Picard kannte die Stärke des Mönchs und erblaßte nicht wenig über die funkelnden Augen , deren unheimliche , einer Kraftentfaltung vorausblitzende Macht er aus seinen Jugenderinnerungen heute zum zweiten mal wieder erkennen sollte ... Mit dem Narren in die Hölle ! rief Boccheciampo , Hubertus ' Gesinnung ahnend , zog ein Pistol und ergriff zu gleicher Zeit Picard ' s Arm , um seinen Gefährten zu befreien und ihn sich nachzuziehen ... Einen Augenblick fuhr Hubertus vor dem Pistol zurück , sah auch , mit einem zuckenden Blitz des Auges , daß Picard mit der Linken ein blankes Messer aus seinen Lumpen zog ... Doch schon hatte den wilden Mönch der Anblick zweier Bösewichter , die , um den Preis ihrer eigenen Freiheit , andere ins sichere Verderben ziehen wollten , zur Wuth entflammt ... Seine Hand drückte Picard ' s Arm so mächtig , daß dieser aufschrie und seinen Arm für gebrochen erklärte ... Hubertus suchte am Felsen seinen Rücken zu decken , ohne dabei Picard ' s rechten Arm loszulassen ... Laßt mich ! schrie dieser , drängte vorwärts und drohte mit seinem blitzenden Messer in der Linken ... Wie ein dem Ertrinken Naher , mit der ganzen fieberhaften Kraft , deren selbst die Feigheit fähig ist , wenn sie sich vor äußerster Gefahr zu retten sucht , suchte sich Picard loszuwinden und dem Italiener zu folgen , dessen Pistol sich jetzt zur Mehrung seiner Wuth als nicht geladen erwies ... Nun mußte Hubertus auch Boccheciampo abwehren ... Alle drei rangen ... Hubertus gegen zwei ... Immer näher kam der wilde Knäul dem jähen Abgrund des Felsenweges ... Mit verzweifelnder Anstrengung wollten sich die Ringenden der andern Seite zuwenden , wo die Felswand wieder höher emporstieg ... Da riß sich mit einer höhnischen Lache Boccheciampo plötzlich aus dem Knäul los , stürzte die andern vom Rand des Weges in die Tiefe und entfloh ... Mit einem gellenden Schrei suchte Picard sich im Fall zu halten - Vergebens ; die beiden Sinkenden glitten tiefer und tiefer ... Unten rauschte die wilde Flut des Neto ... Hubertus hielt sich an einer hervorragenden Strauchwurzel - ein Moment - und er hörte , daß Picard , der die Besinnung verloren hatte , unaufhaltsam in die zuletzt nur noch schroff sich absenkende Tiefe stürzte ... Eine Besinnung , eine Entschlußnahme war anfangs auch für Hubertus nicht möglich ... Eine Viertelstunde verging , bis er so viel Kraft gesammelt hatte , um sich wieder auf die Straße hinaufzuarbeiten ... Da hörte er in der Ferne Schüsse ... Als er auf die Straße kam , hatte sie ein Piket Soldaten besetzt und hielt Boccheciampo gefangen ... Auch den Mönch nahm man mit und ließ ihn streng bewachen ... In der Nacht krönte sich Boccheciampo ' s Verrath ... Aus dem Thurm zu San-Giovanni , in welchen Hubertus , ohne die Flüchtlinge warnen zu können , gefangen gesetzt wurde , vernahm er , wie oberhalb Firmiano ' s , wo ein einsamer , unbekannter Waldweg über den höchsten Gebirgskamm führt , ein kurzer verzweifelter Kampf der kleinen Schaar stattfand , die auf ihrem Wege gekreuzt und zuletzt gefangen genommen wurde ... Boccheciampo hatte den Soldaten die richtige Anzeige ihres nächtlichen Zugs gemacht ... Man führte die Verlorenen nach Cosenza - ... Auch Frâ Hubertus wurde später dorthin abgeführt ... Der Erzbischof nahm sich des Klerikers an , berichtete an den General der Franciscaner nach Rom und wieder kam die Weisung , den Worten des Bruders Hubertus vollen Glauben zu schenken und ihm jede Nachsicht zu gewähren ... Die Nachforschung nach dem verunglückten Gefährten des mit Pension nach Stromboli geschickten Boccheciampo gerieth ins Stocken ... Einige Wochen nach Hinrichtung der Bandiera , kam Hubertus auf freien Fuß ... Wie Hubertus erst heute wieder jene Stelle des Ringkampfs gesehen , wie er jetzt zu jenem Felsenpfade über sich emporblickte , der damals ein Todespfad für zwanzig Menschen geworden war , brachte ihm die bange Stimmung seines Gemüths in voller Gegenwärtigkeit auch den Augenblick zurück , wo er damals , nach Entlassung aus seiner Haft in Cosenza , von jenem Kreuze aus , das er am verhängnißvollen Orte vom Sindico zu San-Giovanni auf Befehl der Regierung errichtet fand , ein Wagstück vollführte , welches allen , die davon erfuhren , unglaublich erschien ... Mit Stricken , Hacke und Beil stieg der Tollkühne am schroffen Felsabhang nieder und suchte dem Opfer beizukommen , das dort unten noch im feuchten Schose des an jener Stelle von Menschenfuß noch nicht berührten Neto ruhte ... Im Ringen hatte Hubertus bemerkt , daß Picard unter seinen zerlumpten Kleidern ein Portefeuille trug , auch Geld und Geldeswerth bei sich hatte ... An letzterm lag ihm nichts ; im erstern aber fand er vielleicht Aufklärungen über die ihn wahrhaft empörende und mit höchstem Zorn erfüllende Täuschung , der er sich hingegeben vor noch nicht zwei Jahren , als er glaubte , Picard wäre nach Amerika gegangen ... Nur eine so von frühster Jugend gehärtete , an jede Lebensgefahr gewöhnte Natur , wie die seinige , konnte die Schwierigkeit dieser Unternehmung überwinden ... Hundertmal glitt sein halbnackter Fuß am zuletzt völlig senkrechten , glücklicherweise strauchbewachsenen Abhang aus ... Nichts hielt dann die Wucht des Körpers , als ein Zweig , eine Wurzel , welche die schon blutig zerrissene Hand unterstützte ... Wo ein hervorragender Stein oder ein Ast kräftig genug schien , befestigte der Muthige mitgenommene Stricke , die den Rückweg erleichtern sollten , falls sich aus der Tiefe der Schlucht selbst kein anderer Ausweg bot ... Ganz allein , und ohne irgend einen Zeugen sich an diese muthige Unternehmung wagend , kam Hubertus , blutend an Armen und Füßen , endlich bei den an dieser Stelle gehemmten , in einem Kessel wildtobenden Fall des Neto an ... Hoch spritzte der Schaum des von zerrissenen Felsblöcken zurückgeworfenen Gewässers auf - weitab nur vom Rande des Strombetts ließ sich an den Büschen mühsam weiterklettern ... Die Kohlenaugen des alten Jägers spähten rundum ... Hubertus fand , daß der