Rand der Alpen , wo die Gletscher ragen , Ward meinem Herzen groß und weltenweit ! Da will ich Adler , will die Gemsen fragen : Wo geht der Weg zur ew ' gen Einsamkeit ? Dankmar freilich , in seinem unverwüstlichen Humor , sagte , er sähe doch , daß Siegbert sich noch einmal Muth fasse und zu den Adlern und Gemsen nachklettere . Ich wünsch ' es dir , rief er aus , Siegbert ! Olga würde deine Phantasie werden ! Olga ! Das ist die Königin der Kunst im Strahlenglanz , der dir gefehlt hat , guter Bruder ! Dies Mädchen würde dich umschweben wie ein ewiges Madonnenbild , selbst wenn sie eine Langschläferin wäre und Morgens Federn in den Haaren hätte ! Denn , bester Oleander , darauf kommt es an , daß eine Frau eine Göttin bleibt , auch wenn sie unsre Strümpfe stopft ! Siegbert , diese Olga wird als dein Weib vielleicht in niedergetretenen Hausschuhen , etwas salopp in ihrem Negligé , mit ungeordnetem Haar in der römischen Villa walten , die das Ziel deiner Wünsche ist , aber sie würde immer eine Hebe , eine Psyche sein , immer die Poesie selbst und deine wahre Erhebung , Bruder , auch wenn Ihr Schulden hättet und Eure Kinder halb nackt mit den Gänsen im Hofe um die Wette schrieen . Ja , ja , so käm ' es ! Wenn man Euch besuchte , würde kein Stuhl zu haben sein . Da liegen deine Kleider , dort die Nähtereien der Frau , hier die Spielsachen der Kinder , Alles ist voll Farbe , voll Zeichnungen , voll poetischen Schmuzes , aber deine Bilder werden genial sein , dein Weib wird dich den Muth lehren , an die Götter der Schönheit und der Liebe zu glauben ! Sie wird uns lachen machen , wenn es heißt , sie ginge selbst in die Küche und sorgte für Salat mit Eiern und holte den Wein aus dem Keller , aber wenn sie käme im blauen oder rothen Gewande , wie eine junge Römerin , wenn sie den Krug erhöbe mit schöngerundetem Arm und den Wein uns in die Gläser gösse , die wir uns inzwischen selber ausgewaschen haben , dann , Bruder , würd ' es doch ein Bild zum Malen werden und wir selber würden mitten in dem Rahmen von Epheu , Myrthen und am Fenster zum Trocknen hängenden Kinderwindeln uns schön erscheinen durch Olga , dein poetisches Weib ! Aber Siegbert ' s Briefe sprachen nicht von Olga . Es kamen viel Briefe an Dankmar von Siegbert aus Antwerpen , von Leidenfrost vom Tempelstein , von Werdeck aus Paris , von Louis Armand bald da- bald dorther . Dankmar lebte im lebendigsten Verkehr . Auch Dystra schrieb und sprach von seinen Bauten und dem entscheidenden Ja oder Nein ! das zwischen ihm und Siegbert wählen sollte , wenn die Ritter vom Geiste zum ersten Male in seiner Tempelabtei im Walde tagen oder turneien würden ... Oleander lächelte über die Theilnahme eines Dilettanten , der sich durch sein Vermögen und seine Bizarrerie über die üble Nachrede der vornehmen Welt hinwegsetzte und seit dem glücklichen Verkaufe seiner Güter in Rußland vor der Macht des Czaren geborgen war ... aber Dankmar rief aus : O wär ' ich frei , frei ! Oleander rieth zu einem Worte mit Egon von Hohenberg . Er wollte selbst zu ihm gehen , er wisse , daß er einer Erörterung zugänglich wäre , die Fürstin brächte wöchentlich Trost und Hoffnung nach Tempelheide , ja er hatte selbst sogar durch ein Gedicht eine sonderbare Beziehung zum Fürsten gewonnen , ein Gedicht , das Olga mit grausamer Bitterkeit » Cypressen am Grabe Helenen ' s , gepflanzt von Egon « nannte ... Oleander , der sich in die Stimmung aller dieser Seelen versetzte , hatte es eines Abends fast scherzhaft in Tempelheide improvisirt , Olga schrieb es sich sogleich verstohlen ab und schickte es anonym nach Paris ; Helene , wahrscheinlich auf ' s Tiefste verletzt , schickte es zurück an Egon , als wenn es doch wohl nur von Diesem gekommen wäre . Egon staunend zeigte das Gedicht Melanie und Melanie erkannte der zu solchen romantischen Umtrieben über und über geneigten Olga Hand , wodurch Egon dann die Autorschaft Oleander ' s erfuhr und diesen veranlassen mußte , die ausführliche Erläuterung eines schlimmen Misbrauchs zu geben , den man mit seinem poetischen Interesse an fremdem Seelenleid getrieben hatte . Dies eigenthümliche Gedicht , das in Egon in der That wach rief , was er zuweilen über den Maler Heinrich Heinrichson empfand , hatte gelautet : Wehe ! Welche Lippen läßt du schlürfen Wieder deiner Liebe Taumelwein ? Ist es denn dein innerstes Bedürfen , Andern Alles , Nichts dir selbst zu sein ? Nichts der Frauen größtem Liebesruhme , Nichts , Helene , dem Entsagungsschmerz ? O du stamm- und blattlosarme Blume , Wirbelnd um dich selbst gejagtes Herz ! Eine luftgetrag ' ne Orchidee , Schwankst und rankst du ohne sichern Wuchs , Fühlst , ob hold die Welt dich leben sähe , Doch den Tod des tiefsten Selbstbetrugs . Rosen träumst du ? Ach nur aufgerissen Bluten deine Wunden , wie sich kalt Auf des Nordpols eis ' gen Finsternissen Scheidend dunkelroth die Sonne malt . Opfre ! Doch im Leidenschaftgeloder Opfert selber sich ein Genius . Armes Lamm , das eine Schlachtbank oder Einen neuen Hirten finden muß ! Dies , wenn Helene es selber las , entsetzlich grausame Gedicht hatte Oleander als einen einfachen » Schmerzensruf der schwachen Seele an die schwache « niedergeschrieben . Für Olga war es aber ein wahrer Triumphgesang geworden . Sie konnte diese Verse mit einer Gebehrde vortragen , als hätten sie ihre Tante erdolchen sollen . Oleander berichtete , der Fürst hätte ihm gütig , sogar heiter auf seine ängstliche Entschuldigung erwidert ; aber Dankmar erklärte , er könnte die fast komische Veranlassung dieser Bekanntschaft zu seinem tragischen Falle nicht benutzen .