Schuppen von den Augen , daß dies dieselben Züge seien , die ihm in dem verlassenen Gebirgsschlosse auf dem Bilde der heiligen Anna in dem Gesichte des Kindes Maria so sehr aufgefallen waren . - Verwirrt durch so viele sich durchkreuzende , uralte Erinnerungen , ritt er auf das Mädchen zu , da sie eben ihr Lied geendigt hatte . Sie aber , von dem Geräusche aufgeschreckt , sprang , ohne sich weiter umzusehen , fort , und war bald in dem Walde verschwunden . Da sah er auf der Anhöhe , wohin sich das Mädchen geflüchtet , eine andere weibliche Gestalt zwischen den Bäumen erscheinen , groß , schön und herrlich . - Es war Friedrich , als begrüße ihn sein ganzes vergangenes Leben hier wie in einem Traume noch einmal in tausend schönwirrenden Verwandlungen ; denn je näher er dem Berge kam , je deutlicher glaubte er in jener Gestalt Julie wiederzuerkennen . Er stieg vom Pferde und eilte die Anhöhe hinauf , wo unterdes die liebliche Erscheinung sich wieder verloren hatte . Oben fand er sie ruhig auf dem Boden sitzend , es war wirklich Julie . » Stille , stille « , sagte sie , als er näher trat , nicht weniger überrascht als er , und wies auf Leontin , der neben ihr , an einem Baume angelehnt , eingeschlummert lag . Er war auffallend blaß , sein linker Arm ruhte in einer Binde . Friedrich betrachtete verwundert bald Leontin , bald Julie . Julie schien dabei das Unschickliche ihrer einsamen Lage mit Leontin einzufallen , und sie sah errötend in den Schoß . Leontin war indes erwacht und machte die Augen groß auf , da er neben der Geliebten auch noch den Freund vor sich sah . » Da mag schlafen , wer Lust hat , wenn es wieder so lustig auf der Welt aussieht « , sagte er , und sprang rasch auf . Friedrich erstaunte , wie männlicher seitdem sein ganzes Wesen geworden . » Aber sage , wie hat dich der Himmel wieder hierhergebracht ? « fuhr er fort , » ich dachte , die Zeit würde uns beide mit verschlingen ; aber ich glaube , sie fürchtet sich , uns nicht verdauen zu können . « - Friedrich kam nun vor lauter Fragen nicht selber zum Fragen , sosehr es ihm auch am Herzen lag ; er mußte sich bequemen , die Geschichte seines Lebens seit ihrer Trennung zu erzählen . Als er auf den Tod der Gräfin Romana kam , wurde Leontin nachdenkend . Julie , die auch sonst schon viel von ihr gehört , konnte sich in diese ihre seltsame Verwilderung durchaus nicht finden und verdammte ihr schimpfliches Ende ohne Erbarmen , ja , mit einer ihr sonst ungewöhnlichen Art von Haß . Nach vielem Hin- und Herreden , das jedes Wiedersehen mit sich zu bringen pflegt , bat endlich auch Friedrich die beiden , seinen Bericht mit einer ausführlichen Erzählung ihrer seitherigen Begebenheiten zu erwidern , da er aus ihren kurzen , unzusammenhängenden Antworten noch immer nicht klug werden konnte . Vor allem erkundigte er sich nach dem Mädchen , das , wie er meinte , zu ihnen geflüchtet sein müsse . Julie sah dabei Leontin unentschlossen an . - » Lassen wir das jetzt ! « sagte dieser , » die Gegend und meine Seele ist so klar und heiter , wie nach einem Gewitter , es ist mir gerade alles recht lebhaft erinnerlich , ich will dir erzählen , wie wir hier zusammengekommen . « Er nahm hierbei eine Flasche Wein aus einem Körbchen , das neben Julie stand , und setzte sich damit an den Abhang mit der Aussicht in die grüne Waldschlucht bei der Mühle ; Friedrich und Julie setzten sich zu beiden Seiten neben ihn . Sie wollte ihm durchaus die Flasche wieder entreißen , da sie wohl wußte daß er mehr trinken werde , als seinen Wunden noch zuträglich war . Aber er hielt sie fest in beiden Händen . » Wo es « , sagte er , » wieder so gut , frisch Leben gibt , wer fragt da , wie lange es dauert ! « Und Julie