hielt folgende Rede an Herrn Haber - » Was nennen Sie Freundschaft , jenes Weinen aneinander , jenes Lachen aneinander , jene Würdigung unserer eignen Armut in den Augen des Freundes , das gegenseitige Erseufzen über die Beschränktheit und Grenzenlosigkeit , das Hingeben und Annehmen von Dingen , die keiner brauchen kann , und die den , der sie giebt oder nimmt , zu unserm Freunde machen , weil grade kein andrer die Sache genommen hätte , das Aufessen einer einzigen Person , daß man endlich , an einem einzigen übersättigt , allen Sinn für das andre verliert , die gegenseitige Nothülfe der sich Nächsten , weil sie Not haben und faul sind - nennt ihr das Freundschaft - o dies kann nur in ärmlichen , stolzen und einseitigen Menschen Raum haben , die einen großen Nutzen in der Welt zu schaffen glauben mit ihren Empfindungen , und ihre eigne Armut zu beherbergen , einen Freund brauchen , der ihr in seinem Herzen ein Obdach verschaffe . - Alles dieses ist entweder gleichseitige Erbärmlichkeit oder Niederträchtigkeit und Barmherzigkeit , Dummheit und mitleidiger Stolz von der einen oder andern Seite . Freundschaft ist nur unter den Vortrefflichen möglich , deren ganzes Leben ein ewiger Fortgang nach dem Höchsten ist . Sie streben nicht darnach , denn alles Streben geht von Armut , Bewußtsein der Armut , Begierde und Vorsatz aus , wird dadurch absichtlich , und hört auf , eine freie schöne Handlung zu sein . « Hier fiel Herr Haber wieder ein : Streben wäre nicht frei , nicht schön , es dürfe keine Absicht sein . - » Lieber Herr Haber , « sagte ich , » stören Sie mich nicht . - Streben ist freilich erlaubt , auch Absicht , aber nur dem Künstler , der Genie war , und Künstler geworden ist , an diesem bin ich aber noch nicht - also - Sie streben nicht , sie sind ausgesandt von Gott , und wissen es nicht ; ihr Leben ist nichts als das fortgehende Bilden eines Kunstwerks alles Schönen , wozu sie gleichsam die Zeichen , die Buchstaben sind ; sie berühren sich wie Akkorde , und ihr Zweck ist der schöne Ausdruck des Liedes . So reihen sich Glieder an Glieder in schön geschwungenen Wellen , und bilden das herrliche Bild , so wechselt der Schritt der Silben , um des Liedes Tanz hervorzubringen , so gießt sich Farbe an Farbe und bildet des Gemäldes Zauberei . Diese Berührung ist die Freundschaft . Durch ihre eigne innere Bildung können zwei nebeneinander stehen , aber nur um der großen Harmonie ihrer Aufgabe willen . Die Eigentümlichkeit eines jeden bleibt unangetastet , und bleibt sie es nicht , so entsteht bei Farbe eine gebrochene schmutzige Halbtinte , wie bei Form Verwachsenheit . Die Stufen der Bildung , der Rang der einzelnen Freunde , verhält sich wie Buchstabe , Wort , Periode , Ton , Akkord , Satz , und im Innern sind sie als Zeichen gleich verwandt und würdig . Ja ich trage das Ideal eines Menschenkenners im Kopfe , der die Menschenarten in die einzelnen Redeteile oder Tonarten zerteilen und wirklich eine Grammatik und einen Generalbaß des Zusammenlebens hervorführen könnte . Man könnte nach seiner Wortfügung den Staat oder die Menschenfügung allein verbessern , und durch seinen Generalbaß allein die wahre Freundschaft finden , die in ebenso geheimnisvollen Gesetzen begründet bleibt als die Verwandtschaft der Töne . Man könnte dann ganze Völkergeschichten auf dem Klaviere spielen und in einzelnen Versen absingen , und es wäre das Leben zur Kunst geworden . Übrigens gehören zwei männliche Töne , die sich etwas herausnehmen und nur sich allein bilden wollen , in keine Melodie , und ihr Durchdringen kann ihnen nie gelingen , denn dieses liegt nur in der Liebe . Nur die Liebe kann erzeugen aus sich , die Freundschaft aber kann es durch sich . Die Liebe giebt den Ton und die Musik , die Freundschaft ist nur das Nebeneinanderstehen der Töne zur Melodie , die wieder ein Produkt der Liebe ist . Die Freundschaft wohnt in der Liebe , aber in ihr selbst ist keine Liebe , sondern nur Harmonie , Tonverhältnis . Die Eichen über uns , der ganze Wald um und um gedrängt , alle einig einem einzigen Zwecke , sie stehen grad und aufrecht nebeneinander . Jeder einzelne trägt die Liebe in seiner eignen Blüte , trägt die Liebe in sich - nur aus der Liebe konnten die Bäume erstehen , nur aus den Bäumen erstehet der Wald . Freunde sind sie alle , welche den Wald bilden ; einzelne stehen sich näher , diese werden Freunde genannt . Aber alle , die sich so aneinander drängen , stören sich . Sie mögen noch so malerische Gruppen bilden , noch so schöne Lauben wölben , so ist dieses doch nur für andere . Zwei dringen selten zugleich hervor , denn einer opfert sich immer dem andern , seinem eignen Leben zum Trotze , das zum Himmel in die Höhe sollte , zu atmen und zu duften . Nebeneinander stehen , vereint grünen oder welken , alles das gehört zum Walde ; sterben früher oder später , sich erkennen und zur selben Gattung gehören , das alles gehört zur Freundschaft . Wer den größten heiligsten Zweck hat , der hat die gebildetsten und treuesten Freunde , denn an dem Höchsten arbeitet nur die Wahrheit . Ob sich nun die Freunde kennen oder nicht , das ist gleichviel ; ja sich nicht zu kennen und in allgemeiner Menschenliebe fortbrennen , ist bei gehörigem Maß und Ziel wohl das Schönste , denn das allzu innige und angepriesene Freundschaftswesen wird meistens nichts anders als ein abgekartetes Spiel , einander freundschaftlich zu hudeln , und ist mir immer wie ein Produkt der langen Weile oder des Kurzweils erschienen . Das letztere wäre wohl das Beste , wenn doch eins von beiden sein sollte , denn es liegt etwas äußerst Komisches darin , mit großen , herrlichen Empfindungen vereinigt