der Leidenden zu vergessen suchte . Jungen Liebenden kann ja nichts Glücklicheres geboten werden , als nach dem ersten aufflammenden und die Herzen entzündenden Erkennen ihrer Neigung die Trennung und in ihrem Gefolge die Nothwendigkeit eines längeren Austausches ihrer Empfindungen auf dem Papiere . Die Lüge wird hier reine Herzen nie beschleichen . Die Sehnsucht wird um den Ausdruck ihres Verlangens nie verlegen sein . Aber dazu , daß ein Verkehr der Gedanken , wie er bei dem süßen Gekose der unmittelbaren Nähe selten stattfindet , den Verkehr der Gefühle nun ablöse , bietet sich so die reichste Gelegenheit . Nun wird Das , was unbewußt und wie im Traum gekommen schien , nach seiner irdischen Möglichkeit noch einmal durchgedacht ; die magnetische Kraft , die ohne Erklärung um so wirksamer fesselt , stärkt sich nun durch die sittliche Begründung Dessen , was da so eng zusammenhielt , und stählt die Herzen für eine Zeit , wo auch das Urtheil und die weisere Erwägung sich sagen sollen : Du hast das gute Theil erwählt ! Das Leben selbst in seinen tausend Erscheinungen , in seinen oft grade dieser Liebe sich feindselig genug zuwendenden Stacheln wird in seinen drohenden Gefahren dann früh erkannt und die ganze Höhe schon übersehen , bis zu der die zärtliche Verschlingung der liebenden Arme ausdauern , sich stützen , sich fortgeleiten soll . Sieht man nach solchem Briefwechsel sich dann wieder , so kommt es wohl , daß man sich völlig neu und anders erscheint . Man hat ein altes Bild verloren , aber ein neues gewonnen . Es währt eine Weile , bis man sich rein menschlich wiederfindet , aber es währt nicht lange , das Befremden ist nur das des größeren Glückes , und man hat sich größer gewonnen , größer gefunden , gestärkter für des Lebens ganze Dauer und die ernsten Klippen aller seiner kommenden Prüfungen . Selma erwartete mit krankhafter Ungeduld des Freundesschicksals endliche Entscheidung . Sie erzählte in ihren Briefen an Dankmar von Anna von Harder , von Oleander ' s treuen Besuchen , seinem fortgesetzten Unterricht , von Olga Wäsämskoi ... Von dieser Letztern bestätigte sie , was alle Kreise über die Freundschaft der Mädchen erfahren und selbst beobachtet hatten . Selma nannte Olga einen stillen See , den träumerisch der Mond beschiene und von dem man Märchen erzähle , die uns erschrecken sollten , wenn sie auf Wirklichkeit begründet wären . Da wären gleichsam Götzenbilder einst wie von den ersten Christen in diesen See geworfen worden und nächtlich am ersten Tage des Mai rühre und reg ' es sich in dem See und die Heidengötter blickten aus dem aufgewühlten Gewässer mit düstern Augen empor und sähen sich die Welt an , wie sie nach ihrem Reiche inzwischen geworden . Aber nie wären es bei Olga doch solche Jungfrauen , die dann auftauchten mit falscher Liebe und jene Knaben in die Tiefe lockten , denen sie mit Wasserlilien gewinkt hätten oder gar böse und spukhafte Fratzen . Nein , Olga wäre wohl eine schlummernde Tragödie voll Leidenschaft , ja Zorn , ja Wildheit zuweilen , wenn sie ein schriller Ton wecke , aber ebenso auch könnte sie dem Idyll gleichen , wenn ihr ein Süßes , die Nachtigall , ein Schönes , die Kunst , riefe . Helene d ' Azimont hätte dem armen reichen Mädchen den Glauben an die Menschen genommen und doch liebe sie Helenen und weine auch um deren Irrthümer ! Sie hätte von Rafflard einst in Venedig das Schlimmste über Siegbert gehört , da hätte sie wollen wahnsinnig werden , sterben , hätte ein Kloster gesucht , aber - an der Hand des Teufels . Selma erzählte , daß Olga sich selbst gemalt hätte auf wilder Alpenhöhe , als Pilgerin herabblickend zu einem Kloster im Thale und der Teufel hätte ihr die Stufen gezeigt , die sie hätte betreten sollen , um hinüber zu kommen zu dem lockenden Glöcklein im Thale . Da hätte sie denn Rudhard ergriffen , gerettet vom Wahnsinn . Einer Todten gleich wäre sie nach Tempelheide zurückgekommen und Selma erst hätte sie zum Leben , wie es ist , geweckt , sie an Siegbert Wildungen wieder glauben gelehrt , den sie liebe , aber wie einen Verlornen . Olga Wäsämskoi , obgleich eine Fürstentochter , würde sich zur Königin erhoben fühlen durch die Liebe eines Künstlers und nie , nie würde man von Olga etwas Anderes vernehmen , als daß sie die Liebe selbst wäre und das Abbild der Treue . Und Siegbert schweige und thäte nichts und ließe Alles schlummern ! Oleander , Siegbert ' s Freund , billigte Siegbert ' s Handeln . Oleander hatte sich recht in diesen Bund verloren . Er sprach nie von Siegbert , wenn er in Tempelheide war und Olga seine Lehren mit denen Rudhard ' s verglich . Siegbert konnte ja nicht , wollte ja nicht , daß diese Leidenschaft durch ihn genährt wurde ! Er war zu selbstbeherrschend , Rudharden zu sehr verpflichtet . Er hatte sich von Brüssel , wo die Fürstin weilte , wohl ferne gehalten , aber auch nichts gethan , was den Plan , aus Olga zuletzt doch die Baronin Dystra zu machen , stören konnte . Olga sah darin Schwäche , geringen Lebensmuth , das einzige Unpoetische an Siegbert . Sie ließ sich einmal ihre Welt nicht nehmen und Oleander legte , ob er gleich wie Siegbert dachte , doch ihren Empfindungen gern Gedichte unter , die er Dankmarn vorlas , wie dieses : O laßt mich zieh ' n , ich kenne meine Straße ! Was frag ' ich viel ! Ihr wißt nur was Ihr wißt ! Von Eurer Liebe nicht , von Eurem Hasse Lern ' ich den Weg , der mir der rechte ist ! Die Pappeln und die Weiden laß ' ich Andern ! Mir duften Blumen nicht , im Staub ergraut ! Und muß ich über Strom und Felsen wandern , Will ich die Brücken nicht , die Ihr gebaut ! Am