deines Briefes sagst , daß seltsame Empfindungen und tausenderlei Gedanken meine Seele durchkreuzen werden , wenn ich deinen Brief eröffnet haben würde . Schrecken , Freude , und dann Zweifel waren die ersten Regungen meines Herzens , als ich die Schriftzüge der geliebten Freundin erblickte , die ich längst unter dem Hügel von Trachene begraben glaubte . Aber als der Inhalt der ersten Zeilen jede Ungewißheit zerstreut hatte - da , meine Geliebte , war inniger heißer Dank und ein kindliches Gebet zu dem gütigen Vater , der die Herzen der Menschen wie Wasserbäche lenkt , und ohne dessen Willen kein Haar von unserm Haupte fällt , mein dringendstes Gefühl . Dann las ich weiter , und mein Herz begleitete dein Schicksal mit sympathetischen Gefühlen bis gegen das Ende . Ja , meine Geliebte ! wunderbar und unbegreiflich sind die Fügungen Gottes , der dich mitten unter Barbaren erhielt , und dir ihre Gemüther geneigt machte , daß sie nicht allein deines Lebens und deiner Ehre schonten , sondern dich auch in Frieden ziehen ließen , als die Rettung erschien . Wie sehr hätte ich gewünscht , diese reine Freude mit unserm ehrwürdigen Vater Theophron zu theilen ! Aber sein verklärter Geist schwebt bereits in höhern Räumen , und er sah wohl längst mit hellem Blicke das Schicksal seiner Schülerinnen sich hienieden aus verschlungenen Knoten schön und friedlich auflösen , als du noch in der Hütte deines edelmüthigen Gebieters düster sinnend deiner Zukunft entgegen sahst . Er starb den vergangenen Frühling , mit der neugebornen Natur wurde auch er neugeboren , und erwachte aus dem düstern Erdenwinter in Edens Frühlingshainen . So hatte ich , wie das immer beim Verluste geliebter Menschen geht , nur mich zu beklagen . Unsre Trauer um Entschlafne ist immer nur Trauer über uns selbst . Ihnen ist ja besser geworden , als es uns ist . So war es auch , als ich dich zehn Monate für todt hielt . Ach , ich konnte dein Loos nicht beweinen ! Wie wenig Freuden hattest du genossen ! Aber ich beweinte mich selbst , ich betrauerte das Schicksal deines Freundes , und hier komme ich auf jenen Punkt deines Briefs , mit dem ich unmöglich zufrieden seyn , oder dir beistimmen kann . Agathokles - laß mich immerhin diesen Namen nennen , den du so geflissentlich in deinem Briefe zu vermeiden scheinst - ist , so wie ich es war , von deinem Tode vollkommen überzeugt . Die Gründe dieser Ueberzeugung und überhaupt die Wirkung , die diese Catastrophe auf ihn gemacht hat , kannst du am besten aus dem Briefe unseres Freundes Apelles kennen lernen , den ich dir hiermit in einer getreuen Abschrift beilege . Er ist aus Trachene , dem Schauplatz jener unglücklichen Begebenheiten , geschrieben . Wenn du ihn gelesen hast , wirst du selbst bekennen müssen , daß Agathokles keine Ahnung deines Lebens haben konnte . Die weibliche , von Wunden entstellte Leiche in prächtigen Kleidern , die man in deinen Zimmern gefunden , für dich gehalten , und begraben hatte , und die wahrscheinlich jene Melyte war , deren Eitelkeit sie zu diesem Schritte verleitet hatte , mußte ihm und Apelles jeden Zweifel , jede noch so schwache Hoffnung benehmen , besonders da die Todten schon begraben , und keine Spur deiner Rettung zu finden war . Es ist also sehr natürlich , daß Agathokles keine weiteren Nachforschungen anstellte , und keinen Gedanken mehr nährte , die , die er unter dem Hügel von Trachene begraben hielt , an den Ufern des Borysthenes zu suchen . So viel zur Beantwortung deiner ersten ungerechten Klagen über diese vermeintliche Gleichgültigkeit . Daß es eine kleine Falschheit war , mit der du Heliodor nach Synthium locktest , fühlst du selbst , und ich sage dir nichts darüber ; aber wie magst du so erfinderisch seyn , dich selbst zu quälen , und aus einem freundschaftlichen Scherze , aus dem zufälligen Zusammentreffen einiger Umstände dir ein ganzes Gewebe von Untreue , Verrath und gewissem Unglücke zu bilden ? Ich weiß von sehr guter Hand , daß nicht Calpurnia , sondern Sulpicia in Synthium wohnt , daß Agathokles ihr diese Villa aus Freundschaft eingeräumt , und ihre Freundin sie dort besucht hat , wie sie an jedem andern Ort gethan haben würde . So bedeutete ihre Anwesenheit gar nichts in Rücksicht auf den Besitzer der Villa ; denn ihr Besuch galt nicht ihm , sondern Sulpicien , und es wäre dir leicht gewesen , durch einige geschickte Fragen die Wahrheit herauszubringen , wenn dein empörtes Herz dir Unbefangenheit genug hierzu gelassen hätte . Ich will hierdurch nicht sagen , daß du keinen Grund hättest , unruhig zu seyn ; ich bin vielmehr nach allen Nachrichten , die ich aus Nikomedien erhalte , beinahe überzeugt , daß Calpurnia einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht hat , daß jene Verhältnisse , die schon in Rom anfingen , hier fortgesetzt worden sind , und durch die Gewißheit , daß jedes frühere Band zerrissen sey , an Stärke und Rechtmäßigkeit gewonnen haben . Sie hat ihm , als er mit der Siegesbotschaft ankam , ein sinnreiches Fest gegeben , an dessen Schlusse sie ihm einen Lorbeerkranz um ' s Haupt wand , und dessen Inhalt ihm ihre Empfindungen für ihn auf eine eben so feine als schmeichelhafte Weise zu erkennen gab . Das Alles ist wahr , und deine Besorgnisse nicht zu tadeln ; aber ihn - ihn sollst und kannst du nicht so hart beschuldigen . Er ist ein Mann . Männer haben andre Gefühle , andre Pflichten als wir . Ihr Wirkungskreis ist der Staat , die Welt ; der unsrige sind unsere Kinder , unser Haus ; jenem gehören ihre besten Kräfte . Wir würden die Ordnung der Natur verkehren , wenn wir einen ausschließenden Anspruch an alle ihre Thätigkeit , alle ihre Empfindungen machen wollten . Wenn nun bei dem großen Treiben und Regen aller edleren Kräfte des Menschen , im Feld oder in wichtigen